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Liebe Freunde und Besucher, herzlich Willkommen im Tagebuch einer Japanreise - Teil 1 Auf diesen Seiten möchte ich Euch einen Eindruck von meinem Japanaufenthalt in Zentsuji vom 10. April 2006 bis 16. März 2007 vermitteln.
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5. Dezember 2005 |
Der Tag der EntscheidungAn diesem Tag hat sich meine Japanreise entschieden. Vorausgegangen war ein nervenaufreibendes Wochenende, bei dem es zum einen darum ging, will ich mir das alles antun oder nicht, und zum anderen stand am 6. Dezember die mündliche Diplomprüfung an. Seit klar ist, dass ich ein Jahr in Japan arbeiten werde, habe ich von nahezu allen Seiten Zustimmung und positive Rückmeldung bekommen. Dies ist eine unglaubliche Motivation, aber auch Verpflichtung und es gibt Kraft und Durchhaltevermögen - für Tage, die nicht so sonnig werden. Danke! |
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Januar 2006 |
Japanischsprachkurs am Japonicum in BochumDer Japanischsprachkurs hat's gebracht. Wir waren insgesamt eine Gruppe von 25 Schülern aus allen Bereichen der Wirtschaft, überwiegend Studenten und Trainees von Bosch. Wir fünf DBV'ler dazwischen. Die Atmosphäre war locker und erfrischend, es wurde sehr viel gelacht und trotzdem viel gelernt. Das Lehrerteam besteht aus sieben Lehrern, je zur Hälfte Japaner und Deutsche. Sie waren hoch motiviert und haben sich sehr um uns bemüht. Den Sprachkurs am Japonicum kann ich jedem ans Herz legen, der sich mit dem Gedanken trägt, eine Zeit in Japan zu verbringen. |
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Der Betrieb Während des Sprachkurses haben wir dann auch erfahren, wer wohin auf welchen Betrieb kommt. Das gab ein großes Hallo und vorbei war es mit der vornehmen Zurückhaltung. Ich denke, jeder hat einen Betrieb gefunden, auf dem er sich ein Jahr lang wohl fühlen wird. Einer sitzt auf Kyushu in der Nähe von Fukuoka, einer in der Nähe von Gifu bzw. Nagoya, einer sitzt direkt am Pazifik bei Hamamatsu, einer ist mein zukünftiger Nachbar, etwa fünf bis zehn Kilometer von meinem Standort entfernt und ich werde mein Jahr auf der kleinsten der japanischen Hauptinseln, Shikoku, verbringen. Der Betrieb bewirtschaftet 5 ha Reis und 35 ha Gemüse. Ich bin doch etwas von der Größe dieses Betriebes überrascht. Ich habe mit einem kleineren Betrieb gerechnet, aber es zeigt sich, dass Erwartungen einen ganz schön täuschen können. Der Betrieb baut laut Betriebsbeschreibung auf seinen 35 ha ca. 10 Sorten Gemüse an (Eisberg, Lauch, Okra, Kohl, Spinat, Blattgemüse, Salate, Frühlingsgemüse) und hat Gewächshäuser. Er liegt in der Präfektur Kagawa in der kleinen Stadt Zentsuji und wird von der Familie Kondo geführt. Meine Gastfamilie besteht aus dem Betriebsleiter (55), seiner Frau (51), deren Tochter (27), sowie den Großeltern (78 und 76), die alle mitarbeiten. Die Familie hat noch drei Kinder (25, 23, 21), die allerdings getrennt wohnen sollen. |
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| Februar 2006 |
Die Vorbereitungen Japan kann kommen - es ist zwar noch lange nicht alles vorbereitet, aber ich sitze hier im übertragenen Sinne auf gepackten Koffern und will los. Die Wochen bis Ende März sind nahezu komplett mit Besuchen bei Freunden, Abschiedsparty, Ausräumen, Packen, Arbeiten, Organisieren, Japanisch lernen etc. ausgefüllt. Ich arbeite noch bei IGLU und kann mir so ein wenig Geld verdienen. Trotzdem ist überall Abschiedsstimmung. Neulich fand mit der Diplomübergabe der letzte Akt des Studiums statt. Da wurde mir wieder mal klar, dass meine Zeit hier endgültig vorbei ist und ein neuer Lebensabschnitt kommt. Komisches Gefühl..... In den letzten Tagen habe ich zu vielen Freunden in Japan (wieder) Kontakt aufgenommen. Es wäre einfach schön, wenn man den einen oder die andere wieder sehen könnte. Mal schauen, wie die Rückmeldungen aussehen. |
| 19. März 2006 |
Die letzten Besuche Die vergangenen Wochen waren, wie zu erwarten, vollgepackt mit Vorbereitungen, Besuchen, Planungen, Einkäufen, Versprechen einlösen, etc. pp. Mit Dingen also, die man halt so zu tun hat, wenn man seine Zelte abbricht. Die Woche bei meinen Eltern war schön und entspannend und entgegen den Geboten der Fastenzeit, angereichert mit leckerem Essen, gutem Wein, Kartenspiel und viel zu viel Schnee. Die Arbeit im IGLU neigt sich auch dem Ende entgegen. Wie es scheint, werde ich nicht alle Aufgaben vollständig beenden können. Es gilt noch ein paar Berichte zu schreiben, das Mittwochsfrühstück vorzubereiten und eine unbekannte Anzahl an Kurzberichten über "meine" Projekte zu schreiben. Mal schauen, was davon tatsächlich verwirklicht wird.....Den Rest darf dann Christian oder sonst wer erledigen :-) Es sollte nur keiner auf die Idee kommen, mich in Japan anrufen zu wollen! Im Moment sitze ich im Frankfurter Hauptbahnhof im Zug nach Kassel und wir haben jetzt schon mind. 8 min Verspätung. Die Züge in Japan sind pünktlich - da kann man die Uhr danach stellen. Immerhin eine Sache, die ich dort nicht vermissen werde..... Das vergangene Wochenende war irgendwie typisch für die letzten Wochen. Donnerstag in Wolfenbüttel gearbeitet und den Abend in Braunschweig verbracht. Freitag früh nach Göttingen gefahren, alles im IGLU abgeladen, schnell nach Hause, Waschmaschine angeschmissen, Bude aufgeräumt, fürs Wochenende gepackt und nach Dudenrode gefahren. Dort gut zwei Stunden verbracht und prompt wieder nach Mainz aufgebrochen. Jetzt habe ich ein schönes, aber auch anstrengendes Wochenende mit Männerspielzeug und heißen Situationen (gell, Harald), gutem Essen und langen Nächten hinter mir. Kommendes Wochenende will ich im Club in Wiz meine finale Abschiedsparty feiern. So wie es bislang aussieht, kommen noch mal alle Freunde auf einem Haufen zusammen. Das könnte eine gute Party werden...... Ebenso werde ich nächste Woche die letzten Tage im IGLU arbeiten. Die letzte Märzwoche ist für auflösen und aufräumen reserviert. Es geht auch hier dem Ende entgegen.
Und es wird mir immer deutlicher bewusst, dass sich meine Zeit hier dem Ende entgegen neigt - und ich kann mittlerweile all diejenigen verstehen, die sich diesen Stress ersparen und gleich in Witzenhausen bzw. an ihrem Studienort bleiben. Allerdings entgehen ihnen dann sicherlich auch einige interessante Erfahrungen. |
| 25.März 06 |
Die Abschiedsparty im Club Freunde, was soll ich sagen....Ich kann mich bei allen, die dabei waren, nur von ganzem Herzen bedanken. Ihr habt mir einen unvergesslichen Abend geschenkt und mir gezeigt, was es heißt, Freunde zu haben. Eure ehrliche Freude und Anteilnahme an meiner Zukunft ist Geschenk, Motivation und Verpflichtung gleichermaßen. Es hat mich riesig gefreut, Euch alle noch einmal auf einem großen Haufen zusammen erleben zu dürfen. Danke für die Geschenke, die unterhaltenden Spielchen, die leckeren Speisen (wobei ich gestehen muss, dass ich trotz Bärenhunger nur einen Teller Curryreis gegessen habe - für die restlichen Speisen war ist zu langsam und habe zu viel geredet), für die Hilfe beim Aufräumen, für die Musik (meinen Nacken werde ich mindestens eine Woche lang spüren), für das Frühstück und einfach nur für Eure Anwesenheit. Ihr macht es mir nicht leicht, von hier weg zu gehen.
Meine Kanjikarten haben offensichtlich für viel Spaß gesorgt und ich wurde gefragt, wo man die denn bekommen kann. Ich habe meine vom Japonicum Bochum erhalten und man kann sie hier kaufen. Einige von Euch haben Bilder gemacht. Ich würde mich freuen, wenn ich die Bilder bekommen könnte. Wer möchte, kann eine CD hierhin schicken. Danke. |
| 9.April 2006 |
Muss i denn, muss i denn.... So langsam hat das (elendigliche) Warten ein Ende. Es gibt doch nicht schlimmeres, als auf etwas zu warten, wovon man nicht weiß, wie es wird. Eine Mischung aus freudiger Erwartung und leichtem Muffensausen. Das ist nicht lustig, kann ich Euch sagen. Aber egal, morgen um 11.25 Uhr geht der Flieger ab Stuttgart via London nach Tokyo... Die Tage seit der Abschlussparty durfte ich mit Wohnung auflösen, packen und letzten Abschieden verbringen. Das war noch mal richtig anstrengend und ich frage mich, warum man Menschen erst zu einem Zeitpunkt richtig kennenlernt, wenn eh schon alles vorbei ist????? Jetzt ist alles gepackt und die 20 kg im Rucksack und 6 kg Handgepäck sind erreicht. Heute Mittag wird es noch einmal Essen nach "deutscher" Art geben, wie es sie öfters in den letzten Wochen gegeben hat (häufiger O-Ton: "Iss noch mal kräftig, wer weiß, wann Du so was wieder bekommst" - begleitet von einem frechen (hämischen?) Grinsen). Neulich habe ich mit meinem zukünftigen Nachbarn telefoniert und der hat mir glücklicherweise gestanden, dass er seit Bochum ebenfalls nur wenig Japanisch gelernt hat. Alleine macht das einfach keinen Spaß und somit müssen wir uns eben in Japan ein bisschen mehr anstrengen. Wird schon irgendwie klappen.
So viel bis hierher. Demnächst werde ich aus dem wilden Osten berichten und harre nun der Dinge die da kommen. Eines noch an meine vielen "Gönner und Freunde" - sollte ich aus dem fernen Japan zurückkehren, habe ich selbstverständlich mindestens eine kleine, hübsche Japanerin dabei (wenn es sein muss, auch mit Drillingen) und sofort nach meiner Rückkehr werde ich die 2.000 ha Ried- und Moorflächen am Hof meiner Eltern fluten und darauf Reis anbauen. Warum sonst sollte ich nach Japan fahren wollen?
Eigentlich wollte ich noch zu viel mehr Leuten Kontakt aufnehmen, aber die Vorbereitungen haben dies leider häufig zunichte gemacht. Ich hoffe, dies wird mir verziehen. Lasst es Euch gut gehen, bleibt anständig und sauber (ich will keine Klagen hören) und bis die Tage. |
| 21. April 2006 |
Ja, ich lebe noch!!!! Und wie!! So meine Lieben. Lange habe ich nichts mehr von mir hören lassen, aber im Moment habe ich mal wieder Zeit und Ruhe für mein Tagebuch. So will ich Euch denn von den ersten Tagen in Japan und von meinem Betrieb berichten.
Tokyo - 11.4. - 19.4. Unser Sprach- und Einführungskurs in Tokyo hat allen Spaß gemacht und auch viel gebracht. Letztendlich war es zwar nur eine Wiederholung der Inhalte von Bochum, aber was man in drei Monaten alles vergessen kann, ich schon erstaunlich. Unsere Lehrer haben uns neben der Sprache auch viel über Land und Leute beigebracht und das allabendliche heisse Bad war nach den Anstrengungen des Tages ein Genuss. Wir fünf plus der eine Däne haben uns prächtig verstanden und eigentlich gab es immer was zu lachen (Shoppingmolche und Lustmolche, Frühgymnastik morgens um halb sieben zur immer gleichen Melodie, anderen Gruppen beim Frühsport zusehen, was manchmal mehr ans Militär, denn an die Angehörigen einer Firma erinnert, gackernde Girlies, Menschenmassen in Shinjuku und was weiß ich noch alles). Alles ist fremd und doch ein wenig vertraut. Zweimal Japan bereitet einen doch auf einiges vor :-)) Einmal habe ich voll verschlafen und der ganze Laden musste wegen mir warten - ich kann Euch sagen, im Land der (Über-)Pünktlichkeit ein großer Fehler......Erde tu' Dich auf und verschling mich! Und am selben Tag habe ich gleich den nächsten Bock geschossen und habe mich, ohne Rücksprache mit den verschiedensten Verantwortlichen zu halten (schließlich war es in meiner Freizeit (meinte ich)), mit Mayuko in Shibuya verabredet. Das hat mich zusätzlich noch ein paar graue Haare gekostet, bis alle damit einverstanden waren und ich meinen Kopf wieder aus der Schlinge hatte..... A propos Shibuya Station - das ist Tokyo, wie man es sich (am schlimmsten) vorstellt - riesige Menschenmassen queren im Minutentakt eine riesige Kreuzung, alle Gebäude hängen voll mit blinkenden und tutenden Anzeigetafeln und Leinwänden und der (angeblich) berühmteste Treffpunkt in Tokyo ist so voll mit Leuten, dass man sich dort gar nicht treffen kann, es sei denn, man hat ein Handy. Das macht diesen Platz dann auch wieder so interessant, weil man ständig Leute beobachten kann, die am Treffpunkt stehen, aufgeregt in ihr "keitai" reden und wild um sich schauen, um dann urplötzlich in Freudenschreie auszubrechen, weil der Anrufende plötzlich direkt vor einem auftaucht. Ohne die moderne Technik wäre ein Suchen und Finden an diesem Platz denn auch unmöglich. Wirklich sehenswert. Und wie soll es anders sein, habe ich dort ein Pärchen aus Bad Säckingen, Südbaden, getroffen. Deren Sprache war einfach unverkennbar.
Ankunft und die ersten Tage auf Shikoku Wir (Stefan und ich) sind mit dem Flugzeug von Haneda nach Takamatsu geflogen und wurden dort von unseren jeweiligen Chefs abgeholt. (Kleine Anekdote am Rande: Das JAEC hatte die Flugtickets für den 18.4. gekauft, wir sind aber erst am 19.4. geflogen - das hat denn auch zu einiger Verwirrung geführt und es musste extra einer aus dem Hauptquartier an den Flughafen kommen und die neuen Tickets (die doppelt so teuer waren) bezahlen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich da einer einen gewaltigen Rüffel eingefangen hat...). Bereits beim Drüberfliegen konnte man einen Eindruck von Shikoku bekommen. Es gibt sehr viele Hügel und Berge, die größtenteils bewaldet sind. Die verbleibende, geringe ebene Fläche wird dann auch sehr intensiv genutzt. Zu meinem Chef würde man auf Neudeutsch "Powermensch" sagen - immer unter Volldampf ("I am very busy"), alles wird im Laufschritt erledigt und desgleichen erwartet er auch von seinen Mitarbeitern. Kurz nach meiner Ankunft habe ich mit meinem kleinen Rucksack (das große Gepäck war noch unterwegs) mein Appartement bezogen und weil ich komplette Selbstverpflegung habe und in der Küche außer einem Gasherd, einer Spüle, einem Reiskocher und einem Wasserglas nix drin stand, sind wir anschließend sofort inkl. dem Vorarbeiter zum Einkaufen gefahren. Man stelle sich die Situation vor: drei Männer gehen einkaufen, weil sie eine Küche einrichten wollen. Zwei davon haben von der Arbeit in einer Küche herzlich wenig Ahnung ("frag bitte meine Frau nach der Funktion des Reiskochers"), der andere kann die Sprache nicht, kennt die Leute nicht, weiß nicht was er will und wie viel Geld er ausgeben darf, soll aber entscheiden, was er zum kochen an Gerätschaften braucht, was er morgen kochen will und das alles unter Zeitdruck, denn wir haben es eilig und würden am liebsten schon wieder bei der nächsten Arbeit sein. Also - entspannt einkaufen ist was anderes...... Trotzdem habe ich die wichtigsten Sachen bekommen, aber der Einkaufszettel der Sachen, die noch fehlen, ist ganz schön lang. Die Wohnung liegt im ersten Stock über der Verarbeitungshalle mitten auf dem Betriebsgelände. Sie ist angenehm groß, das Bett reicht aus und ich kann mich wirklich nicht beklagen. Neben mir wohnt eine der thailändischen Arbeiterinnen und die dritte Wohnung steht noch leer. Ich habe ein eigenes Bad (1,80 x 1,40, inkl. Badewanne, Toilette und Waschbecken), eine (fast) komplette Küche, ausreichend Platz und einen guten Ausblick. Pro Monat bekomme ich neben den 40.000 Yen "Entlohnung" noch mal 40.000 Yen von Herrn Kondo für meine Lebenshaltungskosten. Wie ich damit hinkomme, wird sich zeigen. Am ersten Tag haben wir auch die ID-Card (Aufenthaltsgenehmigung) auf dem Rathaus beantragt und bei der örtlichen Agrargenossenschaft ein Konto eröffnet. Herr Kondo scheint über einigen Einfluss bei der örtlichen Genossenschaft zu verfügen, denn sobald er da rein rennt (im wahrsten Sinne des Wortes) springt die Hälfte der Mitarbeiter auf und bemüht sich um ihn. Er hat mir dann auch gleich die wichtigsten Chefs und Mitarbeiter vorgestellt (ich "durfte" mich natürlich auf Japanisch vorstellen) und dann ging es zum Boss vom Ganzen. Derjenige, der der Chef der regionalen Agrargenossenschaft ist, wovon allein Zentsuji 1.600 Mitglieder beisteuert. Ich bin also mit Herrn Kondo in sein Büro rein und was sagt der Gute zu mir? "Ich freue mich, Sie kennenzulernen". Da bin ich beinahe aus den Latschen gekippt, denn dass da einer Deutsch spricht und das gar nicht mal schlecht, habe ich als Letztes erwartet. Es hat sich dann herausgestellt, dass Herr Ukawa einige Zeit in Deutschland gelebt hat, vor kurzem erst wieder eine Woche in Deutschland war und Mitglied der Deutsch-Japanischen Gesellschaft ist. Seine Schreibtischunterlage ist demzufolge eine Karte von Deutschland. Mal schauen, was aus dieser Bekanntschaft noch wird, denn er will mich eventuell mal mit zu einem Treffen der dt-jp. Gesellschaft mitnehmen (Herr Kondo will da dann auch dabei sein).
Der Betrieb Herr Kondo bewirtschaftet einen Gemüsebetrieb mit ca. 45 ha Gesamtfläche. Das ist für japanische Verhältnisse, zumal in dieser Region, sehr groß. Diese 45 ha verteilen sich auf ca. 200 Einzelflächen und sieben Gewächshäuser, wobei die z.T. noch mal unterteilt sind. Auf dem Betrieb arbeiten neben den fünf Familienmitgliedern sieben Japaner (5 Männer, 2 Frauen), fünf Chinesen (drei Männer, zwei Frauen) und zwei Thailänderinnen. Die Männer sind für die Feldarbeit und die Ernte zuständig, die Frauen arbeiten die Ernteprodukte auf. Herr Kondo ist nach eigenen Aussagen häufiger im ostasiatischen Raum unterwegs (Januar: China, Februar: Malaysia; März: China, April: Thailand und Laos). Was er da genau macht, kann ich nicht sagen, aber es geht unter anderen darum, Arbeiter und Praktikanten nach Japan zu bringen. So werden im August die Chinesen den Betrieb verlassen, aber gleichzeitig kommen acht "neue" chinesische Arbeiter auf dem Betrieb. In den vergangenen zwei Tagen wurden Eisberg- und andere Blattsalate, sowie Spinat und Frühlingszwiebeln geerntet. Der Arbeitstag beginnt um 7.50 Uhr mit der Arbeitsbesprechung auf dem Hof, um 12 Uhr ist für eine Stunde Mittagspause und um 17 Uhr ist für die japanischen Arbeiter Feierabend. Um 10 Uhr und um 15 Uhr gibt es kurze Kaffeepausen. Die chinesischen Arbeiter arbeiten meistens noch länger, da jede Stunde laut Herrn Kondo bares Geld bedeutet und sie nach einem Jahr Arbeiten in Japan als reiche Menschen in ihre Heimatländer zurückkehren können. Mein freier Tag ist der Samstag, da am Sonntag die Waren für den Markt und die Agrargenossenschaft, die am Montag gebraucht werden, fertig gemacht werden müssen. Die Arbeit und die Arbeiter laufen alle auf Hochtouren und wenn grad keine Kaffeepause ist, gibt es keinen Stillstand. Meinereiner war ja bislang eher im Büro tätig und dementsprechend die körperliche Arbeit nicht gewohnt. Hier hatte ich bereits zur Mittagszeit des ersten Tages mein Hemd komplett durchgeschwitzt, der Rücken war deutlich zu spüren (wer hat eigentlich die Durchschnittsgröße der Japaner festgelegt??? Den sollte man mal einen halben Tag an die Frühlingszwiebelwaschmaschine stellen.... also nee....) und es wird kein Meter zu Fuß zurückgelegt. Alle Wege werden mit so kleinen LKW gemacht, weil alles andere viel zu langsam wäre. Ich will mich aber nicht beklagen. Die Arbeit, soweit ich sie kennengelernt habe, macht Spaß und die Kollegen sind absolut in Ordnung. Herr Kondo arbeitet selbst nicht auf dem Feld mit, sondern ist mit was-weiß-denn-ich beschäftigt.
Kabuki Heute nachmittag hat mich Frau Kondo dazu eingeladen, Kabuki zu anzusehen. Kabuki ist eine spezielle Form des traditionellen japanischen Theaters, sehr berühmt und, soweit ich weiß, keine Veranstaltung, die man ständig irgendwo besuchen kann. Demzufolge durchaus was besonderes (und auch besonders teuer - 13.000 Yen pro Person!). Das Theater fand nahe des Konpirasan-Tempels in Kotohira statt. Der Raum war, für europäische Geschmäcker, sehr ungewöhnlich eingerichtet. Der Zuschauerraum war in viele kleine, ca. 1,80 x 1,40 m große Rechtecke aufgeteilt, in dem jeweils fünf Menschen auf dem Boden gesessen haben. Enge Angelegenheit, kann ich Euch sagen. Den Raum selbst kann man nicht mit einem europäischen Theater vergleichen, sonder war eben "japanisch" eingerichtet. Die erste Stunde fand ich dann auch recht seltsam, zumal die Musik sehr fremd und die Sprache völlig unverständlich war. Wenn man sich aber mal auf den Stil eingelassen hat, ist Kabuki eine unglaublich faszinierende und ungewöhnliche Form des Theaters. Es treten nur Männer auf, d.h. auch die Frauenrollen werden von Männern gespielt. Sehr aufwändige Gewänder und eine gute Requisite machen das Ganze zu einem Genuss. Die Darsteller waren meiner Ansicht nach sehr gut und ich konnte zumindest den groben Sinn der Stücke verstehen. Kabuki kann man nicht beschreiben, wenn es der Gegenüber nicht kennt. Aber ich kann jedem nur empfehlen, sich diesem Genuss ohne Erwartungen völlig hinzugeben und diese Form des Theaters kennenzulernen. Sucht mal im Internet nach Informationen und Bildern darüber. Vielleicht vermitteln diese einen Eindruck davon. Und wenn es dann auf einmal Kirschblütenblätter regnet.....
Das soll für's Erste reichen. Morgen habe ich meinen freien Tag und den werde ich wahrscheinlich damit verbringen, Zentsuji per Rad zu erkunden. Außerdem muss ich die Ausstattung meiner Wohnung noch etwas erweitern ;-) |
| 25. April 2006 |
Verkehr in Japan - ein Erfahrungsbericht Irgendwie ist das hier alles ein wenig anders. Erst mal fahren die alle auf der falschen Seite. Kaum guckste, ob von links einer kommt, weil Du über die Strasse willst, wirste schon von rechts beinahe umgefahren. Dann gilt eigentlich fast überall ein Tempolimit von 50 km/h, häufiger auch nur 40 oder 30. Aber natürlich hält sich keiner dran, die heizen, was die Karre hergibt. Am liebsten im kleinstmöglichen Gang in den höchstmöglichen Drehzahlen. Ampeln gibt es auch - aber wenn die auf rot umschalten, wird deswegen noch lange nicht angehalten. Nein, da wird erst richtig Gas gegeben. Des gleichen gilt auch in dem Fall, in dem der Gegenüber Vorfahrt hat. Überhaupt sind die Dorf- bzw. Stadtgrenzen meines Erachtens nur von Fachleuten zu erkennen. Häuser an Strassen gibt es überall, aber ob die nun innerhalb des einen Dorfes, zwischen den Dörfern oder gar innerhalb des anderen Dorfes stehen, weiß allenfalls ein Einheimscher. Ein Ausländer kapiert garantiert nichts. Als nächstes ist dieses Land komplett von Kanälen und Wassergräben durchzogen. Das wäre an und für sich nicht weiter tragisch, wenn die direkt danebenliegenden Strassen und Wege nicht mind. 1 m über dem Wasserspiegel liegen würden. Was auch nicht weiter tragisch wäre, wenn die Japaner (s.o.) nicht heizen würden, wie die Wahnsinnigen, und die Wege breiter als das Auto wären, was sie aber nur manchmal sind... In diesem Land, in dem bekanntlich vieles ein wenig kleiner ist, als anderswo, sind auch die Felder wesentlich kleiner. Da man aber zu jedem Feld und Haus hinfahren muss, gibt es dermaßen viele Wege, kleine Wege, kleinste Wege, Buckelpisten und die dazugehörenden Kreuzungen, Kehren und Wenden, dass man eigentlich nie weiß, wo man sich befindet. Zufälligerweise kommt man aber immer da an, wo man hin will. Dieses Strassenwirrwar existiert auch in den Städten. Da gibt es offizielle Strassen, die überdacht und höchstens so breit wie ein Auto sind, aber nur, wenn nichts auf der Strasse zum Verkauf angeboten wird. Dies hindert aber keinen daran, da im höchstmöglichen Tempo durchzufahren. In Deutschland würde man solche "Strassen" sogar für Fahrräder sperren. Sehr beliebt sind so kleine, schnucklige LKW, die es nur in weiß gibt und mit denen man alles transportieren kann. Wobei außer einem Motor, einem Lenkrad, der Gangschaltung (wobei, wie oben erwähnt, der fünfte Gang nie, der vierte nur höchst selten verwendet wird) und dem beliebten Gaspedal keine Luxusausstattung vorhanden ist. Ebenfalls sehr beliebt scheinen Fahrzeuge zu sein, die einen Flugzeugmotor zu haben scheinen. Jedenfalls habe ich bislang häufiger in den Himmel gestarrt und den Motorflieger gesucht. Stattdessen kam ein Motorroller, ein Auto oder ein LKW angefahren. Das nächste Kapitel, über das zu berichten lohnt, sind die Fahrräder. In Japan kann es nur einen Hersteller von Fahrrädern geben (man sieht eigentlich nur ein Modell - an der Lenkstange ein Korb, Nabendynamo, kein Gepäckträger und kein Rücklicht) und dessen Probefahrer muss Gulliver aus Lilliput mitgebracht haben. Anders kann ich mir nicht erklären, warum hier alle (mich eingeschlossen) auf ihren Rädern sitzen, wie der Affe auf dem Schleifstein. Von durchgestreckten Beinen kann in keinem Fall die Rede sein, eher davon, dass die Knie laufend am Lenker anschlagen.
Dieser Bericht ließe sich noch seitenweise fortführen, aber das kann man eigentlich nicht beschreiben, das muss man gesehen haben. Eines sei vielleicht noch angemerkt. Bisher bin ich vor allem mit meinen Kollegen vom Hof zum Feld und von Feld zu Feld gefahren. Da eigentlich immer alles schnell erledigt werden muss, muss man(n) eben auch mal ein wenig Gas geben. Die oben aufgeführten Fahr(er)eigenschaften treffen sicherlich nicht auf jeden Japaner zu. Aber zumindest auch auf den einen oder anderen Taxifahrer...... |
| 27.April 2006 |
Seelenverkäufer Bislang war ich auf mein "grünes" Gewissen ja ganz stolz und eigentlich wollte ich das auch beibehalten. Aber da steht dann wohl das Gemüse dazwischen. Jedenfalls finde ich mich heute auf dem Acker wieder, eine Rückenspritze auf dem Rücken (wo sonst) und beim fröhlichen Ausbringen von Round Up (für alle Nicht-Landwirte und eingefleischten Ökos: das ist ein Totalherbizid - hilft gegen alles). Keine Ahnung, wie viel Fläche wir damit besprüht haben, aber ein paar Hektar dürften es gewesen sein. Wie gerne denkt man da an eine 27m-Spritze zurück. Die hätte hier nur die Nachteile, dass man sie erstens wegen der engen Zufahrten nicht aufs Feld bekommen würde und man zudem mindestens drei bis fünf Nachbarfelder auf einen Schlag mitbehandeln würde.... Der Wind hat natürlich auch nicht weiter gestört...Zudem lag das Mischungsverhältnis bei einer halben Tonne Wasser und einem ordentlichen Schuss Spritzmittel. Wird schon passen - lieber ein wenig zu viel als viel zu wenig. So gehen Überzeugungen baden.
So langsam gewöhnt man sich aneinander. In der ersten Woche war die Zurückhaltung doch merklich zu spüren. Außer dem Chef und dem Vorarbeiter hat sich eigentlich keine (r) getraut, mit mir zu reden und bei Fragen meinerseits war ziemlich schnell Schluss. Aber gerade gestern und heute hat sich in dieser Hinsicht viel getan. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede, ob man sich in einer Gruppe befindet oder alleine mit einem zusammenarbeitet. Sobald man allein zu zweit ist, klappt das mit der Kommunikation richtig gut.
Die Frühlingszwiebelwaschmaschine im Fernsehen Heute Vormittag habe ich mich mal wieder mit der Wäsche von Frühlingszwiebeln beschäftigt, da taucht auf einmal ein Trupp Leute auf, einer mit einer riesen Kamera auf der Schulter, daneben sein Toningenieur und draußen stand ein Anzugträger und hat unseren Vorarbeiter interviewt. Ich kann Euch sagen, das ist vielleicht ein komisches Gefühl, wenn man dreckige Klamotten anhat (man ist ja schließlich eitel), ziemlich schnell arbeiten muss, damit das Gemüse nicht den falschen Weg nimmt und gleichzeitig direkt neben einem einer mit einer Kamera steht und Nahaufnahmen der Arbeit und einem selbst macht. Ich konnte mir ein Grinsen absolut nicht verkneifen, weiß aber bislang nicht, wer oder was das war. Jemanden, der Bescheid weiß, habe ich noch nicht auffinden können..... Die Jungs sind dann mal geschlagene fünf Minuten um uns rumgeturnt und haben gefilmt. Was das wohl werden soll??? |
| 29. April 2006 |
Nachtrag Mir wurde mittlerweile von mehreren Seiten bestätigt, dass auch Japaner beim Kabuki häufig nichts verstehen. Das beruhigt doch sehr.
Die Geschichte mit dem Kamerateam hat sich ebenfalls aufgeklärt. Wenn ich es denn richtig verstanden habe, geht es darum, jungen Menschen mögliche Arbeitsfelder aufzuzeigen. Eines dieser Arbeitsfelder ist eben die Landwirtschaft. Aber warum TV Tokyo dazu ausgerechnet auf unseren Betrieb kommt, ist mir nach wie vor schleierhaft. Die Chefin meinte nur lakonisch, die Kondos seien eben berühmt in Japan. Weiß man's? Die Sendung soll am 3. oder 4. Mai abends gegen 11 Uhr kommen und "wir" werden vermutlich einen dreißig Sekunden Beitrag darstellen. Mal schauen, was es zu sehen gibt. |
| wegen der Übersichtlichkeit geht es ab jetzt im 2. Teil des Tagebuchs weiter. |