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 Liebe Freunde und Besucher, herzlich Willkommen im

Tagebuch einer Japanreise - Teil 9

Auf diesen Seiten möchte ich Euch einen Eindruck von meinem Japanaufenthalt

in Zentsuji vom 10. April 2006 bis 16. März 2007 vermitteln.

 

 

17. Dezember 2006

Ein 3. Advent, wie er (in Japan) sein muss

So genau weiß das keiner mehr, wann Stefan und ich das letzte Mal einen freien Tag gemeinsam verbracht haben und nur das getan haben, was wir wollten.

Heute war wieder so ein Tag, wenn ich mal von dem Samstagabend absehe, an dem wir uns schon treffen wollten, Stefan aber..... das gehört jedoch noch nicht hierher ;-)))

 

Jedenfalls kam er Sonntagmorgen zu mir, riss als Begrüßung erst mal die Türklinke ab und mit diesem Start in den Tag konnte das Frühstück doch nur was werden.

Unser Ziel hieß heute Kotohikikoen oder auch 琴弾公園 und danach, wie gehabt, wenn wir beide unterwegs sind, muss ein Onsen unseren Besuch ertragen.

琴弾公園 ist ein Park in Kanon-ji, rund 20 km weg von hier. Sollten sich jetzt aufmerksame Leser unter meinen Tagebuchlesern befinden, so werden sie vielleicht aufmerken, wenn ich von „the big money“ spreche. Denn in diesem Park liegt die riesige Münze aus Sand, die ich im letzten Leben schon mal mit meinem Chef besucht habe.

Das Wetter für diesen Tag war so, dass man von drinnen sagen würde „Nie im Leben gehe ich bei solch einem Tag raus“ und wenn man sich aufgerafft hat, ist es super. Stark bewölkt, ein starker Wind, immer mal wieder kurze Schauer und doch hin und wieder Sonnenschein.

 

Wenn wir beide unterwegs sind, ist es Usus, dass das Onsen verdient sein will und zuvor gelaufen und ein Berg bestiegen wird. Der heutige Berg fiel eher klein aus, aber von oben hatte man tolle Sicht auf die Münze und das Meer. Das Meer war recht bewegt und Türkis in allen Schattierungen. Hin und wieder fielen von schräg die Sonnenstrahlen darauf und so war der Anblick der Schaumkronen auf dem Wasser einfach schön. Die Münze (Stefan hatte sie zum ersten Mal gesehen) ist eh beeindruckend.

Nach der Münze ging es an Strand. Der Wind blies uns kräftig um die Ohren und den Sand ordentlich über den Strand. Am Strand lagen unendlich viele kleine Muscheln und Schnecken und bei genauerer Betrachtung gab es die in allen Farbkombinationen, die man sich so vorstellen kann. Trotz des Windes, der uns manches Mal die Muschel aus der Hand blies, war es einfach schön, Muscheln zu sammeln „he, schau mal die hier an, die ist doch schön...“ Und als Stefan dann noch auf die Idee kam, dass ich als Wichtelgeschenk ja Muscheln verschenken könnte.... Die Kameratasche wurde kurzerhand als Muscheltresor umfunktioniert und die Kamera dem Sandsturm und Spritzwasser ausgesetzt.

Doch irgendwann wurde es uns einfach zu kalt und so ging es auf die Suche nach dem Onsen. Wir hatten es einmal nach einem spontanen Karaokebesuch spontan mit Stefans Gastfamilie bei Nacht besucht und so war die Frage, ob wir es wieder finden würden. Taten wir und wieder einmal – ein Onsen ist Genuss pur! Vor allem, wenn man durchgefroren ist, die Hände kaum in der Lage sind, die Knöpfe an der Hose aufzumachen und der Wind durch alle Knochen bläst. Dann rein ins warme Wasser und aufhören zu denken.

 

Die Rückfahrt passte sich gut unserem eh immer tadellosen timing an und so standen wir gegen 16 Uhr wieder in meiner Bude, schauten Fotos, tranken Tee und dann – weil ich doch Heilig Abend keine Zeit habe – war Bescherung. Wie kleine Kinder saßen wir einander gegenüber, jeder gespannt wie ein Flitzebogen und dann wurden die Geschenke ausgetauscht. Von Stefan bekam ich Buch der „Maus“, auf Deutsch und Japanisch. Richtig super! Stefan bekam zwei sehr große Fotos von mir.

Die Zeit mit ihm hier ist für mich schon was besonderes und ohne ihn wäre mein Japanaufenthalt nur  halb so gut. Das stellen wir beide immer wieder fest.

Ganz besonders gut an seinem Geschenk hat mir aber seine Widmung gefallen:

 

Wo kämen wir hin,

wenn alle sagten, wo kämen wir hin

und keiner ginge, um zu sehen,

wohin wir kämen, wenn wir gingen?

 

... wir sind gegangen!

Und ich denke, wir haben uns richtig entschieden!

18. Dezember 2006

 

Alles Öko oder was?

Mein Betrieb besteht genau genommen aus drei Teilbetrieben, Kondo-noen, Yasaibatake und Megumi. Von Kondo-noen ist Chef (Kondo-san) der Chef, von Yasaibatake Ushimaru-san und von Megumi Ujike-san, wobei bei allen das letzte Wort Kondo-san hat. Diese Aufteilung hat, so weit ich sie verstehe, zum einen den Grund, dass ein Betrieb nicht alles Geld verdienen soll und zum anderen, dass Ushimaru-san und Ujike-san sich an das Gefühl, ein Betriebsleiter zu sein, gewöhnen können.

Dementsprechend ist jeder Betrieb mit Flächen ausgestattet, wenn es mir aber absolut unmöglich ist, zu sagen, auf wessen Flächen wir gerade arbeiten. Da sind die Übergänge fließend.

Diese drei Betriebe sind Teil der ecoyasai-Gruppe von JA Zentsuji. Yasai, das sei am Rande erwähnt, heißt schlicht „Gemüse“ auf Japanisch. Die Erzeugnisse dieser Gruppe (rund 20 Mitgliedsbetriebe) werden bei JA getrennt von den herkömmlich erzeugten Produkten geputzt, verpackt und verkauft.

Ich hatte mich schon immer gefragt, wie man eine Gruppe ecoyasai nennen kann, wenn offensichtlich mit Mineraldünger und chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln (PSM) hantiert wird.

Aber ist es doch so, dass es den Mitgliedern von ecoyasai nicht erlaubt ist, alle PSM, die zugelassen sind, einzusetzen. Die jap. Landwirtschaft ist nicht gerade für den geringen Einsatz von PSM berühmt, eher das Gegenteil. Aber auch in Japan gibt es den Trend, Lebensmittel aus einer Produktion zu bevorzugen, die nicht mit dem kompletten Cocktail behandelt wurde. Daher wohl die Gruppe ecoyasai.

Ich weiß im Moment noch nicht, ob die Preise für die ecoyasai-Produkte über den anderen liegen oder wo die tatsächlichen Vorteile sind. Aber es ist zum Beispiel so, dass JA anruft, wenn ecoyasai-Salat fehlt und fragt, wann wir liefern können. Dazu sei hinzugefügt, dass „meine“ drei Betriebe von den etwa 30 ha Zentsuji-ecoyasai-Eisbergsalat rund 17 ha bewirtschaften.

 

Von Öko, wie man es aus Deutschland kennt, ist ecoyasai ungefähr so weit weg, wie George Walker Bush von Greenpeace. Aber es besteht offensichtlich doch eine Sensibilität gegenüber dem übertriebenen Einsatz von PSM. Woher diese Sensibilität kommt, ob aus tatsächlichen Umweltschutzgedanken oder aber aus finanziellen Gründen, weiß ich nicht und ist auch egal.

Und am Rande – während wir heute mal wieder Folientunnel bauten, spritzten zwei Kollegen gerade den Salat, den wir tunnelten. So kam immer mal wieder eine Wolke rübergeweht....

 

Vielleicht ist ecoyasai auch ein Grund, warum ich auf diesen Betrieb gekommen bin. Beim Bewerbungsgespräch in Bonn im Dezember letzten Jahres habe ich angegeben, dass ich Interesse an einem jap. Ökobetrieb hätte. Die Chancen wurden zwar als sehr schlecht eingestuft, aber man wollte schauen, ob was zu machen sei. Ob das so ist, kann ich nicht sagen, aber ich könnte mir dies auf jeden Fall vorstellen.

 

Ojiisan und sein Gemüse

Mein Opa hier ist ja schon eine Marke für sich. Knapp an die achtzig, etwas fußlahm und daher immer mit dem Fahrrad unterwegs und umtriebig wie nur ruhelose Rentner es sein können.

Wenn er redet, ist ganz schnell Essig mit verstehen, denn sein Dialekt und seine Geschwindigkeit sind nicht mal für Japaner immer verständlich. Dafür habe ich Beweise! Und er erbringt auch immer wieder den Beweis, dass die jap. Sprache sehr kurz sein kann. Kommt man so völlig unbedarft gerade vom Salaternten in die Pause ums Eck geschlendert, hört man von der Seite ein scharfes „Oi!“ und mit dem Besenstiel zeigt er Dir, was Du machen sollst. Worte? Erklärungen? Fehlanzeige. Und keine Widerrede. Aber mit ihm kann man auch wunderbar lachen und Witzchen machen. Nur, wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat, vor allem, wenn es um Ordnung und Sauberkeit auf dem Hof geht, ist Schluss mit diskutieren. Da wird er schnell kiebig. Reparieren tut er fürs Leben gerne. Wenn’s ums Schweißen geht, fragt man am besten ihn und Dellen im Auto werden mit dem größten zur Verfügung stehenden Hammer ausgebeult.

 

Ojiisan scheint aber auch ein Landwirt zu sein, der gerne im großen Stil anbaut. Mein Gastbetrieb hat ja nicht gerade die große Auswahl an verschiedenen Ernteprodukten. Aber die jap. Landwirtschaft erzeugt eine Fülle der verschiedensten Feldgemüse und da kommt Ojiisan und sein Garten ins Spiel.

Wenn er Tomaten pflanzt, dann sind das nicht drei Sträucher, die für die Familie reichen, dann ist das ein ganzes Gewächshaus. Wenn er Möhren anbaut, dann sind das zwei Reihen à 20 m. Chinakohl, Brokkoli, Daikon (jap. Rettich) lieber noch eine Reihe mehr. Chilischoten mind. 4 Sträucher. Kartoffeln, dass eine Ernte für Jahre reichen würde, Auberginen in Massen und so weiter und so fort.

Damit wird die ganze Familie, alle Arbeitskollegen und wir Praktikanten regelrecht eingedeckt. Wenn er Abends nach Feierabend vor seinem Kühlhaus steht und zum Sprechen ansetzt, weiß ich schon genau, dass er mir jetzt wieder ein Gemüse aufschwatzen will. Nur – erstens bin ich alleine und kann gar nicht so viel Gemüse essen, wie er mir geben möchte und dann haben seine Gemüse teilweise Maße, die jeden herkömmlichen Kühlschrank schlicht sprengen. Chinakohl so groß wie ein Rugbyei, Daikon ein halber Meter lang und 20 cm im Durchmesser (kein Witz), Möhren mind. doppelt so groß, wie man sie aus Deutschland kennt. Ein Chinakohl in meinem Kühlschrank und ein Fach ist voll.

Mir bleibt dann immer nur, ihn freundlich nach dem kleinsten Exemplar zu fragen oder aber freundlich abzulehnen. Was ihn nicht davon abhält, morgen wieder zu fragen.

Kommen seine Freunde auf den Hof, werden sie mit Gemüse einfach eingedeckt. Punkt.

 

Gerade jetzt im November und Dezember quillt sein Garten schier über vor erntefähigem Gemüse. Alles ohne Folientunnel. Eine solche Üppigkeit kann man sich im Winter in Deutschland gar nicht vorstellen.

 

Man wird sooo vernünftig......

Ob es vernünftig war, ein Jahr nach Japan zu gehen, kann ich hinterher beurteilen. Da kommen manchmal gewaltige Zweifel auf und manches Mal würde ich den Aufenthalt für den Rest des Lebens verlängern wollen.

Aber es war doch neulich bonenkai. Und weil ich noch das Schmutzgeschirr vom Tag in der Spüle sah, kam mir „wenn Du heute Abend Dir die Kante gibst, Du Morgen das Geschirr aber wieder brauchst, dann mach mal noch schnell den Abwasch...“ Ja hallo??? Geht’s noch??? Es ist noch gar nicht so lange her, dass mir solch ein Gedanke nicht mal in Traum eingefallen wäre und ich mir allenfalls am folgenden Morgen Gedanken über das Schmutzgeschirr (eher nicht) gemacht hätte.

Wie kommt das? Ist das normal, wenn man alt wird? Ich glaube, ich brauche mal wieder eine ausgedehnte Negiernteaktion um darüber nachzudenken.

19. Dezember 2006

 

Kein Negi

Was aber sehr schwierig werden wird, denn wir haben im Moment gar keinen Negi. Kaum zu glauben, aber wahr. Dieses Kraut hat mich ja bislang wirklich jeden Tag begleitet. Wenn schon nicht geerntet, dann mindestens gewaschen oder gegossen.

Aber in den letzten Tagen haben wir keinen Negi geerntet und gießen ist wirklich nicht nötig. Dies liegt zum Einen daran, dass wir im Herbst nicht allzu viel gepflanzt haben und der eben jetzt im Herbst und Winter langsamer wächst. Dann sind ein paar Flächen nicht ganz so gut geworden, wie sie hätten werden können. Aber vor allem liegt es daran, dass wir im Moment sanilettuce (keine Ahnung, wie der auf Deutsch heißt, ich glaube Bataviasalat Jedenfalls so ein roter Krausblattsalat) in großen Mengen ernten, der komplett auf dem Betrieb aufgearbeitet wird. Das bedeutet, dass wir morgens als erstes rund 30-40 Kisten ernten, der tagsüber geputzt und verpackt wird und gegen Abend noch mal rund 30 Kisten holen, der von den Chinesen Abends aufgearbeitet wird. Da bleibt dann keine Zeit mehr für Negi.

Als wir den ersten Tag keinen Negi hatten, meinte ich zu meinem Kollegen, dass das mein erster Tag ohne Negi sei, seit ich mein Praktikum angefangen habe. Er meinte nur, seit er hier sei, sei es ebenfalls sein erster Tag ohne Negi – und er hat ein Jahr vor mir angefangen....

 

Weihnachtsstimmung? Fehlanzeige

In wenigen Tagen ist Weihnachten und normalerweise sollte ich jetzt in Weihnachtsstimmung sein, haufenweise Spekulatius, Baumkuchen und Dominosteine essen, Weihnachtsbäume verkaufen oder mich einfach nur endlich auf die freien Tage um Weihnachten und die Familie freuen.

Hier kommt man erst gar nicht in Weihnachtsstimmung, denn hier ist alles mögliche, aber Weihnachten kann man getrost vergessen. Klar sieht man hin und wieder Weihnachtsschmuck (aber nur in Supermärkten oder anderen Verkaufsstellen und dann à la Amerika) und dann wird da grausam schlechte Weihnachtsmusik gespielt. Ansonsten geht Weihnachten hier jedem meilenweit hinten vorbei.

Weihnachten hat hier keine Bedeutung und wurde nur als Geschäftemacherfest entdeckt. Angeblich wird es als das Fest der Liebe angesehen, an dem man seiner Liebsten Erdbeerkuchen schenkt, aber mehr auch nicht.

Ich kann gar nicht mal so richtig sagen, warum man hier nicht in Stimmung kommt, aber es fehlen einfach ein paar wichtige Dinge. Vielleicht vor allem, dass sich alle auf die Feiertage freuen und man automatisch mitgerissen wird. Hier redet keiner von Weihnachten.

Es wird natürlich auch ganz normal gearbeitet und von wegen freie Tage....

 

Aber dafür

Anders sieht es um den Jahreswechsel aus. Der hat hier eine wesentlich größere Bedeutung und ist, so ich es richtig verstanden habe, eines der größten Feste Japans. Sogar wir hier auf Kondo-noen werden nur eingeschränkt arbeiten. Am 31.12. wird Generalputz gemacht und Nachmittags o-mochi (eine Spezialiät aus Reis) gemacht und gegessen. Und, man stelle sich diese Ungeheuerlichkeit vor, am 1.1. ist tatsächlich total frei (was ich aber erst glaube, wenn ich frei habe...).

Wenn ich mir dagegen Stefan anschaue .... der hat vom 31.12 bis zum 4.1. frei, weil eben Jahreswechsel ist. Ganz normal in seiner Branche. Seine Gasteltern haben mich mit ganz großen Augen angeschaut, als ich meinte, ich müsste arbeiten... ungerechte Welt.

20. Dezember 2006

 

Doch wieder Negi

Das war’s dann schon wieder mit der negifreien Zeit. Heute wurde wieder Negi geerntet, wenn ich auch keinen in der Hand hatte. Ich gehe aber im Moment davon aus, dass in den nächsten Wochen weiterhin eher wenig Negi geerntet wird. Geschätzt 15-20 Kisten pro Tag. In den Hochzeiten im Mai waren es 120 und mehr Kisten! Davon rund 40 für die Eigenverarbeitung, der Rest ging zu JA.

Dafür wird im wahrsten Sinne des Wortes tonnenweise Kohl aufgearbeitet. Der wurde vor einigen Wochen geerntet, bei JA im Kühlhaus zwischengelagert und jetzt nach und nach aufgearbeitet.

 

Außerdem war es heute so richtig kalt. Zumindest am Morgen, denn die Scheiben auf den Autos waren eisbedeckt. Tagsüber war es dagegen mit rund 12 Grad und vollem Sonnenschein sehr angenehm. Da konnte man in der Sonne gut im T-Shirt arbeiten.

 

!!!Danke!!!

Mal wieder ein Dankeschön an Euch, die Leser dieses Tagebuchs. Wer bis hierher alles gelesen hat, hat sich tatsächlich durch hundert Seiten Text gekämpft. Hundert Seiten voller Erlebnisse, schöner und weniger schöner Tage, spannenden Geschichten und Alltagsproblemen. Sicherlich auch mit der einen oder andern Stilblüte, einiger Rechtschreibfehler und vergessener Wörter, voller kurioser Satzkonstruktionen und vielleicht auch mit Widersprüchen in sich (wobei sich die hoffentlich in Grenzen halten). Doch so ist nun mal (m)ein Tagebuch. Es lebt und entwickelt sich.

Ohne Euern Zuspruch, ohne Eure Resonanz und die manchmal sehr überraschend kommenden Rückmeldungen wäre dieses Buch so nie entstanden. Heute bin ich mehr als froh, dies alles aufgeschrieben zu haben. Wie schnell vergisst man doch das eine oder andere und an erinnerungswürdigen Ereignissen war die  Zeit hier in Japan bisher sicherlich nicht arm.

So will ich mich auch weiterhin anstrengen, Euch ein unterhaltsames Tagebuch zu bieten und mir eine Möglichkeit geben, die Dinge aufzuschreiben, die mich hier bewegen.

Noch ist nicht Schluss und so stehen mir und damit Euch sicherlich weitere Erlebnisse ins Haus.

 

Interessant finde ich auch die Tatsache, mit wem ich in diesen Tagen, Wochen und Monaten in Kontakt war und mit wem nicht. Ein guter Teil meiner Freizeit am Abend, wenn außer Ausruhen und Entspannen nichts mehr geht, verbringe ich mit dem Schreiben. Tagebuch, Emails, Briefe. Einige, mit denen ich vor Japan doch recht häufig zu tun hatte, sind quasi wie vom Erdboden verschluckt. Andere, die ich „kaum“ kannte, sind zu regelmäßigen und angenehmen Partnern geworden.

Das soll beileibe keine Wertung sein!! Nicht jedem liegt es, per Email in Kontakt zu bleiben, viele haben mehr als genug zu tun und, das gestehe ich jedem zu, so ein bisschen „aus den Augen, aus dem Sinn“ wird ebenfalls manches Mal dabei sein. Aber so ist das eben, wenn man geht. Einige kommen mit, andere bleiben zurück.

In diesem Sinne: die Reise geht weiter.

 

Frechheit

Neulich bekam ich mal wieder eine Postkarte. Grundsätzlich freue ich mich hier sehr über Post aus der Heimat. Ist es doch jedes Mal eine kleine Überraschung und so nach und nach ziert die eine oder andere meine Wand über dem Schreibtisch. Wer also gerne schreibt, ich habe auch eine postalische Adresse....

Da kam also eine Postkarte aus Österreich. Schneebedeckte Landschaft vorne (was auf dem Hof allgemeines Erstaunen hervorrief. So viel Schnee auf einem Haufen kennt man in Kagawa höchstens aus dem Fernsehen) und hinten drauf die Grüße „wir genießen gerade Glühwein mit Kaiserschmarrn.“

Da steht man in Arbeitsklamotten auf dem Hof, die Sonne scheint vom Himmel, Mittagspause ist grad rum und dann so was. Würde da wenigstens stehen „Ski fahren ist total anstrengend und wir kommen richtig ins Schwitzen“ – ok, würde ich akzeptieren. Aber einfach nur tagelang rumfaulenzen, Sonne, Schnee und gutes Essen genießen und das mir dann auch noch mitteilen.... Frechheit! Ein bisschen mehr Feingefühl hätte ich schon erwartet.

Ich hoffe, es fühlt sich jemand angesprochen!!

24. Dezember 2006

90 Jahre auf der Leiter

oder

Der Beweis, dass Zeit in Japan doch relativ ist

oder

Ein Weihnachtstag in Japan

Heilig Abend in Japan – obwohl hier Weihnachten einfach nicht die Qualität hat, wie in Deutschland und es mit der Weihnachtsstimmung gar nicht weit her war, sah ich dem Tag, je näher er rückte, doch mit gemischten Gefühlen entgegen. Weihnachten ist (in Deutschland) wohl doch mehr, als nur ein Geschenkefest.

 

Jedenfalls begann der Tag sehr erfreulich, denn Stefan kündigte sein Kommen zu einem kurzen Weihnachtsfrühstück an. Nur – was wäre Weihnachten ohne einen Baum. Nun gibt es hier keine Tannen und so schnell mal eine klauen, hätte einen enormen logistischen Aufwand nach sich gezogen. Aber der kluge Mann baut vor und so schwebte mir schon länger ein Baumkuchenweihnachtsbaum vor. Baumkuchen ist hier in Japan eine sehr beliebte Spezialität, die es überall in verschiedenen Größen zu kaufen gibt. Alle sind rund, rund 2 cm hoch und lecker.

Morgens also raus und frisch ans Werk. Vier Baumkuchen so gestapelt, dass sie schön pyramidenförmig aufeinander lagen, den unterste sollte quasi der Stamm sein, also wurde der erst noch in Form geschnitten, dann weiße und dunkle Schokolade geschmolzen (wer hat eigentlich mal gesagt, dass Schokolade flüssiger wird, wenn  man beim Schmelzen ein Stück Butter reintut??? Zum Glück hatte ich noch Schokolade in der Reserve, denn mit dem Ergebnis nach dem Schmelzen hätte ich Wände einreißen können, so dick war der Klumpen...) und dann kam die große Frage – wie verteile ich die Schokolade auf dem Kuchen. Mir als Bäcker der Nation war klar, dass geschmolzene Schokolade richtig schön flüssig ist und lockerflockig aus der Schüssel tropft ... denkste. Entweder bin ich nicht der Bäcker Japans oder Japan hat andere Schokolade. Das Zeug war allenfalls zähflüssig, von aus der Schüssel fließen total abgesehen. Doch – dem Ingeniör ist nichts zu schwör und so wurde die Küche, die eh schon aussah, wie nach einer Orgie kurzerhand in ein Schokoladenschlachtfeld umfunktioniert. Ich nahm mir einfach einen kleinen Löffel und schmiss, wer jemals eine Mauer verputzt hat, kann sich vorstellen, wie die Schoki aus dem Handgelenk kam, den süßen Verputz schwungvoll auf den Baum. Das bei ordentlichem Schwung nicht alles so einen kleinen Baum treffen kann, nahm ich wohl oder über in Kauf.

Nach dieser Aktion hatten Schiebetür zum Schlafzimmer, Reis- und Wasserkocher, sowie Tisch, Kühlschrank, Stuhl und Boden einen feinen Schokoladenüberzug. Doch auch der Baum sah gut aus. Schnell noch ein paar Mandelsplitter drüber gestreut, viele Kerzen rein, den Tisch schön gedeckt und auf Stefan gewartet.

 

Das Frühstück war ein voller Erfolg, richtig schön stimmungsvoll, für ihn eine tolle Überraschung und der Tag begann im wahrsten Sinne des Wortes süß.

 

Doch leider sollte uns nur eine Stunde zur Verfügung stehen, denn er hatte sich mit seiner Freundin verabredet, mit der er Yashima und Umgebung erkunden wollte und ich war quasi „verdonnert“ zum Jahresendputz ins Dojo zu kommen.

 

9.30 Uhr war angesetzt zum Beginn des o-soji. O-soji ist der hier traditionelle Jahresendputz (soji heißt putzen) und dabei wird alles gründlichst ausgeräumt und gewienert, damit man sauber und gereinigt ins Neue Jahr geht.

Jedenfalls, als ich um 9.25 Uhr (man bemerke bitte die  Zeit) ins Budokan rein lief, traf mich fast der Schlag, denn der gesamte Inhalt des Dojos lag bereits auf dem Rasen, mind. 50!!!! Leute werkelten herum und ich frage mich ernsthaft, was die alle unter 9.30 Uhr verstehen. Leicht verschämt und verbeugend entschuldigend versuchte ich mich einzugliedern, aber wenn alles so geschäftig erscheint, ist das gar nicht so einfach, sich da einzufügen.

Doch manchmal kommt einem zugute, dass man größer als der Rest ist. Es war beinahe niedlich mit anzusehen, wie drei Japanerinnen versuchten, einen Spiegel von der Decke zu holen. Dies mit Verrenkungen zu umschreiben, ist noch freundlich. So konnte ich mich wenigstens beweisen und der Einstand in o-soji lief.

Wenn Japaner sich zu solchen Veranstaltungen treffen, dann kann man als gut durchorganisierter Deutscher, der mit Präzision, Plan und ordentlicher Vorgehensweise an eine Sache rangeht, nur den Kopf schütteln. Es waren tatsächlich mindestens 50!! Leute anwesend, die sich alle in die Arbeit stürzten. 10 Leute hätten nach deutschem Standard völlig ausgereicht, aber das wird dem japanischen Gruppengefühl schlicht nicht gerecht. Und so arbeiten eben 50 Leute mit, jeder legt hier mal Hand an und dort mal, aber dann wird auch mal wieder nur geschaut oder mit allen diskutiert, wie man das machen könnte, man schaut dem einen zu, wie er schwungvoll den Sand weghackt und hinterher stürzt man sich zu sechst auf seine Rest, fünf Leute kleben die  Zielscheiben, sieben putzen den Boden, sechs die Fenster, acht zupfen Unkraut und Blätter aus dem Rasen und so weiter.

Man kann es wirklich darüber lächeln, aber das ist eben Japan. Es geht natürlich um ein ordentliches Dojo, aber es geht mindestens zu gleichen Teilen auch darum, als Gruppe für die Gruppe etwas ordentliches zu hinterlassen, sein Scherflein dazu beizutragen, dass alles ordentlich wird und man sich so als verantwortungsvolles Mitglied der Gruppe zeigt.

Und der ganz große Vorteil – es läuft einfach entspannt ab. Keiner macht Stress, keiner nervt und am Ende ist alles getan und sauber und hat doch gar nicht so lange gedauert.

Gewöhnungsbedürftig, solch ein Vorgehen, aber durchaus angenehm, wenn man es kapiert hat.

 

Am allermeisten hat mich ja mal wieder Morisaki-sensei fasziniert. Der gute (das Oberhaupt vom Marugame Budokan) ist der sensei, bei dem ich mein allererstes Training anno tuck hatte, knapp 90 Jahre alt, redet nur das nötigste und streng aber freundlich.

Jedenfalls übernahm ich nach meiner Spiegelaktion den Part des Leiterhalters für Morisaki-sensei. Er schnappte sich Astschere und Säge und ging auf die Weiden im Dojo los. Man halte sich noch mal sein Alter (knapp 90 Jahre) vor Augen. Er ging die Leiter rauf, wie 60 Jahre jünger, sägte, schnippelte und riss die Äste in Massen runter, so dass ich unten im ständigen Astregen stand. War der eine fertig, kam der nächste. Keine Pause, keine Gnade den Ästen, egal wie störrisch das Holz war.

Ich habe hier mittlerweile schon einige alte Menschen gesehen, die topfit sind. Aber er stellt mal wieder eine Ausnahme dar.

Die Kommunikation zwischen uns beiden war auf ein bisschen Knurren seinerseits und ein paar kurzen Verbeugungen meinerseits sehr sparsam. Aber die Bäume sahen hinterher wieder gut aus. Klar wäre es nach logischem Maßstäben manchmal einfacher gewesen, ich hätte die Äste geschnitten, allein weil ich doch ein paar Zentimeter größer bin und einfach längere Arme habe. Aber da stellt sich schlicht nicht die Frage. Wenn er den Baum schneidet, stelle ich mich als Schüler daneben. Egal wie gut oder schlecht er das macht.

 

Das nächste Mal innerlich grinsen (ich hatte schwere Not, bei meinen Beobachtungen nicht ständig breit zu grinsen. Es war aber auch zu witzig, das alles zu beobachten), als es ans Mato kleben ging. Mato kleben heißt, die alten, durchlöcherten Zielscheiben von den Papierresten zu entfernen und neue Scheiben aufzukleben. Nicht sonderlich schwer, aber das Papier sollte am Ende auf der Scheibe spannen, mittig sitzen und nicht wie ein loser Vorhang flattern. Also ist doch ein wenig Fingerspitzengefühl gefragt,  zumal das dünne Papier nass ist.

Ein Mato ist aber auch mehr, als nur eine Zielscheibe. Es lässt sich mit Worten schwer erklären, aber vielleicht trifft „respektvolles“ Behandeln den Umgang mit der Scheibe noch am ehesten. Je höher eine Veranstaltung, desto höher der sensei, der die Scheibe klebt.

Jedenfalls bekam ich eine Einweisung ins Matokleben, die ich zwar verbal nicht verstand, aber mir aus Beobachtungen schon erschließen konnte. Zudem hatte ich in Göttingen doch ein paar Grundlagen gelernt.

Und Japan wäre nicht Japan, wenn es da nicht die Kontrolle und die Prüfung geben würde. Schließlich will gewusst sein, was der da macht und wie er es macht. Ich jedenfalls klebte so fröhlich vor mich hin, die warme Dezembersonne im Rücken und sah allenfalls Füße und Beine der um mich stehenden und arbeitenden Menschen. Auf einmal hatte ich das Gefühl, es habe sich was verändert. Ohne großartig aufzublicken, ließ ich meinen Blick wandern und prompt entdeckte ich Morisaki-senseis Beinpaar (die mir noch gut in Erinnerung waren, kletterten sie doch keine Stunde vorher vor meinen Augen rum) schräg hinter mir. Überhaupt fiel mir da auf, dass ich der Einzige war, der noch klebte ....

Als wäre das nicht genug gewesen, fragte mich Yamada-san, nachdem ich mein letztes Mato zum trocknen hinlegte, ob ich denn nicht auf dem Mato unterschreiben wolle ... ich mag zwar eine Langnase sein, aber blöd bin ich deswegen noch lange nicht. Dazu sei gesagt, dass es durchaus Situationen gibt, auf denen auf dem Mato unterschrieben wird. Bei sehr wichtigen Anlässen schreibt ab und zu der höchste sensei ein paar Worte auf die Scheibe und signiert sie. Das sind dann aber Menschen, die in der Kyudowelt Rang und Namen haben und sicherlich nicht so ein dahergelaufener 1. Dan aus Weitfortistan.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf lehnte ich natürlich heftig ab und fragte aber scheinheilig Yamada-san, ob er denn nicht unterschreiben wolle ... seine Antwort: „ich bin es nicht wert, zu unterschreiben“ und er macht Kyudo ein paar Tage länger als ich, ist um die 70 Jahre alt und hat den 3. Dan.

 

Irgendwann so gegen halb zwölf war der ganze Spuk vorbei und der Finanzwart (oder was immer er für eine Funktion hat) lud uns „Alte“ (also ohne Studenten) zum Udonessen ein. Es gingen nicht alle mit, war aber ein netter Abschluss.

Nach dem Essen wollten einige trainieren und ich ärgerte mich, dass ich mein hakama zuhause gelassen hatte. So verabschiedete ich mich bis zum Abend, zur bonenkai-Feier.

 

Auf dem Heimweg kam mir die Idee, die Kyudoklamotten zu holen und dann auch ein bisschen zu trainieren, aber zuhause angekommen, sah das Bett so verlockend aus, dass mich auch das Traumwetter nicht von einem langen Mittagschlaf abhalten konnte.

 

Denn der Tag sollte noch lange nicht rum sein. Abends war bonenkai vom Kyudo angesagt. Pünktlich um halb sechs erschien der Bus vom Hotel und brachte uns zur Feier. Ein großer Raum, festlich gedeckt, ein langer ovaler Tisch und die Party konnte steigen.

Um das ganze ein wenig aufzulockern wurden die Sitzplätze ausgelost. Ich saß neben Oota-sensei und einem sensei, dessen Namen ich mir bis heute nicht merken kann. Überhaupt waren Leute dabei, die ich bislang allenfalls vom Sehen kannte, denn wenn ich trainiere, sind sie nicht da.

Der Abend begann, wie bei solchen Veranstaltungen üblich, mit einem „kampai“ einem Trinkspruch und dann gab es ein japanisches Festmahl. Verschiedenste Gänge, kalt, warm, roh, gekocht, gesotten, gebraten, Fisch, Fleisch, Gemüse, Frittiertes und was weiß ich. Dazu wurde ohne Gnade ein ums andere Mal angestoßen und ich kam kaum zum Essen, musste ich doch andauernd mein Glas hinhalten, damit da jemand was reinfüllen konnte. Mein Nachbar Oota-sensei war in richtig guter Trink- und Redelaune und so kümmerten wir uns schon drum, dass er warme Sake nicht kalt wurde.

Überhaupt Oota-sensei – auch mit ihm hatte ich bislang wenig zu tun. Klar kannten wir uns von den Turnieren oder Prüfungen, aber gesprochen hatte ich kaum mit ihm. Gelegentlich mal ein Lächeln ausgetauscht, aber das war’s schon. Oota-sensei ist ein älterer Herr, leicht rundlich, immer fröhlich und umtriebig. Er erzählte mir, dass er 80 Jahre alt sei (ich hätte ihn auf max. 70 geschätzt), früher Marathon und Triathlon gelaufen ist und seine Kyudokarriere 1948 begann. Dabei erwähnte er, dass er die ersten drei Jahre nur aufs Makiwara schoß. Jeder deutsche Kyudoka mag sich vorstellen, was das heißt...

Überhaupt hatte Oota-sensei eine unwiderstehliche Art, einen ins Gespräch zu ziehen. Unterhielt ich mich nicht mit ihn, aber er wollte sich mit mir unterhalten, schlug er mir einfach auf den Oberarm und prompt hatte er meine Aufmerksamkeit. Ich weiß nicht, wie oft ich an diesem Abend von ihm eine gewatscht bekam. Aber es war richtig lustig und mit zunehmendem Sakespiegel fielen die Unterhaltungen auf immer einfacher.

Am meisten freute mich, dass er mich einlud, ihn mal zu besuchen. Ich gehe ehrlicherweise davon aus, dass das nix mehr werden wird, solange ich noch hier bin, aber allein die Einladung spricht Bände.

Der Abend nahm seinen Lauf mit Karaoke, Tänzchen mit Sakai-sensei (auch ihre unwiderstehliche Art ließ keinen Zweifel aufkommen, dass sie mit mir tanzen wollte. Mein rechter Arm müsste nach dem Abend rund 5 cm länger gewesen sein, so wie sie daran rumzerrte) und Bingo. Bingo ist in Japan ein sehr beliebtes Partyspiel. Oota-sensei beklagte sich zwischendurch bei mir, dass er da nie Glück bei habe, aber seine volle Reihe erreichte er erst, als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass seine letzte Zahl soeben gefallen sei. Da wundert es mich nicht, dass er nie Bingomeister wird. Oder lag’s am Sake?

Ich gewann ein Ding, das entfernt an einen Korb für Flaschen erinnert und in den ich „Dinge, die ich mag“ hineinlegen kann. Nur – das Ding ist irgendwie völlig unpraktisch, Bierdosen kaufe ich, wenn denn im Sixpack und so wird es wohl bis zu meiner Abreise auf dem Schrank verstauben....

 

So plötzlich, wie der Abend begann, so plötzlich war er wieder vorbei. Ein Merkmal japanischer Partys. Eine kurze Rede und aus war’s.

Angeheitert, wie wir waren, ging es frohgelaunt in die Hotellobby und raus, wo der Bus bereits wartete. Ich setzte mich rein und dachte schon an die Fahrradfahrt nach Hause, als Shiraishi-san kam, mich wieder rauszerrte und meinte, wir beiden gingen jetzt noch mal auf die Piste. Der Bus fuhr ab und ich dachte nur, das kann ja heiter werden.

Shiraishi-san hatte schon ordentlich einen im Kahn und selbst nüchtern redet er so furchtbar schnellen Dialekt, dass es jetzt nur noch schlimmer kommen könnte. So standen wir also vor dem Hotel und warteten auf das Taxi.

Das brachte uns nach Sakaide, in genau die entgegengesetzte Richtung von Zentsuji. Auf der Fahrt hatten wir es bereits richtig lustig und als uns das Taxi in irgendeiner Hintergasse in Sakaide raus lies, war mir das grad so Wurscht, denn in Japan ist noch keiner verloren gegangen. Arm in Arm umrundeten wir schwungvoll Ecke um Ecke und mussten mit Bedauern feststellen, dass eine Bar nach der anderen schon zu hatte. Längst waren wir vom Shiraishi-san und Markus-san weg, unterwegs war das Duo Shiramaru oder aber Papa-chan und Maru-chan.

Irgendwann tat sich dann doch noch eine Kneipe auf („camerade“ – weil die Wirtin mal in Frankreich war), die außer einer Theke, drei Hockern und zwei mittelalterlichen Frauen aus nichts weiter bestand. Total klein, aber wir waren die einzigen Gäste, legten unser Hab und Gut samt Bingogewinn auf die Theke und weiter ging es. Der Abend wurde immer lustiger, die beiden Wirtinnen halfen uns beim Sake trinken und bereits zu Anfang lag die Tüte Kitkat, die eigentlich für die Gäste als Happen gedacht war, als Gastgeschenk in meiner Tüte. Papa-san hatte schon ordentlich zu kämpfen, hielt sich aber tapfer und ich profitierte entweder noch von meiner Jugend oder aber, dass ich eben kein Japaner bin. Denn während die eine Hälfte des Duos merklich Schlagseite hatte, war ich zwar gut drauf, aber noch lange nicht ausgeschossen.

Zu lange machten wir aber nicht, denn morgen war Arbeitstag und so bestellte uns die Wirtin wieder ein Taxi, das uns nach Hause bringen sollte. Der Abschied war wortreich und lautstark und als wir gerade so halb im Taxi saßen, stand auf einmal völlig überraschend Sakai-sensei neben uns. Weiß der Henker, wo sie herkam. Wir waren irgendwo am Rande des Nichts in Sakaide und das ist rund 10 km von Marugame weg. In der Hand noch die letzten Reste vom bonenkai, war sie genauso überrascht, uns beide fröhlich und lautstark grinsend im Taxi zu sehen, wie wir sie.  Auf der Fahrt zu Shiraiishi-sans Haus diskutierten wir dieses spontane Auftauchen ausgiebig, kamen aber auf keinen Nenner. Papa-san bezahlte mir noch das Taxi bis zum Budokan, während er sich schlafen legte.

Irgendwann gegen halb zwölf oder so war ich wieder zuhause.

 

Diesen Weihnachtstag werde ich so schnell nicht vergessen, denn er war völlig anders, als ein Heilig Abend in Deutschland normalerweise ist. Ich habe mich in der Gruppe der Kyudoka richtig wohl gefühlt und hatte wieder einmal das Gefühl, ein bisschen mehr angekommen zu sein. Für mich zeigte sich wieder einmal, das Japaner zwar sehr langsam auftauen, aber wenn sie einen haben, dann richtig. Das ist einfach sehr schön, dies zu erfahren.

28. Dezember 2006

 

Die letzte Illusion

Donnerstag, Kyudotag. Das letzte Training im alten  Jahr konnte ich mir schlecht entgehen lassen, obwohl es mal wieder knackig frisch war und es im Dojo wahrscheinlich knochenkalt sein würde. Egal, lagenweise lange Unterwäsche eingepackt und losmarschiert.

Im Dojo war’s zuerst auch ganz nett, bis Miauchi-san auf die Idee kam, mir als Wegzehrung fürs neue Jahr ein paar Korrekturen mit auf den Weg zu geben.

Oh Mann, da wurde mir auch noch die letzte Illusion geraubt, ich hätte wenigstens die Grundlagen verstanden. Zum Schluss hatte er mich so verunsichert und mir ein (Körper-)Gefühl eingepflanzt, dass jeder Schuss beinah unkontrolliert und völlig kraftlos irgendwo im Sandhaufen einschlug. Kein schöner Abschluss und wenn das Neue Jahr so weitergeht, wie das alte aufgehört hat, dann Gute Nacht.

Doch es heißt ja nicht umsonst Kyu-Do – der Bogen-Weg. Zwei Schritte vor und einen zurück.

29. Dezember 2006

Der letzte (volle) Arbeitstag vor dem Jahreswechsel

Freitag, das Wochenende samt Jahreswechsel stand bevor und so war abzusehen, dass es heute noch mal rundgehen sollte.

Jahreswechsel ist in Japan das wichtigste Fest. Da gibt es eine ganze Reihe an Traditionen, u.a. das genannte o-soji, mit dem sich ojiisan seit Wochen beschäftigte und an allen Ecken und Enden aufräumte und alles, was nicht niet- und nagelfest war, verbrannte.

Jahreswechsel heißt aber auch, nahezu ganz Japan vom 31.12. bis zum 4.1. nicht arbeitet. Selbst mein Betrieb, man mag es kaum glauben, gönnt seinen Mitarbeitern 2 ganze freie Tage!!! Stefan zum Beispiel hat fünf....Egal.

Da aber um den Jahreswechsel alles auf Sparflamme läuft, muss vorher noch einiges geschafft werden. Und so hieß es ernten, was die Sichel und der Rücken hergaben – Misuna, Bataviasalat, Eisbergsalat. JA hatte bereits große Mengen geordert, die noch vor dem 31. auf dem Markt sein sollten und dementsprechend rangeschafft werden mussten.

Nur – ich habe diesen Tag genossen, wie selten zuvor. Das Wetter, obwohl kalt, war einfach unglaublich. Die Sonne schien in voller Pracht von einem klaren, blauen Winterhimmel, der Wind blies einem kräftig um die Ohren und man konnte die umliegenden Berge gut sehen. Das Spiel der wenigen Wolken mit der Sonne, Licht und Schatten, zauberten grandiose Bilder auf die Landschaft und so stand ich gelegentlich einfach mal hin und genoss. Die Vorfreude auf die kommenden Tage, der Rückblick auf ein ereignisreiches Jahr, das tolle Wetter, die ganze Stimmung – ein Tag fürs Herz.

30. Dezember 2006

O-Soji und Shoppen in Takamatsu

Wer mich kennt, dürfte sich jetzt ein wenig verwundert am Kopf kratzen, denn ich bin eigentlich weder ein Freund des Putzens noch ausgedehnter Einkaufstouren durch die Läden der Städte.

Doch es gibt Situationen, da....

Für diesen Samstag hatte ich mich mit Yuko-san (der Dame vom Schlittschuhlaufen) in Takamatsu verabredet. Wir wollten uns zur Mittagszeit treffen und einkaufen gehen. Aber nicht irgendwohin, sondern schon besonderes. Ich solle mich schon mal freuen, meinte sie vorab.

Doch was macht Mann, wenn er wie üblich um kurz nach sechs aufwacht und nicht bis Mittag rumsitzen will? Er nimmt sich der Traditionen seines Gastlandes an und bringt seine bescheidene Hütte auf Hochglanz. Da flogen die Fetzen und als ich gegen 11 Uhr zum Zug ging, fand ich mein Werk durchaus gelungen und war der (sicherlich berechtigten) Meinung, so gut geputzt könne man gut ins nächste Jahr starten.

 

Der Tag war wie geschaffen zum einkaufen – klar, kalt und strahlender Sonnenschein.

Unser Ziel hieß Tenmaya, ein Einkaufstempel der Oberklasse, in dem alles, was in der Shoppingwelt Rang und Namen hat, vertreten ist. Doch vor dem Einkaufen stand erst mal Mittagessen an und so gab es lecker chinesisches Essen in einem der Restaurants.

Danach ging es in ein Kimonogeschäft. Yuko wollte dort 2 ihrer Sommerkimonos (Yugata) zur Reinigung bringen und gleichzeitig mit einer dort arbeitenden Freundin schnattern. Ein Besuch in einem Kimonogeschäft lass ich mir natürlich nicht entgehen. Der Laden war klein, aber fein und es war toll, einfach nur zu schauen, ein bisschen Stoff zu fühlen und die Preise zu bestaunen.

Die Freundin ermöglichte es Yuko, ein paar der Kimonos anzuprobieren. Allerdings nicht die aufwendige, ewig dauernde Ankleidezeremonie, sondern schnell und einfach, um sich im Spiegel anschauen zu können. Es ist faszinierend, wie schnell sich ein Mensch nur durch die Wahl der Kleidung verändert – Kleider machen Leute. 

 

Da vor kurzem Yukos Oma gestorben ist, wollte sie danach etwas kaufen, dessen Namen ich leider nicht mehr weiß, aber das dem Rosenkranz im Katholischen entspricht. Eine runde Perlenkette, ähnlich einer zu groß geratenen Kette fürs Handgelenk mit wahlweise Fransen oder Bommel am Ende (da, wo beim Rosenkranz das Kreuz hängen würde). Dieses Ding wird in der buddhistischen Tradition beim Gebet für die Toten verwendet, in der Hand gehalten und als Zählmaschine benutzt. Also noch mehr Ähnlichkeiten. Das Angebot von Tenmaya war aber recht dürftig und daher ging es raus und in ein nahe gelegenes Geschäft für all die kleinen und großen Dinge des Sterbewesens. Ich wollte immer schon mal in so einen Laden gehen, aber das habe ich mir natürlich verkniffen.

Während Yuko also mit dem Angestellten die verschiedenen Ketten durchschaute, schaute ich mich um. Interessant kann ich dazu nur sagen.

 

Doch was macht man mit dem angebrochenen Tag, wenn alles gekauft und erledigt ist? Schlendern, Kaffee trinken, reden, sich kennen lernen. Schließlich hatten wir uns nur einmal im Gedränge des Schlittschuhlaufens getroffen. So war der Tag einfach ein angenehmer, unterhaltsamer Tag mit vielen neuen Eindrücken, interessanten Gesprächen und überhaupt viel Neuem.

Vielleicht sollte ich hinzufügen, bevor jemand glaubt, mein Japanisch sei über Nacht schlagartig besser geworden, dass wir uns auf Englisch unterhalten können, denn sie spricht wirklich gutes Englisch, war schon in der halben Welt unterwegs, hat einige Monate in England und ein Jahr in Korea gelebt und so war das eben eine Unterhaltung und kein übliches Gestotter.

 

Der Abschied verlief recht kurz, denn was folgte, war mein

 

Jahreswechsel in Japan

Jahreswechsel in Japan ist das wichtigste Fest des ganzen Jahres. Viele Menschen fahren in die Heimat und das wichtigste Ereignis ist hatsumode, das Danksagen für das vergangene Jahr und die Bitte um ein erfolgreiches Neues Jahr. Der traditionelle Zeitpunkt, hatsumode zu begehen, ist nachts um 12 Uhr vom 31.12. auf den 1.1.

Jahreswechsel bedeutet aber auch, dass besonderer Blumenschmuck, bestehend aus Bambus, Kiefer und Pflaumenzweigen überall aufgestellt wird, im Hausflur, vor den Geschäften, an vielen Straßenecken. Viele Autos sind mit einem kleinen Gesteck aus Reisstroh geschmückt. Es werden Nengajo verschickt, die Grüße zum Neuen Jahr, es werden spezielle Gerichte gekocht, am 31. wird O-mochi gemacht und es hat so gut wie jeder hat frei. Besonders der 1. Januar (o-shogatsu) ist sehr wichtig.

 

Doch fangen wir beim 31. Dezember an, dem o-misoka 大晦日. Es war klar, dass der Tag geruhsam werden würde, denn die (japanischen) Mitarbeiter konnten sich raussuchen, ob sie den 31. frei haben wollten (dafür den 2.1. arbeiten) oder umgekehrt. Die meisten hatten sich für den 31.12. als freien Tag entschieden. Entgegen meiner Erwartung, dass wir aufräumen würden, wurde erst mal ordentlich Salat geerntet, der dann von allen gemeinsam aufgearbeitet wurde. Bis zur Mittagszeit war noch Umkraut jäten im Negi angesagt. Negi bis zum Schluss....

Ab Mittag wurde jedoch o-mochi gemacht. Mochi sind eine Spezialität aus Reis, die man das ganze Jahr über kaufen kann, aber am 31.12. traditionell selber gemacht werden. Mochi sind kleine, sehr zäh-klebrige Kugeln aus zerstampftem Reis, wahlweise süß oder geschmacksneutral.

Selber machen ist ein Prozedere. Der Reis für mochi ist ein spezieller, der sich vom üblichen Speisereis unterscheidet. Der gekochte Reis (jedes Mal so um die 5 kg) wird heiß in eine schwere Halbkugel aus Stein geschüttet und dann mit einem großen Holzhammer gestampft. Dabei werden die Körner nach und nach zerstampft und es entsteht nach einigem Kraftaufwand eine zähe, weiße Masse. Die wird auf ein mit Kartoffelstärke bestreutes Brett gelegt und zügig zu runden Kugeln geformt. Wer schon mal Brötchen selber gemacht hat, kann sich das in etwa so vorstellen. Die fertigen Kugeln werden dann entweder so beiseite gelegt oder aber mit einer süßen Kugel, deren Hauptbestandteil Azukibohnen sind, gefüllt. Frisch schmecken diese mochi am besten....

Wir haben ca. 11 x die Prozedur durchgeführt, was eine ganz schöne Kraftanstrengung bedeutet, denn der Reisstampfer ist voll gefordert. Die letzten Minuten, bevor die Masse fertig ist, wird mit dem Holzhammer auf den Reis eingeschlagen, als gelte es einen Pfahl in die Erde zu bekommen. Dabei wird immer mal wieder Wasser zugefügt und so bekommen die Umstehenden regelmäßig Reiswasserspritzer ab, was jedes Mal zu empörten Aufschreien führt.

Das Werkzeug meines Gastbetriebes ist im jüngsten Fall 70 Jahre alt. Das Alter der steinernen Halbkugel kann selbst ojiisan nicht benennen. Die gab es schon, als er noch jung war.

 

Mochitsuki, wie diese Tradition auf Japanisch heißt, hat sehr viel Spaß gemacht. Was ich allerdings gar nicht verstehen konnte, war, dass Chef die Chinesen zum Arbeiten zu JA geschickt hat. Die beiden Thailänderinnen durften bleiben und so waren nur Chef, obaasan (als versierte mochitsuki-Macherin die wichtigste Person), zwei Kollegen, die beiden Thailänderinnen und ich an der Aktion beteiligt.

 

Je später der Nachmittag, desto mehr kam ich in Zeitdruck, denn der Jahreswechsel sollte erst so richtig losgehen. Hatte ich mich doch für den Abend wieder mit Yuko verabredet. Wie das kommt?

Der Jahreswechsel wird in Japan üblicherweise mit der Familie verbracht. Das heißt, Abends geht man zusammen in den Tempel oder Schrein zu hatsumode und am Neujahrsmorgen geht man noch mal hin, isst gemeinsam Frühstück und feiert so zusammen. Da ich hier aber einen Gastbetrieb und keine Gastfamilie im engeren Sinn habe, stellte sich mich schon des längeren die Frage, wie ich wohl den Jahreswechsel verbringen würde. Klar hätte ich mich bei Stefans Familie einladen können, was sicherlich auch kein Problem gewesen wäre, aber selber einladen?????

Von Yuko wusste ich, dass sie dieses Jahr den Jahreswechsel nicht auf traditionelle Weise begehen würde, weil ihre Großmutter vergangenes Jahr gestorben ist. So geziemt es sich nicht, hatsumode (Dank und Bitte) zu begehen und auch die restlichen Feierlichkeiten fallen in einem solchen Fall weg. Yuko wollte den Tag / die Nacht daher an der Uni verbringen. Dies fand ich nun wiederum völlig Banane und meine Idee, doch gemeinsam zu feiern nahm sie dankend an.

Sie lud mich kurzerhand dazu ein, den Abend gemeinsam mit ihrer Familie im östlichen Kagawa zu verbringen und am Neujahrsmorgen .... doch dazu komme ich noch ;-)

 

Jedenfalls machte ich mich nach mochitsuki schleunigst nach higashikagawa auf, um mich mit ihr zu treffen. Der Abend mit der Familie war sehr nett, es gab sukiyaki, was nichts anderes ist, als dass man allerhand verschiedenes (Fleisch, verschiedene Pilze, Tofu, Gemüse etc.pp.) brät (yaku = braten) und alles zusammen in einer großen Warmhalteschüssel mit einer speziellen Soße übergießt und fröhlich sich weiterbraten lässt. Dann nimmt jeder seine Stäbchen, holt sich das, was er will aus der Schüssel und isst es. Wahlweise wird das Stück noch in rohes Ei getunkt (sehr lecker!!).

So war der Abend sehr gemütlich, nebenher lief eine berühmte Musiksendung im Fernseher, die genauso zum japanischen Jahreswechsel wie alles andere gehört.

 

Nach dem Essen liefen wir beide durch die Altstadt von Hiketa 引田, ihrem Heimatort. Kalt war es, die Sterne leuchteten am Nachthimmel und die vielen Kirschbäume am Flussufer ließen erahnen, wie es hier im April aussehen würde.

Den restlichen Abend verbrachten wir damit, auf einer Heizdecke und unter eine Wolldecke auf dem Boden zu liegen und uns über Gott und die Welt zu unterhalten. Zwischen, neben und auf uns lag immer mal wieder der Hund und so schritt die Zeit munter voran. Mitternacht haben wir zwar bemerkt, aber uns nicht die Bohne von der Stelle gerührt. Dafür war es einfach zu kalt.

Die Umgebung (das Wohnzimmer) hatte schon was für sich. Nicht nur, dass es verhältnismäßig klein war, sondern neben dem Hausaltar stand ein kleiner Altar für die Großmutter. Auf dem stand natürlich auch die Urne und so lagen wir (s.o.) auf dem Boden, neben uns brannte der übliche Kerosinofen und es hätte einem unheimlich werden können, wenn man so neben einer Toten liegt. Wurde es uns aber nicht.

Spät in der Nacht (ich war ja seit 6 Uhr wach) wurden die Augen doch zu schwer und zudem sollte um 5 Uhr schon wieder der Wecker klingeln. Man mag sich fragen, was der Blödsinn soll, am Neujahrsmorgen um 5 aufzustehen, aber hier in Japan gibt es die Tradition des hatsuhinode 初日の出, des Betrachtens des ersten Sonnenaufgangs im Neuen Jahr.

 

Dazu wollten wir in Yukos Unistadt Tokushima fahren, um vom dortigen Hausberg Bizan 尾山 dieses Schauspiel zu genießen. Doch vorher (morgens um halb sechs!!!) bereitete uns Yukos Mutter noch o-zoni zu, das ist die traditionelle Suppe am Neujahrsmorgen mit mochi drin.

Wir kamen natürlich viel zu spät los und so fuhr Yuko deutlich schneller, als die japanische Polizei erlaubt die rund 40 km nach Tokushima.

 

Auf den Bizan führt eine Seilbahn, zu deren Talstation wir uns aufmachten. Rein in die Bahn und als wir aus der Talstation und hinter den Bäume hervorkamen, erlebten wir einen Sonnenaufgang der Güteklasse 1A. Die Sonne war gerade glutrot aufgegangen und hing direkt über dem schwarzen Meer unter einer dicken Wolkendecke. Die unter uns liegende Stadt, die Inseln im Meer, die Wolken – alles war tiefdunkel im Gegenlicht der Sonne und der Anblick war überwältigend. Oben angekommen, verfolgten wir das Schauspiel, wie sehr viele andere auch, von einer Aussichtsplattform, während im Hintergrund eine Taikoformation die Trommeln schlug.

Man stelle sich das vor – vor einem beginnt gerade das Neue Jahr mit einem atemberaubenden Sonnenaufgang, während im Hintergrund große, tief tönende Trommeln in einem treibenden Rhythmus geschlagen werden. Grandios trifft diese Szenerie wohl noch am ehesten.

 

Wir hatten alle  Zeit der Welt und als kurz nach dem eigentlichen Sonnenaufgang ganz dem japanischen Wesen folgend, innerhalb kürzester Zeit alle Menschen wieder weg waren, hatten wir die Aussichtsplattform für uns und genossen einfach dieses weiterhin traumhafte Naturschauspiel.

 

Doch auch jetzt sollte der Neujahrsmorgen 2007 noch lange nicht vorbei sein. Yuko hatte die Idee, nach hatsuhinode in ein Onsen zu gehen.

Wer jemals nach einem wunderschönen Sonnenaufgang in kalter Morgenluft in ein Onsen gegangen ist, der kann jetzt nachfühlen, wie entspannt und zufrieden wir danach waren. Warm, völlig entspannt, rundum mit sich selbst zufrieden und von der langen Nacht noch ein bisschen müde. Dazu draußen herrlichstes Neujahrswetter.

Wenn das kommende Jahr so wird, wie es begonnen hat, muss es ein sehr gutes Jahr werden.

 

Nach dem Onsen hatten wir noch etwas Zeit und wollten eigentlich am nahe gelegenen Strand spazieren gehen, aber der wenige Schlaf forderte seinen Tribut und wir schliefen kurzerhand im Auto, mit Blick auf das Meer ein.

Mir hing allerdings ein wenig die Zeit im Nacken, hatte mich Ukawa-san doch für den Nachmittag zur Familienfeier geladen. Und von Tokushima bis Hashioka ist es ein Stückchen mit dem Zug. Träge blinzelnd brachte mich Yuko daher zum Zug, Mittagessen gab es aus dem Kombini und so endete dieser erste Teil eines Jahreswechsels, wie ich ihn so noch nie in meinem noch jungen Leben erleben durfte. Ganz anders als die in Deutschland übliche Festerei, total ruhig, entspannt, mit vielen neuen Eindrücken und Erlebnissen.

 

Ukawa-san hatte also geladen. Bereits vor Wochen fragte er, ob ich am Neujahrstag Zeit haben würde. Die nahm ich mir und so holte er mich am Bahnhof seiner Heimatstadt Hashioka ab.

Neben seiner Frau, seinen vier Kindern waren auch seine Schwester und die Schwiegertochter dabei. Eine ganz lustige Runde. Der Einstieg war wie gehabt, ein bisschen Small Talk („nihongo wa jousu, desu....“) und ich hatte bald das Gefühl, hier könnte ich mich wohlfühlen.

Selbst jetzt, nach vielen Wochen Japan ist es mir manches Mal immer noch unangenehm, wenn ich weiß, hinter mir sind alle am vorbereiten und machen und ich sitze rum und warte, bis das Essen auf dem Tisch steht. Gelegentlich habe ich versucht, zu helfen, aber das Ergebnis war jedes Mal ein sofortiger Rausschmiss aus der Küche. So setzte ich mich halt auf Ukawa-sans Sofa und wartete mit wechselnden Gesprächspartnern auf das Essen.

Was es mal wieder in sich hatte. Quasihauptgang war nabe, eine Art Eintopf. Aber dazu gab es die in Japan so beliebten wie berühmten Happen und Häppchen verschiedenster Ausführung. Alles stäbchengerecht zubereitet, eine Augenweide und total lecker. Alles aufzuzählen wäre müßig, zumal ich bei einigen Dingen gar nicht weiß, was ich da gegessen habe.

Nach dem üblichen anfänglichen Bier gab es Wein. Und was für einer. Wie lange habe ich keinen guten Wein mehr getrunken. Der Sohn und seine Frau waren in den Flitterwochen Ende vergangenen Jahres in Australien und brachten von dort einige Flaschen guten Chardonnay mit. Das war Genuss pur. Als davon die erste Flasche leer war, ging es an einen Chianti, den die Schwester kurz vor Weihnachten in Belgien gekauft hatte und zum Schluss noch an einen Bordeaux (ebenfalls von der Schwester).

Wie man sich jetzt vielleicht denken kann, wurde das Essen immer lauter und der Gebrauch des Wörterbuchs immer weniger. Klar war die deutsche Sprache und der Vergleich zur japanischen, Japan-Deutschland überhaupt,das vorherrschende Thema. Aber auch sonst ging es quer durch den Themengarten und es hat einfach eine Menge Spaß gemacht.

Zwischendurch wollte ich dann aber doch mal eine kleinen Gastgeschenke loswerden, wovon ich an eines einen echten deutschen Nordmannstannenzweig (Pakete zu Weihnachten sind was feines ;-) ) befestigt hatte. Auf meinen Hinweis, der würde gut riechen, ging der Zweig von Nase zu Nase und sah hinterher aus, als wären die Mäuse dran gewesen. Regelrecht zerpflückt und ausgerochen. Aber er roch tatsächlich noch gut.

Die Reaktion auf meine Geschenke kam prompt. Auch ich wurde beschenkt, obwohl ich mich mit dem Abendessen schon genug beschenkt gefühlt hatte, aber sich wehren bringt da gar nichts. Von Ukawa-san bekam ich eine wunderschöne Maske aus feinem Porzellan im Stile einer No-Maske. No ist eine ganz alte, sehr spezielle Form des japanischen Theaters. Ich habe selbst noch keine Aufführung gesehen, aber einiges darüber gelesen. No gehört zu Japan, wie Sumo oder sashimi. Im No-Theater werden üblicherweise Masken getragen, die den dargestellten Charakter deutlicher machen sollen (in einfachen Worten gesagt).

Am meisten hat mich allerdings das Geschenk vom Sohn und seiner Frau überrascht. Plötzlich stand ein Paket Ritter Sport mini und ein Kleiner Feigling auf dem Tisch. Weiß der Himmel, woher sie dies bekommen haben, aber das war wirklich eine gelungene Überraschung. Der Schokolade wurde alsbald zu Leibe gerückt und sie fand allgemein Anklang. Von der Schwester bekam ich zudem noch eine Schachtel belgischer Schokolade. Die durfte ich aber trotz Gegenwehr nicht aufmachen und anbieten. Selbst schuld...

 

Die Familie Ukawa liebt es offensichtlich, Musik zu machen. Ukawa-san war ja derjenige, der Stefan und mich zu Beethovens Neunter einlud, bei der er selbst mitwirkte.

So ging es nach dem Essen wieder ins Nachbarzimmer, wo Klavier, Schlagzeug, eine Orgel und viele Rhythmusinstrumente rumlagen. Nach anfänglichem Zögern auf allen Seiten schmetterten wir aber alsbald japanisches und deutsches Liedgut durch die Hütte und ich war froh, dass die nächsten Nachbarn ein Stückchen weg wohnen. Ukawa-san wollte zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit sein Schlagzeug ausprobieren, aber seine Tochter am Klavier brachte ihn wieder auf Linie.

Kurios wurde der Abend aber, als es zum Zug gehen sollte. Vor lauter Singerei verpassten wir den Abfahrtszeitpunkt und beschlossen kurzerhand, die Party um eine Stunde zu verlängern. Aber auf eine Art, wie sie vielleicht japanischer nicht sein kann.

Zu Weihnachten oder wann auch immer, muss es eine neue Spielkonsole Wii aus dem Hause Nintendo gegeben haben. Das ist so eine Neuentwicklung, bei der man vor der Glotze sitzt, einen Gerät, das entfernt an eine Fernsehbedienung erinnert, in der Hand hält und das die Bewegungen der Hand auf den Bildschirm überträgt und dort zu Aktionen führt. Meinereiner fand sich also vor dem Fernseher wieder, im Kreise der halben Familie, in der Hand dieses Ding und vor mir das Spiel. Letztendlich geht es darum, durch festgelegte Bewegungen mit der Fernbedienung Aktionen im Spiel auszuführen und alles unter Zeitdruck.

Zuerst fühlte ich mich im völlig falschen Film, denn das passte so gar nicht zu dem, was ich noch fünf Minuten vorher erlebte, aber Japaner lieben es eben extrem. Und weil ich Gast war, war ich auch die handelnde Person. Irgendwann lies ich mich einfach fallen und machte fröhlich mit. Anders ging es nicht. Schaffte ich ein Spiel nicht, gab’s ein Glas Wein, damit es beim nächsten Mal besser werden konnte....

Gegen neun ging es dann wirklich zum Zug und eine wirklich angenehme, lustige und nette Runde fand ein Ende. Mal sehen, ob aus der Einladung, ich solle noch mal vorbei kommen, noch was wird....

 

In Zentsuji angekommen, klingelte noch auf dem Rad das Telefon und Stefan kündigte sich für die Nacht an, hatten wir doch beide den kommenden 2. Januar frei. Das kam ebenfalls überraschend, war aber hochwillkommen, gab es doch von beiden Seiten viel zu erzählen.

Wir köpften noch die Flasche Chardonnay, die im Fresspaket von Ukawa-san enthalten waren und erhielten dafür am anderen Tag eine Beschwerde meiner thailändischen Nachbarinnen, wegen nächtlicher Ruhestörung.

   
  wegen der Übersichtlichkeit geht es ab jetzt im 10. Teil des Tagebuchs weiter.