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Liebe Freunde und Besucher, herzlich Willkommen im Tagebuch einer Japanreise - Teil 8 Auf diesen Seiten möchte ich Euch einen Eindruck von meinem Japanaufenthalt in Zentsuji vom 10. April 2006 bis 16. März 2007 vermitteln.
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| 20. Oktober 2006 |
Viele, viele bunte.... Jetzt ist mir klar was diesem Land fehlt –Smarties! Kein Wunder, dass hier alles etwas anders läuft! Komme ich doch gerade von einem Abendessen mit Chef, Kollegen und einem Wochenpraktikanten. Nach dem Genuss von zwei kleinen Bieren und leckerem Okonomiyaki (endlich weiß ich, wie man das selbst macht) musste ich noch die wichtigsten Grundnahrungsmittel (Schokolade, Müsli, Brot, Milch und Joghurt) besorgen und bekam – im Schwäbische dät me’ saage, i hon an reate Gloschte griagt – Gelüste nach Smarties. Aber will man’s glauben? Es gab nur ein schlechtes Plagiat dieses großartigen Kulturgutes. Mit dem musste ich wohl oder übel Vorlieb nehmen, aber sehnsüchtig dachte ich dabei an das Original. Damit werde ich mir meinen zukünftigen Lebensunterhalt verdienen – Smartiesverkäufer im japanischen örtlichen Einzelhandel. Da werde ich reich, ganz klar! |
| 22. Oktober 2006 |
Zum Glück.... ... treten Flüche nicht unmittelbar in Kraft, denn wenn nur die Hälfte der Flüche wahr geworden wären, die ich heute von mir gegeben habe, wären alle Japaner um mich herum tot umgefallen. Ich habe eine heilige Wut auf die Organisationstypen vom ANKF (All Nippon Kyudo Federation), denn wenn es ganz dumm läuft, werde ich wegen deren Lahmarschigkeit nicht in Tokyo dabei sein können. Wie das kommt? Ganz einfach – diese Schnarchzapfen haben erst vorgestern die Anmeldeformulare nach Deutschland geschickt. Dort mussten sie per Mail verteilt werden und so kam ich gestern Abend in den Genuss, die Formulare zu lesen. Aber der Einsendeschluss in Deutschland muss der 27. Oktober sein, kommenden Freitag. Später eingehende Anmeldungen, die im Original mit Unterschrift vorliegen müssen, können nur noch mit Glück berücksichtigt werden. Da aber Briefe von Japan nach Deutschland erfahrungsgemäß eine Woche brauchen, kann das bis Freitag gar nichts werden. Wäre mir heute morgen beim Salat gießen einer von den Fuzzies in die Finger gekommen, ich hätte ihn die Düse samt Schlauch schlucken lassen. Denn es kann mir keiner erzählen, dass diese Anmeldeformulare nicht schon längst fix und fertig in der Schublade lagen. Und wenn nicht, dann sind die auch von jemandem ohne Englischkenntnisse in einer Stunde auf einem alten C64 zusammengeschustert. Aber nein, wir warten damit, bis wirklich ganz kurz vor Schluss und dann machen wir Druck, damit die Dinger schnell wieder zurückkommen. Der DKyuB hat jetzt richtig Dampf im Hacken und jeder, der zufällig gerade im Urlaub ist oder sonst wie kein Zugang zum Internet hat, ist gekniffen. Herrgott, das sind Momente, in denen man alle Japaner am liebsten ..... würde.
Und zu allem Überfluss haben mir diese Affen von British Airways neulich geschrieben, dass eine Verlängerung meines Flugtickets leider nicht möglich ist und ich mir einen anderen Flug besorgen soll. Als ob ich hier für jeden geernteten Negi einen Golddukaten bekommen würde.
Zur Strafe gibt es jetzt Kässpätzle, wenn auch nicht mit selbst gemachten Spätzle, sondern nur mit gekauften Tagliatelle, aber wenigstens nichts japanisches und nichts britisches. So! |
| 25. – 29. Oktober 2006 |
Farben, Bären und ein Backofen – Aokiko Lange hatte ich mich auf diese Tage gefreut und so stieg ich früh morgens froh gelaunt in den Zug nach Nagano-ken. Nötig war dieser Urlaub, wie kaum einer und so sah ich den kommenden Tagen mit großer Freude entgegen. Aber selbst die Pünktlichkeit der japanischen Eisenbahn wird außer Gefecht gesetzt, wenn ein Lebensmüder auf die Gleise springt. Somit kam ich schon mal 1 Stunde später in Nagoya an, musste dort noch eine Zeit warten und war erst gegen 15 Uhr in Matsumoto. Allerdings war die Zeit von Nagoya bis Matsumoto sehr kurzweilig, denn ich kam mit meiner Beifahrerin ins Gespräch und wir unterhielten uns über Gott und die Welt, während sich draußen die Landschaft immer mehr änderte, die Farben zunahmen und ich die Maronen meiner Gesprächspartnerin verspeiste. In Matsumoto musste ich mir noch eine Karte bis Yanaba, meiner Endstation kaufen und kaum eingestiegen, kamen die Erinnerungen hoch. Oft hatte ich diese Strecke auf dem Weg von meiner Tante zum Backofenbau per Bahn zurückgelegt und obwohl es schon zwei Jahre her war, dass ich das letzte Mal dort gefahren war, war das eine oder andere doch noch bekannt. Die Landschaft ist dort so ganz anders, als in Zentsuji – die Berge sind viel näher und höher und da der Herbst dort mindestens vier Wochen weiter vorangeschritten ist, war die Stimmung eine ganz andere als in Kagawa. Hinzu kommt, dass im Winter in dieser Ecke locker zwei oder mehr Meter Schnee liegen und die abgeernteten Felder nicht mehr bestellt werden. Alles lag brach und nur in den kleineren Gärten und auf dem einen oder anderen Gemüsebeet wuchs noch das eine oder andere. Im Gegensatz zu Kagawa, wo jeder Flecken Erde jetzt bepflanzt wird, ein gänzlich anderer Anblick. Die Ruhe vor dem Winter, denn bereits im November kann hier der erste Schnee fallen.
Obwohl ich die Familie Nambara (von Nambara-sensei abgesehen) über zwei Jahre nicht mehr gesehen habe, war die Ankunft beinahe wie eine Heimkehr. Ein überaus herzlicher und warmer Empfang ließen bereits am ersten Tag erahnen, was mich in den kommenden Tagen erwarten würde. Die Fahrt von Yanaba nach Aokiko war ein Sturm der Erinnerungen und gleichzeitig voller Spannung, denn endlich würde ich ihn zum ersten Mal in ganzer Pracht bewundern können. Würde er noch stehen, wie würde es ihm nach zwei harten Wintern gehen, würde er funktionieren oder wären bereits erste Schäden zu erkennen? Die Spannung war groß und doch bezog ich zuerst meine Schlafstatt im Winterhaus, dem „Haus der Demut“ (und dem Wiedersehen mit der „kleinsten Toilette der Welt“) und folgte erst dann dem Drängen. Langsam näherte ich mich meinem Ziel, genoss zuvor den Blick über den See, sog die Stimmung und die klare Luft in mich auf und dann stand er vor mir – sonnenbeschienen, mit Ausblick auf den vielleicht schönsten See Japans, unbeschadet, mit schwarzem Schornstein und grauem Hut – „mein“ Backofen. Wer die Geschichte seiner Entstehung kennt, dem muss ich nicht weiter beschreiben, wie glücklich ich mich fühlte, als ich den Ofen zum ersten Mal in komplett fertigem Zustand gesehen habe, denn als ich das letzte Mal gehen musste, war die Schalung vom Deckel noch dran und so musste ich eine lange Zeit warten, bis ich ihn fertig sehen konnte. Ein wahrlich gutes Gefühl. Genau inspizierte ich alle Ecken und Kanten, suchte nach versteckten Rissen und Schäden, prüfte Klappe, Rauchabzug und konnte nichts entdecken. Die Winter in Aokiko können mit zwei, drei Metern Schnee und minus 20 oder weniger Grad sehr hart werden und doch war alles in schönster Ordnung. Längst verschütt gegangene Erinnerungen an die Bauzeit, an die einzelnen Bauabschnitte, an die kleinen Macken und die großen Herausforderungen kamen zurück. Sentimental nennt dieses Gefühl wohl.
Erst als diese große Last von mir genommen war, hatte ich endgültig Zeit und Muse, den Rest zu entdecken und weiteres Mal verschlug es mir beinah die Sprache ob der Schönheit dieses Flecken Erde. Der See ist ringsum von hohen, bewaldeten Bergen umgeben und die Herbstfärbung war in vollster Pracht. Ein besserer Zeitpunkt für einen Besuch hätte ich nicht abpassen können. Wahrscheinlich jeder hat vom „Indian Summer“ und seiner herrlichen Farbenpracht in den Nordstaaten der USA gehört. Ich war noch nie dort, aber wenn er noch schöner als der Herbst am Aokiko sein soll, muss er sich gewaltig anstrengen. Ahornbäume strahlten in der Sonne in allen Farben von tiefsten Grün bis ins tiefste Rot und doch waren es bei aller Pracht zarte Farben. Natürlich eben. Die Wälder spiegelten sich im See und verdoppelten sozusagen damit die Pracht. Das grünlich schimmernde Wasser gab dem Ganzen einen zusätzlichen Reiz und als wäre das nicht alles schon genug, strahlte die Sonne vom Himmel, dass es eine Freude. Ich weiß nicht, wie oft ich in den folgenden Tagen einfach am See saß oder um ihm rum lief und einfach diese überwältigende Stimmung in mich aufsog. Das Haus meiner Gastgeber steht nahezu allein in dieser Ecke vom See, ringsum Wald, die nahe liegende Strasse ist sehr wenig befahren und so herrscht dort eine Ruhe, die in Japan ihresgleichen sucht. Genau der richtige Ort, um alle Gedanken und Sorgen fahren zu lassen und einfach die Zeit zu genießen. Einer der ersten Sätze, die Kazuko zu mit sagte, war „Mach einfach, was Du willst“.
Aber Aokiko wäre nicht Japan, wenn nicht auch hier die Fallstricke des Japanischen lauern würden. Obwohl alle Familienmitglieder (Nambara-sensei, seine Tochter Kazuko und ihr Mann Koji, sowie ab Samstag die Frau von Nambara-sensei) jahrelang in Deutschland lebten und ihr Deutsch dementsprechend sehr gut ist, ließen sie es sich nicht nehmen, sich mit mir auf Japanisch zu unterhalten. Die erste halbe Stunde ging ja noch, aber dann... so nach und nach verschob sich dann der Schwerpunkt vom Japanischen ins Deutsche, aber so ganz lassen wollten sie mich nicht. Wobei das Japanisch, das bei Nambaras in Aokiko gesprochen wird, ein ganz anderes als z.B. auf meinem Betrieb ist. Langsamer, deutlicher und irgendwie „Hochjapanisch“, was mir ein Verstehen wesentlich einfacher machte. Und doch... Wie auch immer – ein Monat in Aokiko und mein Japanisch wäre um Welten besser.
Und Aokiko wäre nicht Japan, wenn bei aller Schönheit nicht auch eine Gefahr lauern würde, die in diesem Fall in laufendem Zustand etwa 1,30 m hoch ist, vier Beine und einen schwarzen Pelz hat, sich auf dem Weg in den Winterschlaf begibt und dabei viel Hunger hat. In Japan gibt es Schwarzbären und Aokiko liegt zwischen zwei Bergketten, wo die Bären auf der östlichen Seite im Sommer hausen und auf der westlichen den Winter verschlafen. Somit ziehen die Bären zweimal im Jahr von Ost nach West und zurück und aufgrund der örtlichen Gegebenheiten sehr nah am Haus meiner Gastgeber vorbei. In diesem Jahr soll es in den Bergen relativ wenig Nahrung für Bären geben und somit sind sie vor dem Winterschlaf recht mutig und kommen den Menschen ziemlich nahe. Niemand, der auch nur ein paar Schritte in den Wald macht, macht dies ohne eine hell klingende Glocke. Damit soll den Bären frühzeitig eine Flucht und dem Menschen einen ungestörten Weg ermöglicht werden. So ganz wollte ich diese Gefahr zuerst nicht ernst nehmen. Klar gibt es Bären und dass die auch schon mal direkt am Haus waren, wusste ich, aber sollte es wirklich so schlimm sein? Am dritten Tag kam Koji von der Arbeit und berichtete, dass nur wenige Kilometer entfernt ein Mann von einem Bären schwer verletzt wurde und am Samstag berichtete eine Nachbarin ebenfalls von einigen Begegnungen mit Bären aus diesem Jahr. Eigentlich sind diese Tiere ungefährlich und sie gehen Menschen lieber aus dem Weg. Aber wenn der Hunger plagt, wird bär mutig und auch aggressiv. In der Ecke gibt es sehr viele Maronen und alle Hülsen waren auf und die Maronen gefressen. Eine sehr reale Gefahr also und auch ich nahm fortan meine Glocke auf meine Spaziergänge mit.
Donnerstag hatte Koji frei und so fuhren wir erst gemeinsam zum Soba essen (eine Art jap. Nudel aus Buchweizen, sehr lecker) und hinterher besuchten wir einen Tempel im absoluten Niemandsland fernab jeglicher Strassen im tiefsten Tal der Gegend, in der Bären wahrscheinlich als Haustiere gehalten werden. In diesem Tempel stehen drei Statuen, die jeweils rund tausend Jahre alt sind. Ich habe keine Ahnung, wie die dorthin kommen, aber beeindruckend sind sie schon. Hiernach folgte ein Spaziergang durch eine Moorlandschaft, die hin und wieder Erinnerungen an meine Heimat aufkommen ließen. Moor, Schilf und Birken, dazwischen Tümpel und Gestrüpp... Und dann kam das große Essen aus dem Backofen – während Nambara-sensei und ich dem Ofen einheizten, kümmerten sich Kazuko und Koji um das Essen und abends gab es 2 Sorten Fisch, der im ganzen einfach in den Ofen geschoben wurde und dort vor sich hin grillte. Aber das waren keine kleinen Heringe, sondern jeder Fisch passte gerade noch mit viel Wohlwollen auf ein Backblech und eigentlich hätte es nach den Fischen auch gereicht, aber die Spareribs und die Ofenkartoffeln waren ebenfalls nicht zu verachten und so gingen alle mit vollem Bauch und gutem Gefühl zeitig ins Bett.
Freitag stand ebenfalls im Zeichen des Wiedersehens. Diesmal hatte ich mich mit Haruko Oshima in Matsumoto verabredet, eine Freundin meiner Tante Lissa, die im März vergangenen Jahres auch in Deutschland war, als die japanischen Agrarstudenten mich in Deutschland besuchten. Freudig war das Wiedersehen und sie hatte doch glatt drei der vier Studenten organisiert und so gab es bei einem guten Essen und japanisch-englisch-deutschem Sprachgewirr bei ihr zuhause viel zu reden und allerhand zu lachen.
Samstag läutete dann mir die Stunde, sollte ich doch meine Fähigkeiten als Bäcker beweisen. Denn Ofenbauen kann ja jeder, aber wenn schon bauen, dann auch backen. Also das ins Hinterstübchen gewanderte Brotback“wissen“ rausgekramt und einen Teig gezaubert. Ich finde, es gibt fast nichts schlimmeres, als in fremden Haushalten zu kochen. Was steht wo, wie viel Dreck darf man ohne schlechtes Gewissen machen, was kann man wie verwenden und was sollte man besser in der Schublade lassen... und alles unter leichtem Zeitdruck, denn es hatte sich eine Freundin der Familie angekündigt, die hin und wieder auf dem Herd!!! (weiß der Henker, wie das gehen soll) ein Kartoffelbrot backt, das ebenfalls mit in den Ofen sollte.. Zu meiner sehr großen Freude kam die Frau von Nambara-sensei aus Tokyo, ihrem Wohnort, nach Aokiko und so waren alle fröhlich versammelt. Die Backergebnisse waren hüben wie drüben sehr erfreulich und nach den Broten gab es Holzofenapfelkuchen der allerfeinsten Sorte von Kazuko mit Schlagsahne und hinterher Maronen und Süßkartoffeln, ebenfalls aus dem Ofen. Das alles mit einem herrlichen Blick auf den farbenprächtigen Schnee bei strahlendem Sonnenschein. Das Abendessen lässt sich am besten als „Vesper“ beschreiben. Selbst gebackenes Brot, dazu Salat, etwas eingelegten Rettich, im Ofen gegrillte Minutensteaks allerfeinster Qualität und für als Höhepunkt eine Käseplatte mit Käsen aus Frankreich, Holland, England und Deutschland, dass einem das Wasser im Munde zusammenlief. Dazu ein Glas Rotwein und fertig war Gaumenschmaus, wie ich ihn lange, lange Zeit nicht mehr hatte. Zu der Käseplatte muss gesagt werden, dass Frau Nambara diesen Käse extra aus Tokyo mitbrachte und jedes Stückchen für sich nur ein kleiner Happen war (wenn man Käseplatten aus Deutschland kennt) und sicherlich ein kleines Vermögen gekostet hat. Vor dem Abendessen hatte ich mich mit Nambara-sensei über das Thema „Heimat“ unterhalten und so gab er mir als Aufgabe für unter der Dusche, ich solle mir ein paar Gedanken darüber machen, was denn so typisch Schwäbisch sei. Beim Abendessen philosophierten anschließend alle miteinander über den Schwaben und die Vor- und Nachteile seines Wesens, sowie die Frage, wo denn nun das „schwäbischste Schwaben“ ist. Wie könnte man das besser, als bei einem guten Vesper mit gutem Rotwein?
Die Rückfahrt für Sonntag wurde so spät, wie möglich angesetzt, um den Tag so gut es ging noch einmal zusammen zu genießen. Was bei herrlichstem Wetter, Gelassenheit und Ruhe nicht sonderlich schwer fällt. Mit Frau Nambara und Kazuko unternahm ich eine Bootsfahrt im Holzboot von Nambara-sensei über den See zu den prachtvollen Farben des Herbstes. Auf dem Weg zum Bahnhof schenkten sie mir noch einen Blick auf die Farbenpracht des japanischen Herbstes, der mit nichts zu ersetzen ist. Man stelle sich vor, man fahre durch die eh schon schönen Berge und plötzlich öffnet sich vor einem ein Tal mit einer darüber führenden Brücke und von dieser Brücke aus kann man das ganze Tal überblicken, das in den prachtvollsten Farben des Herbstes geradezu leuchtet. Wir haben, gleich wie viele andere Autos, mitten auf der Brücke angehalten und einfach genossen. Mit Worten ist dieses Naturschauspiel nicht zu beschreiben. Jeder stand einfach nur da, genoss diesen atemberaubenden Ausblick und nahm einfach die Stimmung in sich auf.
Als Abschiedsessen gab es noch mal Soba und zwar in dem Lokal, in dem ich 2003 mit Nambara-sensei schon immer gesessen hatte, wenn wir vom Einkaufen zurückkamen. Stimmungsvoll, sehr lecker und wieder ein Sturm voller Erinnerungen. Gekrönt wurde das Essen (aus meiner Sicht) mit einer Einweisung in japanische Tischmanieren. Der Grund war allerdings ein eher peinlicher, denn wie ich meine Kanne mit Wasser in die Hand nehme und beim Greifen noch denke „Mist, die hälste jetzt total falsch“ kam schon ein dreifacher, entrüsteter Aufschrei und prompt folgte eine Lehrstunde. Auch mein Versuch, mich als „einfacher Landarbeiter“ ausgeben zu wollen, wurde nicht zur Kenntnis genommen und so weiß ich jetzt wenigstens, wie man stilvoll und höflich die Essstäbchen in die Hand nimmt und noch einiges mehr.
Was bleibt nach fünf langen, kurzen Tagen? Ein Besuch in Aokiko ist jedes Mal ein Besuch der besonderen Art. Die Familie Nambara ist eine sehr gastfreundliche, offene, intelligente und herzliche Familie, die einem das Gefühl vermitteln kann, ein gern gesehener Gast zu sein. Menschen ohne Allüren und Schnickschnack, durchdrungen vom „japanischen Geist“, weltoffen und einfach sehr angenehme und zuvorkommende Gastgeber. Ebenso bleibt wieder einmal das Gefühl, dass Aokiko ein ganz besonderer Ort ist, der einen geradezu einlädt, zu philosophieren und sich Gedanken zu machen, der einem aber auch Erholung und Entspannung pur bietet, der in einer traumhaften Landschaft liegt und im krassen Gegensatz zu dem manchmal so überdrehten, lärmenden und hektischen Japan steht. Einfach, aber stilvoll. Außerdem bleibt der Eindruck einer Natur, wie sie schöner im Herbst kaum sein kann. Farben und Formen in überwältigender Pracht. Dann bleibt natürlich die große Freude über den Ofen. Er funktioniert tadellos, sieht immer noch gut aus, wird geschätzt, gepflegt und auch genutzt. Und er kann sehr leckeres Essen hervorbringen. Des weiteren war es sehr interessant, die Unterschiede zwischen Kagawa und Nagano zu erleben. Während sich das eine Land auf den nahenden Winter vorbereitet und sich „zur Ruhe“ begibt, wird das andere bepflanzt und intensiv bewirtschaftet. Die Nächte in Nagano sind zu der Zeit auch schon wesentlich kälter und während man in Kagawa noch locker tagsüber mit T-Shirt rumlaufen kann, ist in Nagano eine Jacke durchaus angebracht. Und als wäre das alles nicht schon genug, bleibt eine Einladung, Aokiko auch mal im Winter zu erleben. Sommer und Herbst habe ich erfahren dürfen, aber den harten Winter in Nagano kenne ich bislang nur von Bildern und aus Erzählungen. Sollte sich die Gelegenheit ergeben, werde ich sicher noch mal für ein paar Tage im Winter nach Aokiko fahren. |
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Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Ich aber sage Euch, achtet auf Eure Worte, sie könnten ungeahnte Auswirkungen haben. Kürzlich kam ich morgens zur Arbeit, als auf dem Briefkasten ein etwas unförmiger Brief für mich lag. Wenn man ihn schüttelte, rappelte es fürchterlich darinnen, aber mit fiel partout nicht ein, was das denn sein könnte. Die Absenderin war mir wohl bekannt und so war ich mir schon sicher, dass der Brief für mich war. Nun ja, die Arbeit wollte getan werden und so blieb mir nur die Vorfreude und die Spannung. Trotzdem ließ mich der Gedanke an den Brief nicht los und mitten beim Negiwaschen, die Hände voll Negi und in einem Höllenkrach, kam die Einleuchtung.. Ich musste so lachen, dass ich die Arbeit kurz unterbrechen musste und mich mein chinesischer Kollege erstaunt von der Seite ansah. Smarties – die würden da drin sein und so war es dann auch. Da hatte die gute Silke wohl aufmerksam mein Tagebuch gelesen. Herzlichen Dank auch an dieser Stelle dafür. Sie waren sehr lecker und haben nicht lange überlebt... |
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5. November 2006 |
Man muss wohl erst ein Jahr in Japan sein, um... ... Beethovens 9. Symphonie gehört zu haben. Ihr erinnert Euch? Das war die Symphonie, die zum ersten Mal in Japan mit allen vier Sätzen im Kriegsgefangenenlager Bando aufgeführt wurde. Aber wir wollen dem Tag nicht vorgreifen und mit den Ereignissen des Morgens beginnen. Nach einer eher durchschnittlichen Woche, in der die ersten beiden Tage auf der Ebene des Wohlfühlens die wahrscheinlich schlimmsten bisher waren, kam mir das Wochenende gerade recht. Gegen Ende der Woche ging es launentechnisch zwar stetig bergauf, aber nachdem ich Stefan zwei lange Wochen nicht mehr gesehen hatte, gab es viel zu erzählen und einfach sich mal wieder zu sehen, war eine Freude. Für heute hatte uns Ukawa-san Karten für die oben genannten Beethovensymphonie geschenkt. Er selbst singt im Chor des Konzertes mit und so passte das wunderbar. Aber da das Konzert erst Nachmittags um 14 Uhr beginnen sollte, wollten wir den Tag nutzen und auf den Spuren eines Filmes wandeln, der hier in Kagawa gedreht wurde und den wir vor rund zwei Monaten gesehen haben. Herrlich schön, schön tragisch und romantisch, wunderbare Aufnahmen und da eben in Kagawa gedreht ein besonders schöner Film. Jedenfalls galt es, das einsame Pier zu finden und von da ein Foto mit dem Pier und der Halbinsel Yashima zu machen. Nach, wie könnte es anders sein, wenn man mit Stefan Urlaub macht, stundenlangem Fußmarsch standen wir auch an dem Pier, aber einsam war der sicher nicht. Von Anglern völlig überrannt und dauernd anderen Leute, die die gleiche Idee mit dem Pier, der Halbinsel und dem Foto hatten..... Naja, letztendlich gab es das/die Foto(s) noch und wenn man die Perspektive richtig wählt, klappt’s auch einigermaßen. In Norwegen geht man bei gutem Wetter (Schnee, kalt und kein Niederschlag) jagen, habe ich mir neulich sagen lassen. In Japan rennt jeder (ok, kein Schnee, nicht kalt, aber dafür kein Arbeitstag und Sonnenschein) mit mindestens drei Angeln zum Meer und versucht sein Glück als Käpt’n Ahab. So kann man an einem Sonntag eigentlich kein einsames Pier finden, das wird uns langsam auch klar...
Nur, durch den langen Fußmarsch kamen wir mit unserer Zeitplanung so durch den Wind, dass wir uns zum ersten Mal in Japan selbst ein Taxi organisierten und uns direkt bis an den Bahnhof Takamatsu fahren ließen, in dessen Nähe das Konzert stattfinden sollte. Wir mit dem Taxi – also so ein bisschen dekadent kamen wir uns schon vor, aber selbst ein Taxi in Japan zu organisieren und dass das dann auch noch so reibungslos klappte, fanden wir schon einen kleinen Erfolg ;-)
Das Konzert begann erst mal recht unterhaltsam. Denn Japaner können außer „Ich liebe Dich“, „Guten Tag“ und „Guten Morgen“ eigentlich kein Deutsch. Aber die Takamatsu Kenminhall (Stadthalle würde man auf Deutsch sagen) war rappelvoll und da nahezu jeder hier Beethovens 9te kennt, wurde vorher der Text noch einstudiert. Dazu kam der Chordirektor auf die Bühne und studierte mit dem Publikum den Text Wort für Wort ein. Ein wahres Schauspiel, denn zum einen hatte der Chorleiter einen herrliche Aussprache mit einem dermaßen rollenden Rrrrrrrr, dass jeder Niederbayer vor Neid erblassen würde und zum anderen hatte er so viel Spaß bei der Sache und eine so fulminante Gestik, dass ich mir häufig das Lachen kaum verkneifen konnte. Aber er und wir machten seine Sache gut und so entließ er uns danach für das Konzert. Das war dann Gänsehaut pur. Kennen tu ich die Symphonie in Auszügen schon, aber sie live in einer Konzerthalle von einem Orchester und im vierten Satz mit dazugehörendem Orchester vorgetragen zu bekommen, ist was ganz anderes. Zumal, wenn das Orchester aus rund 300 SängerInnen bestand und eine Wucht hatte, dass es mir laufend kalt den Rücken runter lief. Im Film „baruto no gakuen“ hat ein blinder deutscher Soldat bei der Aufführung gesagt „Ich kann Deutschland sehen“ - für mich eine der schönsten Szenen im Film. So ähnlich erging es mir heute. „Freude schöner Götterfunke.....“ kam aus voller (goldener?) Kehle.
Nach einer guten Stunde Irrfahrt durch Marugame fand Stefan dann letztendlich auch noch ein Onsen und so klang der Tag völlig entspannt im heißen Wasser aus. Hernach noch eine ordentliche Portion Ramen und jetzt ab ins Bett. Mal sehen, was die kommende Woche bringen wird. |
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7. November 2006 |
Und wenn Du glaubst, es geht nicht mehr... kommt von irgendwo ein Fresspaket her. Heute, 15 Uhr, Nachmittagskaffeepause – alles sitzt herum, schlürft Tee oder Kaffee und versucht, die verspannten Knochen irgendwie zu entspannen. Da knattert es auf einmal wie verrückt und durch den Hof kommt eines dieser kleinen roten Postmopeds gebrettert. Hier in Japan gibt es keine Postautos. Dafür haufenweise rot lackierte Mopeds (80 Kubik???) mit dem schönen Postlogo und einem blau uniformierten Postboten darauf. Die heizen, was die Karre hergibt um sämtliche Kurven und scheren sich einen Dreck, ob da grad einer Vorfahrt hat oder nicht. Bei den hiesigen Straßenverhältnissen wären Autos eher ungeeignet und so bringt die Post eben der Bote auf dem Moped. Jedenfalls stand der gute Mann, geschätztes Alter 55 aufwärts, also mitten im Hof, was an sich schon ungewöhnlich ist, denn normalerweise fährt er nur bis vorne zum Briefkasten. Aus seiner Kiste auf dem Heck förderte er an einigen Schwierigkeiten mit dem Fangnetz ein offensichtlich nicht leichtes, weißes Paket. Als ich ihn so arbeiten sah, überkam mich schon ein komisches Gefühl und wie er dann ratlos auf das Paket starrte und versuchte, den Namen vorzulesen, war klar, wer der Empfänger sein sollte. Ich ersparte ihm den restlichen Namen, nahm es unter den erstaunten Blicken aller in Empfang, unterschrieb und der gute Mann zog glücklich von dannen. Im Gegensatz zu den Smarties wollte ich dieses Mal nicht warten und lieh mir den (total stumpfen) Cutter von Ujike-san. Zum Vorschein kamen neben einer Unmenge an Süßigkeiten zwei Bücher, ein Hörbuch, ein Schinken und ein Stück Bergkäse sowie eine Karte von Karin. Karin weilt wohl gerade für einige Zeit hier in Japan und so ließ sie es sich nicht nehmen, mich mit den notwendigen Dingen des Lebens zu versorgen. Die Packung Ferrero Rocher musste spontan ihr Leben lassen und als Kleinigkeit zum Kaffee herhalten. Der Rest wanderte in meine Bude und den Cutter bekam Ujike-san erst zurück, nachdem er einmal über das Schleifband gewandert war.
In den letzten Tagen und Wochen spielte hier so manches Mal ein Blues, wie er melancholischer nicht sein kann. Irgendwie hatte ich so ein bisschen die Nase voll von dem ganzen Heckmeck und fragte mich des öfteren, was dieser ganze Blödsinn hier eigentlich soll. Tagein, tagaus arbeiten, Freizeit auf ein Minimum reduziert, Sprachkenntnisse, dass einem schlecht werden kann und alles war bekannt und doch fremd. Da kam das Paket gerade recht. Ein Teil der Süßigkeiten wurde umgehend in Energie verwandelt und Frank Schätzings „Der Schwarm“, das ich als Hörbuch erhalten hatte, wurde in obaasans Karaokemaschine eingelegt. Was dann kam, kann man wohl nur als Sucht bezeichnen – die Arbeit wurde so schnell es ging durchgezogen, essen und vor allem Essen kochen wurde auf ein Minimum reduziert, Kyudo in den Wind geschossen und nur voller Spannung den Worten gelauscht. Der Roman wird ja von vielen Seiten gelobt und ich kann mich in das Lob einklinken. Super spannend und total fesselnd. Nach vier Tagen hatte ich die 10 CDs durch....
Und wie soll es anders sein – wenn man tief unten ist, kann es nur wieder aufwärts gehen und so sehe ich die vergangen Wochen im Rückblick mit den launischen Tiefs als interessante Erfahrung an und habe wieder einmal einige Einblicke erhalten. Heute (13. November), da ich diese Zeilen schreibe, sieht alles irgendwie wieder besser aus. Klar hat sich in den Tagen an den Sprachkenntnissen kaum was verändert, aber man muss eben dran bleiben und immer mal wieder kommt aus unerwarteter Ecke unerwartete Unterstützung. Man darf nur nicht aufgeben und muss offenen Auges durch die Gegend laufen, dann erkennt man doch sehr schnell die vielen Vorzüge, die es hier gibt. |
| in den letzten Wochen kam ich nicht zum Schreiben. Aber wenn alles klappt, wie ich mir das vorstelle, werde ich in den nächsten Tagen und Wochen hier noch einiges nachtragen und weitere Tage zwischenfügen. | |
| 11. November 2006 |
Auf geschichtsträchtigem Boden – Ein Tag mit Ukawa-san Mit Ukawa-san hatte ich mich für den heutigen Samstag verabredet. Und pünktlich, nachdem es ungelogen sechs Wochen am Stück nicht mehr geregnet hatte, kündigte sich für heute der zwar lang ersehnte, aber doch nicht unbedingt heute fallen müssende Regen an. Der morgige Sonntag sollte dagegen wunderbares Wetter bringen. Doch was bleibt einem anders über, als das beste aus der Situation zu machen, wenn man nur den Samstag hat? Ukawa-san ist Vorsitzender von JA Zentsuji, der größten JA-Genossenschaft in Kagawa. Dementsprechend kamen wir auf JA und drumrum zu sprechen. JA – Japan Agriculture ist eine Agrargenossenschaft, die 1930 zum ersten Mal nach dem Vorbild von Raiffeisen aus Deutschland gegründet wurde. Dies mag verwundern, doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Japan in voller Aufbruchstimmung und holte sich Anregungen aus aller Welt. Zu großen Teilen aus Europa und eben auch aus Deutschland. Die erste Verfassung Japans, zum Beispiel, ist ein weiten Teilen der Weimarer Verfassung abgeschaut und wurde mit Hilfe deutscher Gelehrter in Wort und Schrift gefasst. Aber davon wollte ich nicht berichten. Jedenfalls hat JA mit Raiffeisen eine gewisse Ähnlichkeit. Nach dem Krieg wurde JA 1946 neu gegründet und firmierte fortan unter dem Namen „JA – Japan Agriculture“.
Unser erster Weg führte uns auf die berühmte Halbinsel Yashima. Die Insel ist einerseits in Japan recht bekannt, weil sie eine sehr ungewöhnlich Form hat. Sie erstreckt sich von Takamatsu aus in Richtung Norden, ragt lang und steil aus dem Meer und die Oberkante ist total waagerecht. Eine wahrlich ungewöhnliche Form hier in der Inlandsee, wenn man die restlichen Inseln zum Vergleich heranzieht. Zum anderen ist die Insel berühmt, weil sich hier vor rund 600 (?) Jahren eine berühmte Begebenheit zutrug. Die Heike lagen mit den Genji im Krieg und sie hatten sich eben auf Yashima zurückgezogen, derweil sich die Genji sammelten und versuchten, per Boot nach Yashima zu gelangen. Aus den Booten löste sich eine Dschunke, an deren Mastspitze eine Hofdame der Genji ihren Fächer befestigt hatte. Der General der Heike befahl darauf hin seinem besten Bogenschützen, Naso no Yoichi, den Fächer runterzuschießen. Der Jüngling sprang auf sein Streitross, ritt in die wilde See vor der Insel und schoss den Fächer mit nur einem Schuss von dem wild schaukelnden Boot runter, so dass der Fächer in tausend Teile zerstob. Wildes Kriegsgeheul begleitete den Meisterschuss und ließ die Genji derart am Schicksal zweifeln, dass sie glatt die Schlacht verloren. Letztendlich sollte dies den Heike aber nur wenig nutzen, denn schlussendlich obsiegten doch die Genji, aber das ist eine andere Geschichte. Als begeistertem Kyudoka finde ich die Tatsache, auf geschichtsträchtigem Boden zu wandern, natürlich wunderbar. Auch sonst ist Yashima eine Reise wert, wenn das Wetter mitspielt. Dann hat man sicherlich einen außergewöhnlich guten Blick auf das Meer und die umliegenden Ländereien. Uns war der Blick leider nicht gegönnt und von der berühmten Herbstfärbung auf Yashima waren nur leichte Anklänge zu bemerken. Wir waren etwas zu früh dran. Yashima ist aber auch die Geschichte eines nicht mehr funktionierenden Tourismus. Früher hatten die Menschen weniger Geld und blieben in Rufweite. Schulklassen zogen auf Klassenfahrten in Orte in der Nähe und so war Yashima ein beliebtes Reiseziel. Hotels wurden gebaut und natürlich so „geschickt“ platziert, dass sie von weitem zu sehen sind. Nur – heutzutage zieht es den gemeinen Menschen weiter weg und die Hotels wurden geschlossen und stehen leer in der Gegend rum. Alles wirkt etwas ramschig und runtergekommen. Übernachtungsgäste gibt es auf Yashima nicht mehr. Nur noch Tagestouristen. Zurück blieben hässliche, ungepflegte Betonklötze.
Hier soll es irgendwann noch mal weitergehen, denn ich war noch mit ihm auf dem goshikidai, einem Berg mit tollem Ausblick auf die seto-o-hashi, wenn denn kein Dunst bis auf zehn Meter alles verschluckt, der aber plötzlich aufreißt und doch noch einen grandiosen Ausblick freigibt. Danach ging es weiter ins Mikado-onsen, irgendwo in den Bergen Kagawas, wo ich draußen in einem kleinen, aber feinen Becken saß, während der Regen runterkam, wir Ausblick auf einen Wasserfall hatten und ich mit einem älteren Japaner ins Gespräch kam. Das alles will ich noch mal ausführlich beschreiben, wenn ich denn dazu komme.... |
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15. November 2006 |
Wer wagt gewinnt – das steht schon in der Bibel Und weil ich ein bibeltreuer Mensch bin, habe ich heute die Gunst der Stunde genutzt und bin zum Friseur gegangen. Wer jetzt denkt „Hach, endlich sieht der Jung wieder was gleich“ und „Hab ich’s doch gewusst, dass der mit kurzen Haaren aus Fernost zurückkommt“ ----- Ätschgäbele – noch sind sie dran, nur ein wenig kürzer. Dennoch, die Sorgen im Vorfeld waren groß, denn wie mache ich dem Menschen an der Schere klar, dass er oder sie nur ein wenig abschneiden soll und nicht gleich die ganze Pracht zu Boden fällt??? Lange hat mich diese Furcht vor dem Schritt unter die Schere abgehalten, aber irgendwann ist Schluss mit Lustig und dann gilt nur noch, wer spielt, kann gewinnen. Wer nicht spielt, hat schon verloren. Also am Vorbeifahren den Bankautomaten geleert und in die Strasse eingebogen, in der ich schon ein Reihe an Friseuren gesehen hatte. Nur – welchen nehmen? Welcher sieht vertrauenswürdig aus? Wo sind möglichst wenig Leute anwesend, so dass ich mich mit meinem „Japanisch“ nicht bis auf die Knochen blamiere? Am ersten vorbei, am zweiten vorbei, der dritte hatte geschlossen. Da, auf einmal linker Hand eine kleine Butze mit drei Stühlen, einer einsamen Frau und Licht. Bevor mich nun die Angst vor der eigenen Courage packte, runter vom Rad und rein. Kaum hatte ich ausgebrabbelt, saß ich auch schon auf dem Stuhl, Umhang um, Brille runter und Schere am Kopf. Die Spannung stieg. Und wie das beim Friseur so üblich ist, kommt man ins Gespräch. Was machste, wo wohnste, wer biste und dann „Bist Du aus Deutschland?“ Man kann sich vielleicht mein erstauntes Gesicht vorstellen, denn woher weiß die Dame, dass ich Deutscher bin? Erzählt hatte ich das noch nicht. Aber wie so oft – Zentsuji ist ein Dorf und so ist meine Friseurin mit Kagawa-san bekannt, einer der Damen, die bei uns arbeiten. Dann war dem Gespräch Tür und Tor geöffnet und als zwischendurch gar nix mehr ging, wurde die Schneiderei unterbrochen, das Wörterbuch aus der Jacke gekramt und weiter ging’s. Im Endeffekt waren die Haare ein bisschen kürzer, hatte ich eine neue Bekannte, haben unsere Damen morgen wieder ein lustiges Gesprächsthema und ich zog frech grinsend von dannen. |
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Angebot der Saison –Rundrücken Heute möchte ich Ihnen, liebe Leser, die Spezialität der Saison, den Rundrücken schmackhaft machen. Um einen gelungen Rundrücken zu produzieren bedarf es nur weniger Zutaten, die sollten dafür aber in ausreichender Menge vorhanden sein. Benötigt werden: Eine Sichel, möglichst viele erntereife Salatfelder mit möglichst vielen Salatköpfen, Zeitdruck, eine große Anzahl leerer Kisten und einen Praktikanten, vorzugsweise einen aus dem Ausland. Ein Rundrücken gelingt nur dann ausgezeichnet, wenn man die Zutaten alle zusammen auf die Salatfelder stellt, den Praktikanten dazu veranlasst, mit deutlich nach vorne gebeugtem Oberkörper unter Zeitdruck die erntereifen Salatköpfe mit der Sichel zu schneiden. Sind alle Köpfe geschnitten und fein säuberlich in einer Reihe gestapelt, müssen die Köpfe umgehend in die leeren Kisten gestapelt werden, dabei sollten die Kisten möglichst voll und schwer werden und zügig auf den wartenden LKW geladen werden. Um herauszufinden, ob man auf dem richtigen Weg ist, einen guten Rundrücken zu produzieren, sollte man den Praktikanten gelegentlich veranlassen, sich aufrecht hinzustellen. Gelingt ihm dies ohne Schmerzen in der unteren Lendenwirbelsäule, hat man was falsch gemacht. Ähnlich einem guten Sauerbraten wird der Rundrücken um so besser, je länger man die einzelnen Zutaten einziehen lässt. Was im vorliegenden Fall heißt, je mehr Salatfelder zu beernten sind, desto besser. Ein Rundrücken verträgt sich dagegen nur schlecht mit einen heißen Bad und Freizeit. Da beides aber ohnedies nur wenig vorhanden ist, sollte Ihnen der Rundrücken eigentlich gelingen.
Nur mal so als Anmerkung – wir haben bzw. wir werden noch hier zwischen einer und eineinhalb Millionen Salatsetzlinge gepflanzt/pflanzen. Nicht einberechnet ist in dieser Zahl Kohl und Negi. Was das bedeutet, darf sich jeder selber ausmalen. |
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| 20. November 2006 |
Ehre, wem Ehre gebührt .... und nicht, wer meint, geehrt werden zu müssen.
Spontanbesuch An diesem Montag war ich auf dem Weg nach Marugame, als mein Telefon bimmelte. „Hallo Markus, hier ist Karin. Ich stehe vor dem Bahnhof in Zentsuji“ „Wer? Karin? Und wo stehst Du?????“
Das nennt man dann wohl einen Spontanbesuch. Karin war gerade auf einer Reise durch Japan. Nach drei Wochen Tokyo wollte sie die Provinz kennen lernen und reiste einfach nach Zentsuji, um mich zu besuchen. Ich rechne hier mit vielem, aber nicht, dass auf einmal jemand so mir nichts, dir nichts hier steht. Klar habe ich sie am Bahnhof abgeholt und auch noch ein passendes Hotel für sie gefunden. Den Abend ließen wir in einer Ramenbude ausklingen. Die folgenden Tage musste ich sie alleine durch Shikoku ziehen lassen, denn ich kann nicht so ohne weiteres mal ein paar Tage frei nehmen. Sie ließ es sich auch nicht nehmen, Shikoku oder besser Kagawa intensiv zu erleben und blieb eine Woche, bis sie Dienstag wieder Richtung Tokyo aufbrach, um am Mittwoch den Flieger Richtung Deutschland zu nehmen. Ich versorgte sie mit möglichen Ausflugszielen und einen Teil der Abende verbrachten wir in einer der Buden zum Essen oder tranken ein oder zwei Bier in einer Izakaya.
Es war interessant, sich mal mit jemanden zu unterhalten, die Japan als Touristin erlebt hat und es mit meinen Beobachtungen zu vergleichen. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber ich denke, dass das normal ist. Sie hat Japan eben aus einem ganz anderen Blickwinkel beobachtet, als ich es hier tue. Und nach drei Wochen Tokyo ist es ein großer Schritt hierher nach Zentsuji. |
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Kyudoturnier in Takuma Heute war ich also das dritte Mal bei einem Turnier in Takuma, einer Stadt etwa 15 km westlich von Zentsuji. Das erste Mal war ich selbst Schütze (s. September), ein weiteres Mal nur Zuschauer, weil damals nur Firmenmannschaften teilnehmen durften und mein Betrieb keine komplette Kyudomannschaft (3 Mann/Frau) zusammenbekommen würde. Und eben heute wieder als Teilnehmer. Das schönste an dem Tag war eigentlich, dass man sich so langsam „kennt“. Bei diesen Turnieren sieht man doch immer wieder die gleichen Gesichter und die Gruppe ist überschaubar. Es schießen dabei auch keine Studenten mit, die haben ihre eigenen Turniere. Somit dürfte der Altersdurchschnitt irgendwo bei um die 40 liegen. Das erste Mal in Takuma war toll, aber eben noch fremd. Das zweite Mal war schon besser, aber wenn man nur Zuschauer ist, wird das natürlich registriert, dass man sich den nassen und kalten Tag für „nichts“ um die Ohren schlägt, aber man ist eben kein Teilnehmer. Heute dagegen war ich von Anfang an dabei. Man begrüßt sich mit einem fröhlichen „o hayo gozaimasu“ (Guten Morgen), wird von verschiedensten Leuten mit einem freundlichen Lächeln und natürlich der obligatorischen Verbeugung bedacht und hat einfach das Gefühl, es wird ein guter Tag. Wie in Japan üblich, sollten die senseis (Lehrer) einzeln gegrüßt werden und nicht mit einem Rundruf über die Gruppe. Das ist mir bis auf einen auch geglückt (bei dem wusste ich einfach nicht, dass der sensei ist... aber ein forsches „o hayo“ von der Seite klärte die Verhältnisse ;-) nicht unfreundlich, aber direkt). Mit ihm unterhielt ich mich später blendend. Außerdem hatte er mich diesen Tag auf dem „Kieker“, d.h. er behielt mich gut im Auge und gab mir einige Korrekturen bezüglich korrektem taihai mit auf den Weg. Dennoch alles freundlich und mit Wohlwollen, aber eben „ohne Widerspruch“. Ganz japanisch eben.
Ursprünglich ging ich davon aus, dass ich mit Leuten aus meinem Dojo in einer Gruppe schießen werde, aber ich wurde einer Gruppe zugeteilt, deren Mitglieder ich zwar kenne, mit denen ich aber in Marugame nicht zusammen schieße. Und einer davon erschien erst gar nicht, so dass wir nur als Zweiergruppe auflaufen sollten. Mittlerweile erwarte ich es schon gar nicht mehr anders – ich war wieder mal auf Position Eins meiner Gruppe. Was ich aber erst bemerkte, als ich bereits an der honza (Vorbereitungslinie) kniete, war, dass wir doch zu dritt schossen, denn der Kyudohäuptling von Kagawa, dessen Namen ich bis heute nicht weiß, der aber bei jeder Prüfung Vorsitzender ist (Schande über mich...) schoss auf Position drei. Also hatte ich hinter mir einen deutlich höher Graduierten und den Chef. Das konnte ja nur heiter werden. Und die Position Eins gibt normalerweise Kommandos.... Aber Japan wäre nicht auch Japan, wenn es bei allem Traditionsbewusstsein nicht auch fünfe gerade sein lassen könnte und so wurde das Turnier zwar von allen Teilnehmer ernst genommen (weniger wird auch nicht verlangt!) aber Unkorrektheiten sind dazu da, dass man lernt. Jedenfalls ging es gut los. Es schießt immer einer nach dem anderen und wenn die Drei fertig ist, fängt Eins wieder an, bis jeweils vier Pfeile geschossen sind. Eins muss also immer wissen, ob Drei schon fertig ist und darf nicht „überholen“. Schuss eins bis drei gingen bei mir ins Leere und obwohl ich mich weitgehend nur um mein Schießen kümmerte, fehlte mir von hinten das charakteristische Plopp, wenn ein Pfeil die Scheibe trifft. Mein vierter Pfeil, endlich mal konzentriert und langsam geschossen, ging dann endlich in die Scheibe und erst als ich wieder draußen war, ging mein Blick zur Anzeigentafel. Dabei werden Treffer mit einem Kreis und Nichttreffer mit einem X markiert. Unsere Anzeigentafel zeigte 11 Xe und nur einen Kreis..... Beim zweiten Durchgang steigerte ich mich um satte 100 % und setzte doch glatt zwei von vier Pfeilen in die Scheibe. Unsere Anzeigentafel zeigte dieses Mal 10 Xe und zwei Kreise.... In Durchgang drei nach der Mittagspause wollte ich es wissen. Mein Minimalziel für mich selbst war es, mindestens die Hälfte von insgesamt 12 Pfeilen zu treffen. Das hieß also, drei Treffer müssen her und die gibt es nur, wenn Du konzentriert und langsam schießt. Nach diesem letzten Durchgang zeigte die Anzeigentafel 9 Xe und drei Kreise....
Mit diesem Ergebnis – 6 von 36 möglichen Treffern – waren wir mit weitem Abstand die schlechteste Mannschaft des Tages, wobei ich für mich zufrieden sein konnte, denn mit der Hälfte der Treffer ist man gutes Mittelfeld. Letztendlich schießt man im Kyudo, wie natürlich auch im westlichen Bogenschießen, nur für sich alleine. Klar kann man als Gruppe gewinnen und verlieren, aber es hängt ganz von einem alleine ab, ob man trifft oder nicht.
Als das Turnier gelaufen schien, hatte ich schon meinen Handschuh wieder weggepackt – jaja, ich weiß, das macht man nicht, solange nicht alles beendet ist, aber wenn selbst 4. und 5. Dane und darüber schon wegpacken, dann wird das so ein popeliger 1. Dan ja wohl auch machen dürfen, oder? – als plötzlich mein „Mentor“ Iwane-san erschien und irgendwas von kesshou (けっしょう oder 決勝) rief. Ich verstand zwar nicht, was er meinte, aber er drängte darauf, dass ich schleunigst meinen Handschuh anziehen und mich wieder schussfertig machen sollte. Nach weiterem Gemurmel wurde mir dann recht schnell klar, dass es um die Entscheidung der Plätze fünf bis zehn gehen sollte. Sieben Schützen standen dafür bereit. Denn jeder Schütze, wobei nach Frauen und Männern getrennt wird, mit sechs Treffern kam ins Stechen. Dabei hängt dann alles an einem Pfeil. Stechen in unserem Fall bedeutet, dass nach festgelegtem Ablauf alle Schützen nacheinander auf ein Mato schießen und wer danach der Mitte am nächsten ist, hat gewonnen, der Zweitnächste ist Zweiter und so weiter. Mitgemacht hatte ich solch ein Stechen noch nie, gesehen aber schon und so hieß es mal wieder, rein ins kalte Wasser und schauen, was dabei rauskommt. Ausnahmsweise stand ich mal auf Position fünf. Sechs von sieben Pfeilen gingen ins Mato und wo war meiner? Mit Ach und Krach hatte er es noch an den äußeren Rand der Scheibe und mir damit einen 8. Platz verschafft. Bei immerhin rund 25 teilgenommenen Männern ein Achtungserfolg, wobei einige Schützen heute weit unter ihrem Niveau blieben, zumindest, wenn man sie mit den anderen Turnieren vergleicht. Es ist dann schon ein schönes Gefühl, wenn man zum Schluss aufgerufen wird und ein kleines Geschenk erhält. Erst zuhause öffnete ich es und es stellte sich als ein Paket Instantkaffee heraus. Wie man sieht, sind Japaner manchmal auch sehr praktisch veranlagt. So was ist allemal besser, als irgendwelcher Nippes. Und die Verpackung habe ich gleich ins Album eingeklebt, denn da steht drauf, welcher Platz erreicht wurde.
Was bleibt nach einem solchen Tag? Schön war’s und wenn man sich morgens angeregt mit dem „einen“ sensei unterhält und plötzlich aus dem Nichts einen Schlag auf den Rücken bekommt (für japanische Verhältnisse sehr, sehr ungewöhnlich) und dann Sakai-sensei fröhlich Guten Morgen wünscht, wenn an allen Ecken und Enden über meine Größe gewitzelt wird und die Länge meiner Pfeile immer wieder ein beliebtes Vergleichsobjekt darstellen (es sind die mit Abstand längsten Pfeile des ganzen Trachtenvereins), wenn man angesprochen und vor allem auch von den senseis korrigiert wird, wenn sich die Leute mit einem freuen, wenn man „gut“ war, dann kann man schon das Gefühl bekommen, ein kleiner Teil dieser Gruppe geworden zu sein. Das hat mich sehr gefreut. Und es bleibt auch, dass es im Kyudo, wo nur wenige Pfeile geschossen werden und daher jeder einzelne Pfeil einen großen Einfluss auf das Gesamtergebnis hat, auf jede Kleinigkeit ankommt und die Tages- und die Turnierform ganz entscheidend sind. Sechs Treffer waren Mittelfeld, bei neun Treffern ging es um Platz eins. Das heißt aber auch, um da vorne mitzuschiessen bedarf es noch einiges an Übung, um auch im Turnier die erforderliche Disziplin mitzubringen, um in Ruhe und mit Selbstbewusstsein sein Turnier zu schießen. Und es zeigt ebenfalls, dass auch Japaner nur mit Wasser kochen (wenn auch sehr leckeren Grüntee..), denn die sind im Durchschnitt keinen Deut besser als z.B. die deutschen Kyudoka, zumindest was das Trefferergebnis angeht. Sicherlich ist die Chance hier wesentlich größer, einen Ausnahmeschützen zu treffen, aber die haben hier exakt mit denselben Problemen zu tun, wie „wir“ auch. Was hier natürlich ganz anders sitzt, ist die verlangte Disziplin drumrum, wie Dojoetikette, Respekt den sensei gegenüber etc. pp. Aber das sollte nicht verwundern, denn das ist letztendlich Teil der japanischen Kultur, den sie von klein auf eingetrichtert bekommen. |
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| Es gibt mal wieder neue Bilder. | |
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Und wo wir gerade beim Kyudo sind, ein paar Gedanken zu Prüfungen Ich gestehe ja freimütig, dass sich mein Kyudoleben auf noch sehr wenige Jahre beschränkt. Um genau zu sein, war Kyudo mein Geschenk an mich zu meinem 26. Geburtstag, falls es jemanden interessieren sollte. Falls nicht, weiß er es jetzt trotzdem. Wie dem auch sei, zum Kyudo, wie zum Leben überhaupt, gehören Prüfungen. Manch einer findet sie lästig, aber sie zeigen doch, ob man das, was man können sollte, zu einem festgelegten Zeitpunkt so abrufen kann, dass man die Prüfung besteht.
Jetzt gibt es (gerade) im Kyudo nicht wenige Menschen, die sagen, also mir sind Prüfungen nicht so wichtig, ich mache das nur für mich und welchen Grad ich habe, ist mir nicht wichtig. Gerade neulich durfte ich mich wieder mit so jemandem unterhalten. Ich habe mir da so meine Gedanken dazu gemacht (Unkraut jäten lässt grüßen) und kann nur sagen, Du bist entweder nicht ehrlich zu dir selbst oder zu feige. Denn ich bin der Meinung, dass man sich auf diese Art aus der Verantwortung ziehen will. Lehnt man Prüfungen ab, zeigt man doch nur, dass man seine Sache nicht kann und Angst vor dem Versagen hat. Besonders skurril wird es dann, wenn diese Menschen sagen, also ich würde die Prüfung ja locker bestehen, denn ich weiß, was ich kann, aber ich brauche das für mich nicht. Tut mir leid, aber da kann ich nur darüber lachen. Woher will man wissen, ob man so gut schießt (bleiben wir mal beim Kyudo), wie man meint? Eine Prüfung ist der Ort, sich dies zu beweisen. Da sitzen einem im Idealfall erfahrene und geschulte Lehrer gegenüber, die neutral und mit Wohlwollen, aber auch der erforderlichen Strenge urteilen und keine Geschenke verteilen. Abseits dem Trainingalltag in ungewohnter Umgebung zu zeigen, dass man seine Sache nach den erforderlichen Kriterien beherrscht. Außerdem fehlen einem die Anreize, sich zu verbessern. Wenn ich etwas habe, auf das ich mich vorbereiten muss, strenge ich mich an, um mit meinen erworbenen Fähigkeiten möglichst gut zu sein. Wofür lohnt sich das Üben, wenn es kein Ziel gibt? Des weiteren ist das Nichtbestehen einer Prüfung natürlich erst mal unangenehm. Aber es gibt einem die Chance auf Besinnung, auf Beachten der wesentlichen Dinge und muss Ansporn sein, sein Üben weiter voran zu treiben. Nicht verbissen, aber konsequent. Es ist, gerade im Kyudo, gar nichts ungewöhnliches, eine Prüfung nicht zu bestehen. Als Beispiel dazu am Rande – neulich war eine Prüfung zum 5. Dan in Tokyo. Dabei traten 558!! Prüflinge an, wovon nur 24 die Prüfung bestanden.
Wie ich zu diesen Gedanken komme? Das Gespräch neulich hat mich über mein Verlangen nachdenken lassen, warum ich unbedingt länger in Japan bleiben will, um an dem Kyudoseminar in Tokyo meine Prüfung zum 2. Dan zu bestehen. Ich habe ein Ziel und einen Wunsch und das treibt mich an. Dafür übe ich, dafür tu ich mir es an, in einem Dojo zu schießen, in dem es im Sommer keine Klimaanlage und im Winter keine Heizung gibt. Nebenbei stellte sich mir die Frage, warum ich überhaupt nach Japan wollte. Wesentlich einfach wäre es gewesen, in Deutschland zu bleiben. Aber ich habe mich diesen „Prüfungen“ gestellt und bin an ihnen gewachsen (bilde ich mir zumindest ein). Und genau das ist meines Erachtens der wesentliche Teil an Prüfungen, dass man danach erkennt, dass es jetzt erst richtig losgeht.
Dies sind Gedanken, die ich aufschreibe, um sie in vielen Jahren hoffentlich noch mal zu lesen. Es wird dann einfach interessant, ob ich immer noch eine ähnliche Einstellung habe oder ob sich diesbezüglich ein grundlegender Wandel eingestellt hat. |
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| 4. Dezember 2006 |
Hoher ? Besuch Kaffeepause um 15 Uhr. Wir, d.h. die Arbeitskollegen und ich, saßen zusammen auf dem Hof, dachten wehmütig an warme, windfreie Tage, tranken warmen Tee und aßen Mandarinen, als das Spektakel begann. Wie aus dem Nichts tauchten zwei Autos im Hof auf, denen ein Truppe Männer, Alter 60 aufwärts, in schnieken Anzügen entstieg. Allen voran einer, dem man von weitem den Häuptling ansehen konnte. Er lief auf dem Hof rum, als wäre es sein eigener, sprach große Worte und zeigte große Gesten, fragte meinen japanischen Kollegen, nachdem er gehört hatte, dass hier auch Chinesen arbeiten sollen, erst mal, ob er aus China sei. Dabei gab er zu verstehen, dass er ja auch einen landwirtschaftlichen Hintergrund habe und von Mandarinen ebenfalls Ahnung habe. Um zu unterstreichen, was für eine wichtige Persönlichkeit er sei, verteilte er fleißig Flugblätter mit seinem grinsenden Konterfei und hatte offensichtlich Hummeln im Hintern. Es war ihm aber auch anzusehen, dass ihn meine Anwesenheit zumindest leicht verwirrte. Wie kann es sein, dass da einer ganz selbstverständlich zwischen all den Asiaten sitzt, ebenso dreckig ist und dazuzugehören scheint. Er war mir irgendwann nahe, schaute mich an, zog sich zurück, schaute noch mal her und fragte dann, woher er („er“, nicht „sie“) denn kommen würde. Als ich es ihm beigebracht hatte, erzählte er prompt, dass er ja der Präsident des jap.-luxemburgischen Freundschaftsbündnisses sei (ok, ich gebe zu, das habe ich nicht verstanden, aber es mir später übersetzt), aber es interessierte ihn nicht die Bohne, warum ich hier saß. Und ebenso schnell, wie der Spuk kam, war er wieder weg. Es dauerte keine fünf Minuten und die Jungs waren so schnell weg, wie sie kamen. Ich hatte ernsthaft Mühe, nicht in lautes Lachen auszubrechen, konnte mir aber ein, durchaus sarkastisches Grinsen nicht verkneifen. Wie sich denn auch als richtig herausstellte, war die Type ein Politiker. Dieser Affe hat in den fünf Minuten seiner Anwesenheit so ziemlich alle Vorurteile, die ich über Politiker habe, bestätigt. Den würde ich nicht mal wählen, wenn ich a) dürfte und b) es keinen anderen geben würde.
Ich gebe zu, dieser Abschnitt ist sehr spitz formuliert. Aber ich habe ihn nicht deswegen so spitz geschrieben, weil der Mensch so wenig Interesse an mir zeigte (das war mir grad recht, bei seinem Gehabe), sondern weil ich sein ganzes Auftreten affig fand. Mir gehört die Welt und ich bin King Louie – das war seine Ausstrahlung, die bei mir ankam. Mir schien es, als ob er außer gut Aussehen kein Interesse an den Dingen um ihn herum hatte. Und das finde ich schlicht peinlich. Um einem Kommentar vorzubeugen – ich bin sehr wohl der Meinung, dass Politiker in einer Demokratie wichtig sind und es sie geben muss. Nur sollten sie nicht solch ein Gehabe an den Tag legen, wie der hier. Damit schaden sie ihrem eigenen Berufsstand nur. Aber eines muss man ihm trotzdem lassen – mein Tag war nach seinem Besuch gerettet. Ich hatte fürderhin immer ein Schmunzeln auf dem Gesicht. |
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10. Dezember 2006
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Das hätte ich dann doch nicht erwartet Als ich mich gen Japan aufmachte, war mir schon klar, dass ich viele Begegnungen haben werde, viele interessante Erfahrungen machen werde, einiges verrücktes und schönes sehen werde und auch Dinge unternehmen werde, auf deren Idee der Verwirklichung ich im Leben nie kommen würde. Wie zum Beispiel Schlittschuhlaufen in Kagawa. Jetzt mag man sich fragen, wie ein zugefrorener Teich in einem Land entstehen will, deren Tiefstemperaturen im Moment bei plus 10 °C liegen. Aber auch die Japaner wissen mit Technik umzugehen und haben kurzerhand eine Eishalle, wie man sie aus Deutschland kennt, in die Botanik gestellt.
Doch wie es überhaupt dazu kam, dass ich mich hier elegant ;-) auf dem Eis bewege, ist an sich schon eine Geschichte wert. Also: Als ich bei Nambaras in Aokiko war, erzählte ich, dass es gar nicht so einfach ist, mit Japanern ins Gespräch zu kommen, dass es mir an Gelegenheit fehlt, zu reden und überhaupt. Ok. Ein paar Tage nach meiner Rückkehr kam eine Email aus Aokiko mit der Adresse einer Unidozentin von der Uni hier in Zentsuji. Diese Dame (Yamamoto-sensei) ist eine Freundin einer Freundin von Nambaras. Bis hierher noch alles klar? Yamamoto-sensei wiederum schrieb ich an und sie gab mir u.a. die Adresse von Yuko-san, einer Studentin von ihr, die aber jetzt in Tokushima an der Uni Tokushima studiert. Also Yuko-san kontaktiert und sie wiederum kam auf die Idee mit dem Schlittschuhlaufen. Eigentlich wollte sie nur eine kleine Gruppe mitbringen, denn so lässt es sich leichter kennenlernen. Aber wie das halt so ist, hat jemand (Yuko-san) eine gute Idee (Schlittschuhlaufen) wollen alle mit. Alle hieß in diesem Fall 5 Japaner, 1 Serbin, 1 Amerikanerin, 1 Brasilianerin, 1 Chinesin, 2 Franzosen, 1 Kambodschanerin und ich. Multikulti pur sozusagen. Dieser bunte Haufen (neun Frauen, drei Männer) erklärt sich, weil Yuko-san in einem internationalen Haus in Tokushima wohnt. Ursprünglich wollten noch 2 Deutsche mitkommen, aber die waren krank (Weicheier). So jedenfalls trafen wir uns vor der Eishalle quasi in der Mitte zwischen Zentsuji und Tokushima, was jeweils immer noch eineinhalb Stunden Anfahrt sind. Beinah vier Stunden standen wir auf dem Eis, hatte mit Fangen spielen (oni gokko, wie sie hier sagen – den Teufel fangen) und viel reden, Schlittschuhunterricht für die Laien und überhaupt eine Menge Spaß. Das für mich sehr angenehme war, dass alle gut Englisch konnten und so konnte ich nach langen Wochen mal wieder richtig am Stück reden, ohne ständig zu stottern und zu überlegen. Hinterher war meine Kehle auch recht heiser... Und dafür, dass die Halle grammelt voll war (Sonntag Nachmittag und die einzige Eishalle in Kagawa und Tokushima...), wir zwischen den Kindern, den Alten, den vielen Anfängern und den wenigen Profis hindurchgeflitzt sind, ist nicht passiert. Ich hatte nur mal plötzlich einen Mann Mitte sechzig im Arm (nee, ist nicht meine Zielgruppe...) aber man sollte ja auch nach vorne schauen und nicht die Mädels zur Seite beobachten. Beim Abschied waren dann auch alle der Meinung, dass man solch ein Treffen unbedingt wiederholen sollte. Ob sich was daraus ergibt, wird sich zeigen. Mit Yuko-san bin ich aber nach wie vor in Kontakt und wir wollen uns auf jeden Fall noch mal treffen. Wenigstens einmal mit Yamamoto-sensei zusammen. Meinetwegen gerne auch öfter... |
| 11. Dezember 2006 |
忘年会 – alles Weicheier Lang ersehnt, gespannt erwartet und dann das ... Gestern hatten wir hier, d.h. mein Gastbetrieb, bonenkai. Bonenkai (mit langem oooo) ist die hiesige Form des Jahresabschlussgelages und es wird bald schon Wochen vorher davon geredet. Dementsprechend „hoch“ waren meine Erwartungen. Der Sinn eines bonenkai ist es, alle schlechten Dinge, die sich im vergangenen Jahr angesammelt haben, sei es Ärger mit den Kollegen, mit der Arbeit oder was auch immer, zu vergessen und frisch, neu und voller Tatendrang ins neue Jahr zu starten. Die guten Dinge werden mitgenommen, die schlechten zurückgelassen. Nimmt man die drei Kanji, dann ist 忘 (bou oder auch wasureru) das vergessen, 年 ist das Jahr und 会 ist die Veranstaltung/das Treffen. Es steht also bereits im Namen, dass es ums Vergessen geht. Und wie vergisst der gemeine Mensch am schnellsten? Genau, er gießt sich so viel Alkohol in den Schädel, dass er garantiert alles vergisst. So die landläufige Interpretation von bonenkai (dt. Weihnachtsfeiern lassen grüßen).
Nun gut, gestern jedenfalls war bereits um 16.30 Uhr Arbeitsschluss, damit sich jeder noch frisch und hübsch machen konnte. Es war geradezu erschreckend, die Kollegen mal nicht in Arbeitskluft zu sehen – die waren kaum wiederzuerkennen ;-) Dann kam der Bus und 16 Mann und Frau enterten ihn. Das waren Chefs Familie, die japanischen Kollegen, die beiden jap. Frauen, die hier häufig arbeiten, die beiden thailändischen Frauen und ich. Somit waren wir 16 Leute. Was mich gewundert hat, war, dass eine der Töchter vom Chef ebenfalls dabei war. Mit ihr hatte ich noch nie ein Wort gewechselt und sie höchstens mal schnell über den Hof laufen sehen.
Per Bus, der zum Hotel gehört, in dem die Veranstaltung stattfand, ging es in ein schniekes Hotel ein paar Kilometer weiter. Ein großer Raum, schlicht eingerichtet, man saß natürlich auf dem Boden, der Tisch bereits gedeckt und los ging’s. Beginnen tun solche Veranstaltungen immer mit einem „kampai“ – d.h. der Organisator hebt sein Glas, es ist immer Bier, spricht ein paar Worte und dann „kampai“ (Prost). Und dann wird gegessen, was heißt, dass es einen kleinen Gang nach dem anderen gibt, mal warm, mal kalt, mal roh, mal gekocht, mal gebraten, mal frittiert, mal...., während man dazwischen redet, trinkt, dummes Zeug erzählt und einfach eine angenehme Zeit hat. Also genau das richtige, um einen netten Abend zu erleben.
Unser bonenkai ging also gegen 18 Uhr los und nahm somit seinen Lauf. Meinereiner dachte sich, wenn der Abend lang wird, halte Dich am Anfang zurück, trinken musste so oder so ne Menge. Gesagt, getan, ein bisschen hier genippt, ein bisschen da gequatscht. Zwischendurch ist es Usus, dass der Chef und sonstige Leute, die Verantwortung haben, mit einer Flasche Sake und einem Sakebecher ihre Runde zu jedem drehen, ein paar Worte reden (Smalltalk, aber schon so, dass man das Gefühl hat, es ist persönlich an einen gerichtet und nicht nur übers Wetter). Bei diesem Brauch trinkt zuerst der eine seinen Becher (eingeschenkt wird IMMER vom Gegenüber) und dann der andere. Beide mit einem Becher. Man will so auch die Verbindung zueinander ausdrücken. Je größer die Runde, desto mehr Sake für den Rundengeher ;-) Chef hat seine Runde natürlich gedreht, sich aber eher zurückgehalten. Ganz im Gegensatz zu Ujike-san, der der eigentliche Organisator des Abends war (und Sake & Co. ganz gerne mag...)
Mittendrin in der Veranstaltung zerrte mich auf einmal Ushimaru-san am Ärmel „Du musst jetzt auf’s Klo!!“, zwang mich, meine Schuhe anzuziehen und in Begleitung von okaasan und Tochter ging’s raus. Chef rannte noch hinterher und fragte, wohin die Reise gehen soll. „Auf’s Klo!“ war die einhellige Antwort, von uns vieren, angetan mit Jacke, Strassenschuhen und in Richtung Treppe unterwegs... Direkt neben dem Hotel ist ein batting-center. Nationalsport in Japan ist quasi Baseball und so gibt es haufenweise solche batting-center, in denen man mit einem Baseballschläger einen Ball dreschen kann, der von einer Maschine auf einen geschossen wird. Dabei stehen eine Reihe Käfige nebeneinander, in jedem ein Mensch, der sein Glück versucht. Okaasan und Ushimaru-san waren recht gut, die Tochter hat gar nicht mitgemacht und ich kläglich versagt. Dafür habe ich unter Todesverachtung super Fotos von okaasan in Action geschossen – die bekommt sie demnächst...
Was ich nun recht schade fand – um 21 Uhr war der Spuk schlagartig vorbei. Mir ist nicht klar, warum es so kurz war und ehrlich gesagt, fand ich das ein wenig enttäuschend, denn wenn so ein tamtam um bonenkai gemacht und schon Wochen vorher davon geredet wird, hatte ich mir „mehr“ erwartet. Hier kommen nämlich die Weicheier ins Spiel. Von meinen sechs Kollegen haben vier absolut keinen Alkohol getrunken. Gerade noch einen Schluck Bier zum kampai und das war’s. Und das auf so einer Veranstaltung, wo Alkohol einfach dazu gehört. Man muss sich um Himmels Willen nicht wegschädeln, das ist bescheuert. Aber doch den einen oder anderen Sake oder Schluck Wein gehört einfach dazu und dies nicht zu tun, finde ich .... merkwürdig. Außerdem war um neun die Bande am Gähnen, als hätten sie den Fuji mit Hacke und Schaufel um fünf Meter versetzten müssen. Im Bus haben drei der vier geschlafen!!!
Jedenfalls standen wir gegen halb zehn wieder im Hof und was macht man nun mit dem angebrochenen Abend? Ushimaru-san, Ujike-san und ich waren absolut nicht der Meinung, dass es das gewesen sein könnte und zogen zum nächsten Billardtisch los. Auf dem Fußweg dorthin wurde lautstark über diese Weicheier und deren fehlenden Entdeckergeist und Samuraihaltung diskutiert (mit Suff im Kopp geht das richtig gut ... ). Der Abend fand somit doch noch einen gelungenen Ausklang, denn bis etwa 12 Uhr rollten die Kugeln und flog der Pfeil Richtung Dartscheibe.
Jetzt bin ich auf bonenkai vom Kyudo gespannt... |
| wegen der Übersichtlichkeit geht es ab jetzt im 9. Teil des Tagebuchs weiter. |