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Liebe Freunde und Besucher, herzlich Willkommen im Tagebuch einer Japanreise - Teil 3 Auf diesen Seiten möchte ich Euch einen Eindruck von meinem Japanaufenthalt in Zentsuji vom 10. April 2006 bis 16. März 2007 vermitteln.
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| 24. Mai 2006 |
Wenn der Praktikant einen Praktikanten bekommt Diese Woche haben drei neue Praktikanten angefangen. Sie werden eine, bzw. zwei Wochen hier arbeiten und danach muss Herr Kondo entscheiden, ob er einen davon unter seine Fittiche nimmt. So kommt es, dass ich einem davon bei der Kohlernte „sagen“ musste, wo es lang geht. Der gute kann aber nur froh sein, dass ich kein Japanisch kann. Andernfalls hätte er sich vor bissigen Kommentaren nicht retten können. So was von lahmarschig ist mir selten untergekommen. Es ist ok, dass es zu Beginn ein wenig langsamer geht, weil die Arbeit neu ist und man ja schließlich keinen Fehler machen will. Aber wenn man mal kapiert hat, dass entweder sechs oder sieben Kohlköpfe in eine Kiste müssen, dann sollte das laufen. Zumal wenn man zudem bemerkt, dass wir beide dummerweise die Arbeitsgeschwindigkeit der Kollegen bestimmen, weil die nur ernten können, wenn wir die vollen Körbe leeren. Meinste, den würde das jucken? Nicht die Bohne! Da guckt man zwischendurch mal in den Himmel, zieht die Handschuhe aus, dann wieder an und ab und zu legt man mal einen Kohlkopf in die Kiste. Ich wäre ihm beinahe an die Gurgel gegangen. Das fing schon heute morgen an, als es zur negi-Ernte (Frühlingszwiebel) ging. 10 Leute, inkl. den zwei anderen Praktikanten, rauf aufs Feld und ran an die Arbeit. Er dagegen – zieht mal einen Bund aus der Erde, schüttelt ihn ein bisschen, guckt ihn noch mal und erzählt ihm wahrscheinlich einen vom Pferd, bevor er ihn dann irgendwann in den Korb legt. Der hat für eine Kiste negi glatt ne Stunde gebraucht. Jeder andere hat in der Zeit mindestens drei geschafft. Die Krux an der Sache ist nur, dass der Junge (keine Ahnung, wie alt der ist) zwei Wochen hier bleibt und direkt neben mir wohnt. Also, wenn ich Herr Kondo wäre, würde der bei mir auf der Abschussliste ganz weit oben stehen. Dabei hat man mir mal erzählt, die Japaner würden sich neben dem eigenen Wohl auch um das Befinden der Anderen kümmern und sich gegebenenfalls anstrengen, deren Befinden zu verbessern. Entweder ist der Typ kein Japaner oder man hat vergessen, es ihm beizubringen.
Die restlichen Praktikanten scheinen soweit ganz in Ordnung zu sein. Wir haben noch nicht viel miteinander geredet, aber das wenige machte sie mir recht sympathisch.
Zum Thema: Lehrlinge & Praktikanten Herr Kondo hat mir neulich einen kleinen Einblick in das japanische Lehrlingswesen gegeben. In Deutschland ist ja üblicherweise so, dass man irgendwo eine landwirtschaftliche Lehre oder ein Studium macht und anschließend einen Betrieb übernimmt (so man denn will). Hier in Japan läuft das ein wenig anders. Viele Leute studieren zwar, aber das heisst noch lange nicht, dass sie in diesem Fach später arbeiten. Eher das Gegenteil ist der Fall. Nach der Schule / Uni suchen sie sich einen Betrieb, der sie ausbilden will und dann beginnt man ganz von vorne. Im Falle von Herrn Kondo ist das wohl so, dass, wenn er sich mal entschieden hat, einen „Lehrling“ anzunehmen, auch sehr lange für ihn verantwortlich ist. Das heißt, dass er ihm zuerst alles wichtige auf seinem Betrieb beibringt und ihm anschließend behilflich ist, den eigenen Betrieb aufzubauen. Damit ist die Verantwortung aber noch lange nicht zu Ende. So wie ich es verstanden habe, trifft der Lehrling weiterhin keine grundlegenden Entscheidungen ohne Absprache mit dem Lehrherrn. So werden zum Beispiel der Einkauf von Dünger und Pflanzenschutzmittel gemeinsam erledigt. Erst so nach und nach wird der Lehrling eigenständiger und irgendwann ist er dann fertig mit seiner Ausbildung. Wann das sein wird, entscheidet aber der Lehrherr und nicht die Anzahl der Lehrjahre. So meinte Herr Kondo, dass er zwischen 10 und 15 Jahren für diese Leute verantwortlich ist!! Er berichtete auch von dem Sohn eines befreundeten Landwirts, der ebenfalls bei ihm in die Lehre gehen will. Der wird später aus einem Teil des elterlichen Betriebes einen eigenständigen Betrieb aufbauen. Aber da ist dann nicht der Vater die Ansprechperson, sondern der Lehrherr, sprich Herr Kondo.
Wenn man nun bedenkt, dass Herr Kondo im Moment zehn dieser Lehrlinge betreut und daneben auch für die ausländischen Arbeiter auf den verschiedenen Farmen verantwortlich ist, wird mir so langsam klar, warum er so beschäftigt ist.
Wie das hier auf dem Betrieb aussieht, kann ich nicht genau sagen. Ich weiß, dass einer davon sicher einer seiner Lehrlinge ist (ushimaru-san). Bei einem habe ich die Vermutung, dass der ebenfalls ein Lehrling ist. Aber die restlichen drei Japaner scheinen mir eher den Status eines normalen Angestellten zu haben. |
| 29.Mai 2006 |
Statt eines Monatsberichtes ... schreibe ich lieber Tagebuch. Wir müssen immer Ende des Monats einen Bericht über unsere Tätigkeiten, unser Befinden, wie wir uns in Japan einleben und anpassen und Sonstiges an das JAEC schicken. Und weil ich so gerne Berichte auf Befehl schreibe (Diplomarbeit lässt grüßen), sitze ich lieber vor meinem Tagebuch.
für diese sechs Zeilen habe ich ungefähr zehn Minuten gebraucht und ich merke, dass ich heute gar nicht in der Laune bin, Tagebuch zu schreiben. Dabei gäbe es einiges zu berichten. Pech gehabt, dann eben ein ander Mal wieder.
Aber was ich schon lange mal loswerden wollte: Danke an all die Leser dieser Zeilen. Ich bin wirklich sehr überrascht, wie viele diesem Tagebuch bislang gefolgt sind und mich sogar aufgefordert haben, es weiterhin mit Inhalt zu füllen. Ich schreibe es in erster Linie für mich, aber natürlich auf für Euch und so ist dieser Zuspruch Beifall und Verpflichtung zugleich. Ich werde mich weiterhin bemühen, aber je mehr der Alltag zum Alltag wird, wird es immer schwerer, sich abends noch vor den Rechner zu setzen und zu schreiben. Zudem (s.o.) fehlt ab und an auch der Kuss der Muse. |
| 31. Mai 2006 |
Möge der Beste gewinnen Wenn die aber so spielen, wie ich das gerade beim Frühstückfernsehen sehe, dann wird weder Deutschland noch Japan Fußballweltmeister. Die beiden haben gestern Abend gegeneinander gespielt und aus lauter Interesse (ich bin ja kein Japaner, der sich für Fußball nicht interessiert), wer denn nun gewonnen hat, habe ich zum Frühstück den Fernseher eingeschaltet und die letzten 20 min in der Wiederholung gesehen. Nach meiner bescheidenen Meinung hatte das deutsche Team mehr als Glück, dass das Spiel 2:2 ausgegangen ist. Als ich eingeschaltet hatte, stand es noch 0:2 für Japan. Beim Tor von Klose war Glück dabei und die Japaner haben genau so „wenig“ Ballgefühl, wie „unsere“ Jungs. M.E. viele Fehlpässe und zu oft geht der Ball unnütz verloren. Also nee, so wird das auf beiden Seiten nix. Da stand auf beiden Seiten mehrmals das Tor auf wie ein Scheuentor und trotzdem..... Ich bin sicher, gegen eine der Topmannschaften besteht keins der beiden Team.. Jetzt sehe ich gerade zum x-ten Mal in fünf Minuten die Wiederholung der beiden japanischen Tore durch Takahara.
Überhaupt ist Fußball in Japan eher eine Randsportart. Höchstens die Hälfte der Leute, mit denen ich bislang gesprochen habe, wussten überhaupt, dass in Deutschland Fußballweltmeisterschaft ist und von dem Freundschaftsspiel gestern Abend wussten noch viel weniger. Dabei habe ich gestern Abend noch auf Tagesschau.de gelesen, dass Japan bis 2050 Weltmeister werden will... Die mit Abstand populärste Sportart ist Baseball, eine Hinterlassenschaft der Amis. Überall im Land stehen massenhaft Baseballstadien der Universitäten und Schulen und fast jeder Junge spielt Baseball. Dann kommt lange nix und erst dann vielleicht Fußball. Vielleicht auch nicht. Die traditionellen Sportarten, wie Kyudo oder Iaido führen ein absolutes Schattendasein. Karate oder Judo sind dagegen etwas verbreiterter.
Herzlich Willkommen zum Rückblick auf die 1. Internationale Kohlathletics – der Meisterschaft der Gammelkohlwerfer Ziel dieser äußerst unterhaltenden Veranstaltung war es, gerade abgehackte, gammlige Kohlköpfe auf möglichst elegante Art und Weise über den Acker zu befördern. Als Spielfeld wurde der Kohlacker zwischen Strasse und Bambushain ausgewählt. Die Einzeldisziplinen sahen demnach wie folgt aus: · Kohlstoßen · Kohldiskus · Kohlwerfen · Kohl-in-einen-Korb-der-auf-einem-Wagen-steht-werfen Als Vertreter der einzelnen Nationen standen folgende, überragende Athleten auf dem Spielfeld: · Nakayama-san (Japan) · Den-san (China) · Markus-san (Deutschland)
Das Publikum (ein Hund) tobte, die Spielgeräte waren Wegwerfartikel und über die Ergebnisse wurde stillschweigend Stillschweigen vereinbart.
Ihr seht, man kann sich überall auf der Welt austoben, wenn die richtigen Leute beisammen sind. Irgendwie hat sich der Spaß spontan ergeben und war nach fünf Minuten auch schon wieder rum, aber ich bin sicher, das sind die Dinge, die in Erinnerung bleiben und allemal gut für das Zwischenmenschliche sind.
Überhaupt hat sich der Kontakt zu all meinen Kollegen in der letzten und dieser Woche nahezu schlagartig verbessert. Ob’s daran liegt, dass ich doch nicht beiße oder vielleicht nur daran, dass wir uns aneinander gewöhnt haben und ab und zu auch mal richtige Gespräche möglich sind, weiß ich nicht. Aber es tut der Seele gut und gibt Schwung.
Das führt mich einer Bilanz der ersten sechs Wochen Japan Sechs Wochen weg von Familie und Freunden, vom deutschen Alltag und deutschem Essen, von der deutschen Sprache und der deutschen Schrift. Und trotzdem geht es mir hier zusehends besser. Ich will nicht verleugnen, dass die ersten Tage hier in Zentsuji bei all den vielfältigen Eindrücken auch ihre negativen Seiten hatten, die mich schon in der ersten Woche beinahe zur Heimreise verleitet hätten. Vom Chef, der der einzige war, der sich mit mir unterhielt, war weit und breit nix zu sehen, weil er sich im Ausland rumtrieb, die Arbeit war anstrengend, auf Japanisch ging gar nix und der Kontakt zu meiner Gastfamilie lag nahe bei Null. Da kam dann sehr schnell das Gefühl auf, nur eine billige Arbeitskraft zu sein. Aber da man nach einer Woche nicht schon alles hinschmeißt, bin ich halt immer noch hier und jetzt und heute sieht alles etwas besser aus. Der Kontakt zu meiner Gastfamilie ist nach wie vor sehr gering, sieht man von mittlerweile zwei Karaokeabenden mit der Großmutter ab. Klar unterhält man sich in den Kaffeepausen mal kurz, aber dass nach der Arbeit noch was zusammen unternommen wird, ist nicht der Fall. Das ist einerseits sehr schade, auf der anderen Seite entbindet es mich von vielerlei Verpflichtungen und ich kann nahezu tun und lassen, was ich will. Daher muss ich mich um meine Freizeitbeschäftigungen selber kümmern. Auch damit sieht es heute viel besser aus, denn mit den Trainingsmöglichkeiten für Kyudo in Zentsuji und Marugame habe ich tolle Möglichkeiten, außerhalb der Arbeit Leute zu treffen und der Kontakt zu Stefan ist ebenfalls sehr gut und ein großer Rückhalt. Ich bin sehr froh, dass ich bereits zweimal in Japan war und somit wenigstens ein bisschen was über Land und Leute wusste, bevor ich hierher gekommen bin. Ansonsten bin ich mir sicher, wäre ich bereits wieder in Deutschland.
Sprachlich stehe ich natürlich weiterhin und noch für lange Zeit auf einer riesengroßen Baustelle, aber immer mal wieder klappt’s dann doch und das freut mich sehr. Gerade mit den Chinesen und den Thailänderinnen funktioniert es überraschend gut, was wahrscheinlich daran liegt, dass wir alle in einfachen Sätzen reden und sämtliche komplizierten Floskeln und Vokabeln weglassen. Spannend ist auch die Beobachtung, dass die Leute viel offener und unbefangener sind, wenn man nur zu zweit ist. Dann kommen auch mal Fragen und mit Händen, Füßen und Wörterbuch kommt das Gespräch zustande. Aber sobald mehrere Leute anwesend sind, hört das auf. Mein kleiner Arbeitsunfall hatte neben der Tatsache, dass ich um’s negiwaschen drumrum kam auch den überraschenden Vorteil, dass man schnell mal angesprochen wurde und sich damit ein „Verhältnis“ aufbaut. Diese Grundlage muss aber immer erst gelegt werden.
Weiterhin erfreue ich mich tagtäglich an den vielen Emails und Kontakten zu den alten Freunden in Deutschland. Ich hätte nicht gedacht, dass sich das so hält und hoffe sehr, dass das weiterhin eine solche Qualität hat. Auch das macht es einem leichter, wenn ein schlechter Tag dazwischen ist.
Mittlerweile eröffnen sich auch immer mehr Möglichkeiten, was man tun kann und das artet schon fast in Freizeitstress aus. Die doch recht vielen Freunde und Bekanntschaften, die ich hier in Japan habe, haben z. T. schon nachgefragt, wann ich sie denn endlich besuchen werde. So stehen Besuche natürlich in Matsumoto und Aokiko, aber auch in Hiroshima und Tokyo auf dem Programm. Ganz spontan hat mich Herr Nambara eingeladen, ein paar Tage mit ihm zusammen auf einer Insel, südlich von Shikoku zu verbringen. Er fährt dort regelmäßig hin und so fahre ich kommenden Montag ebenfalls für zwei Tage nach Okinoshima Moshima. Des weiteren bin ich kommenden Sonntag zu einem Treffen der Dt.-Jp. Gesellschaft nach Takamatsu eingeladen und am Donnerstag fliegen der Chef, ein paar der chinesischen Arbeiter und ich für drei Tage nach Tokyo. U.a. geht es ins Disneyland Tokyo. Somit habe ich kommende Woche nur einen Arbeitstag und nach der Woche sicherlich viel zu berichten.
Essenstechnisch bin ich nicht am verhungern und auch der tägliche Reis und die tägliche Misosuppe hängen mir noch lange nicht zum Hals raus. Sie sind einfach die Grundbeilagen für das restliche Essen. Durch meine Selberkocherei kann ich glücklicherweise so viel von dem Essen, was ich will und bin demnach nur hungrig, wenn ich zu faul bin, was zu kochen. Aber dadurch verschließen sich mir auch viele japanische Gerichte, von denen ich einfach nicht weiß, wie sie gemacht werden. In diesem Falle hoffe ich aber noch auf die restliche Zeit hier in Japan und sobald das mit der Sprache besser klappt, frage ich auch die beiden Damen wieder....
Ergo: nach sechs Wochen kann ich für mich sagen, dass auch Japan nicht das Paradies auf Erden ist, aber es ist trotz der Arbeit und mancher Schwierigkeiten sehr spannend, unterhaltsam und ab und zu sehr erfreulich, so dass ich es wohl weiterhin hier aushalten werde. Ich sehe dieses Jahr hier als eine große Aufgabe, an der ich wachsen oder mit der ich untergehen kann. Noch bin ich am wachsen... |
| 1.Juni 2006 |
Seit wann liegt Hamburg in Süddeutschland? Gestern morgen war ich im Krankenhaus und ließ mir die Fäden ziehen. Kondo-san weilt derzeit in Indonesien und so brach ich frohen Mutes allein auf, in der Hoffnung, dass das schon irgendwie klappen würde mit der Verständigung. Als ich dann endlich dran kam, war das eigentliche Anliegen schnell erledigt, aber dann kam die obligatorische Frage, woher ich kommen würde. „Woher kommen Sie“ „Aus Deutschland“ „Berlin“ „Nein, Süddeutschland“ „Ah, Hamburg“ „Tut mir leid, aber Hamburg ist Norddeutschland“ – worauf der junge Mann verschämt lachend an der Schulter der Krankenschwester zusammenbrach. Mein Tag war in jedem Fall gerettet und ich zog fröhlich grinsend von dannen.
In Japan scheinen die Alten sich, ebenso wie in Deutschland, gerne beim Doktor zu treffen, um ausgiebig zu ratschen. Zumindest kann dieser Eindruck entstehen, wenn ich mir die Situation Mittwoch Morgen, 8 Uhr im Krankenhaus in Zentsuji so anschaue. Überhaupt sind die alten Menschen eine kurze Betrachtung wert.
Alte Menschen Schon bei meinen letzten Besuchen in Japan viel mir auf, dass die Alten erstaunlich fit sind. Natürlich sieht man hier häufiger alte Menschen, die gebeugt (im Extremfall nahezu im 90°-Winkel) am Stock laufen, aber unglaublich viele fahren Fahrrad, arbeiten auf dem Feld oder im Gemüsegarten und wirken richtig fit. Neulich waren wir bei einem Landmaschinenhändler. Ushimaru-san fragte den alten Herrn des Hauses, wie alt der denn sei und er antwortete stolz „93 Jahre und ich fahre immer noch Auto“. Auch „meine“ Großeltern sind für ihre 79 bzw. 77 Jahre voll da. Obaasan (Oma) steht morgens weiß Gott wie früh auf dem Hof und fuhrwerkt herum. Oftmals zieht sie alleine im kleinen weißen LKW los und erntet Frühlingszwiebeln. Sie arbeitet täglich mit. Und es sage keiner, sie sei von gestern. Der Griff zum Handy ist selbstverständlich und bei unserem letzten Karaokeabend wunderte ich mich, warum sie sich auf einmal zu diesem Schlipsträger abseits setzte. Nach gut einer halben Stunde kam sie mit einem transportablen DVD-Player zurück! Ojiisan (Opa) ist ebenfalls jeden Tag bei der Arbeit mit dabei und wenn er nicht zu sehen ist, sitzt er wahrscheinlich im Gemüsegarten und hackt, jätet oder erntet. Sein liebstes Fuhrwerk ist sein kleines weißes Fahrrad, auf dem er jede Strecke, die länger als 10 m ist, zurücklegt. Er redet überall mit, ist für jeden Spaß zu haben und verteilt gerne sein geerntetes Gemüse an uns. Am liebsten mit einer Empfehlung zur Zubereitung desselben. Auch hier ist das Handy ein ständiger Begleiter. Japan gilt als das Land mit den ältesten Menschen weltweit. Woran das liegt, weiß ich nicht, aber ich bin sicher, dass das Essen keine unwesentliche Rolle spielt. Relativ wenig Fleisch und Fett, aber viel Gemüse, Meeresgetier und Rohkost. Ushimaru-san meinte neulich, dass die Menschen in einer bestimmten Präfektur Japans, deren Namen ich leider vergessen habe, mit Abstand am ältesten werden, weil sie täglich nattou (diese vergammelten Sojabohnen) essen und Grüntee trinken. Wobei ich sagen muss, dass ich dann auch gute Chancen habe, alt zu werden, denn ich mag nattou und ich trinke gerne Grüntee.
Sodele, jetzt habe ich gerade eine Schachtel Tekrumkekse aus dem Care-Paket meiner Eltern verdrückt und in heimischen Gefühlen geschwelgt und nun geht es ab ins Bett. Die nächsten Tage werden noch mal anstrengend, bevor ab Sonntag Mittag die angenehme Woche beginnt. Das Wetter sieht hier mittlerweile so aus, dass es tagsüber bis nah an 30 °C hat (26-28 °C) und es morgens schon schön warm ist. Nachmittags ist es häufig leicht bewölkt und man kann es gut aushalten. Überhaupt war es hier sicherlich seit Wochen nicht unter 20 °C und ich schlafe selbstverständlich nur mit einer leichten Decke bei offenem Fenster. Die nächsten Tage sollen auch so um die 24-27 °C bringen. Sonnenschutz ist sehr wichtig und Gummistiefel sind bei dem Wetter eine Qual. Ich bin nach wie vor gespannt, wie das erst im Sommer werden soll..... Ein weitere Unterschied zu Deutschland ist der, dass es bei Regen kaum abkühlt. So ist es nicht allzu schlimm, wenn man nass wird, denn man friert nicht dabei und trocknet schnell wieder. Lieber hier im Nieselregen als bei 35 Grad im Schatten arbeiten.... |
| 3. Juni 2006 |
Nutzen wir die Gunst der Stunde und schreiben Tagebuch. Die Arbeit ist für heute erledigt, Kyudo ist am Samstag leider nur bis 17 Uhr möglich und Stefan habe ich erst gestern Abend gesehen. Ich ruhe mich heute lieber aus, ab morgen wird es anstrengend. ;-)
Die letzten beiden Wochen hatte ich keinen freien Tag und ich merke, wie das doch an die Substanz geht. Die Kollegen haben letzten Samstag und auch heute erstaunt geschaut, als ich morgens um viertel vor acht auf dem Hof stand, aber ein kurze Erklärung und los ging die Arbeit. Nach der Schonfrist mit meinem Daumen hat mich nun auch wieder mein Liebling eingefangen, die Frühlingszwiebelwaschmaschine. Und da wir im Moment sehr viel negi ernten, gibt es halt auch sehr viel negi zu waschen.... aber man gewöhnt sich an alles... Das Wetter war heute wieder um die 28 Grad und sonnig. Dabei habe ich gerade noch eine Email aus Witzenhausen gelesen, wonach es dort derzeit zwischen 3 und 9 Grad hat und es sogar ein wenig geschneit ! hat. Dann doch lieber 28 Grad.
Wetter in Kagawa-ken Nach dem, was ich bislang verstanden habe, ist das Wetter in Kagawa-ken für hiesige Verhältnisse eher gemäßigt. Durch die vielen, z. T. relativ hohen Berge, die zwischen Kagawa und dem Pazifik liegen, kommen hier relativ selten Taifune an. In einem normalen Jahr so zwei bis drei. Im vergangenen Jahr war es nur einer, aber das Jahr davor (2004 – da war ich auch in Japan und ich kann mich noch gut an die vielen Taifune erinnern, über die berichtet wurde) gab es auch hier viele Taifune. Einer hat auf dem Betrieb von Herrn Kondo erheblichen Schaden angerichtet. Die Zeit der Taifune beginnt ungefähr Ende Mai, Anfang Juni und dauert bis September oder Oktober. Ein Jahr mit vielen Taifunen bedeutet 25 oder mehr davon. Taifune bilden sich üblicherweise im südlichen Pazifik und treffen meist aus Südosten kommend auf Japan. Auf der anderen Seite von Shikoku sieht es demnach ganz anders aus. Dort treten viele und auch heftige Taifune auf. Wenn denn ein Taifun kommt, kann das bedeuten, dass innerhalb einer Stunde 50!! oder mehr Liter Regen fallen. Und das z. T. über Tage. Damit ergeben auch die großen Flussbetten einen Sinn, in denen ansonsten nur ein Bächlein fließt. Neulich wurde im Fernsehen von einem Taifun berichtet, der Kyushu getroffen hat. Dabei sind an einem Tag bis zu 180 l Regen gefallen. Die geschützte Lage von Kagawa bedeutet aber auch, dass Wasser im Mangel vorhanden ist. Durchschnittlich fallen in Japan angeblich um die 2.200 mm Regen, hier nur rund 1.500 mm. Daher gibt es hier viele Teiche, die das Wasser speichern und bei Bedarf zur Bewässerung abgeben. Im August und September fällt so gut wie kein Regen, von Taifunen abgesehen. Dafür herrschen dann aber auch Temperaturen von angeblich bis zu 45 °C vor (im Extremfall). 40 °C sind aber durchaus nichts besonders. Die angenehmsten Monate sind denn auch im Frühjahr (Februar bis April / Mitte Mai) und im Herbst (Oktober und November). Dann ist es angenehm warm und sehr erträglich. Im Winter gibt es keinen Schnee. Es kann zwar wohl mal passieren, dass etwa Schnee fällt, aber der taut sofort wieder weg. Die Minimaltemperaturen liegen so um Null grad oder knapp darunter. Das Wetter im Moment ist heiß, aber noch nicht zu heiß. Knapp unter dreißig Grad, sonnig und immer mal wieder bewölkt. Nachts kühlt es deutlich ab (weiß leider nicht, auf wie viel Grad), aber mit leichter Decke bei offenem Fenster zu schlafen ist kein Problem.
Arbeiten auf dem Betrieb Kondo (Kondo-noen) Derzeit sind wir vor allem mit der Ernte von Negi (Lauch) und kyabetsu (Kohl (Weißkohl)) beschäftigt. Gleichzeitig werden die abgeernteten Felder komplett abgeräumt und einmal gefräst. Dann bleiben sie, soweit ich das bisher verstanden habe, erst mal eine Zeitlang liegen, bevor mit RoundUp und Mineraldünger die Flächen für eine erneute Pflanzung von Gemüse oder Salat vorbereitet wird. Der Kohl wird direkt an die Agrargenossenschaft geliefert, negi wird zum größten Teil auf dem Betrieb aufgearbeitet und verkaufsfertig gemacht. Danach geht er auch an die Genossenschaft.. Eine weitere Arbeit ist das Pflanzen von negi. Die Samen werden in Aussaatschalen ausgesät und die Setzlinge dann direkt von Hand aufs Feld gepflanzt. Derzeit ist es so trocken, dass die Setzlinge direkt nach dem Setzen eingeschlämmt werden müssen. Negi wird auf Dämmen mit drei bis vier Reihen je Damm gepflanzt. Das bedeutet, dass fünf bis acht Leute, manchmal noch mehr, aufs Feld rausschwärmen und auf Knien rutschend eine Reihe nach der anderen Pflanzen. Dabei sind die Chinesen und da besonders die Frauen, unglaublich schnell und gleichmäßig. Es ist zwar frustrierend, wie schnell sie sind, aber es ist auch interessant, ihnen dabei zuzusehen. Gedüngt wird hier von Hand. Es gibt zwar in Japan Düngerstreuer, aber ich vermute mal, bei der Anzahl der Menschen, die auf dem Betrieb Kondo arbeiten, ist das Düngen per Hand schneller und mindestens genauso exakt erledigt. Dünger wird dabei nur sackweise angeliefert. Lose Ware ist hier sicherlich unbekannt. Ausbringmengen sind hier dann „X Sack auf eine Reihe“. Das staubt so schön und schmeckt herrlich salzig...... Pflanzenschutz ist ebenfalls angesagt, wobei ich damit bislang nichts zu tun hatte. Ich habe nur einmal beobachtet, wie die Kollegen ein negi-Feld gegen irgendeine Krankheit gespritzt haben. Um Herauszufinden, gegen was, fehlt es noch an der Sprache. Grundsätzlich werden Pflanzenschutzmittel auf dem Betrieb Kondo mit Schutzmaske ausgebracht, was in Japan überhaupt nicht der Regel entspricht, eher im Gegenteil. Da wird recht sorglos mit der Gesundheit umgegangen. Allerdings ist es ein Bild für Götter, wenn der Kollege in der einen Hand das ca. 3 m lange Spritzgestänge und in der anderen Hand das Mobiltelefon ans Ohr hält und die Schutzmaske auf dem Kinn hängt, während er fröhlich weiter behandelt. Sehr häufig wird der Reis kontrolliert, dabei wird besonders auf den Wasserstand geachtet. Wie hoch der wann sein muss, ist mir bislang noch schleierhaft, aber man bekommt schon das Gefühl, dass Reis das wichtigste Anbauprodukt ist (kann vielleicht auch täuschen, muss da wohl mal nachfragen). Dann ernten wir noch ein Gemüse (komatsuna), das aussieht, wie Spinat, aber keiner sein soll und wovon mir keiner auch nur den englischen Namen sagen kann. Und ich finde das Kraut in keinem meiner vielen Wörterbücher, die eigentlich recht gut sind. Hat irgendeiner von Euch eine Ahnung, was das sein kann?
Noch ein paar Wörter zum aktuellen Praktikanten. Die oben beschriebene Pappnase wurde nach einer Woche gegangen. Er sollte zwar zwei Wochen bleiben, aber das hatte so keinen Zweck mit dem Jungen.... Dafür wird jetzt Ito-san, ein 24-jähriger Japaner, für ein Jahr auf dem Betrieb Kondo arbeiten. In diesem Jahr kann er zeigen, was er kann und ob er für weitere Jahre beschäftigt werden kann. Er ist als Mensch völlig in Ordnung, leider für meinen Geschmack etwas zu ruhig, aber soweit ich (als altgedienter Praktikant :-) ) das beurteilen kann, stellt er sich nicht allzu dämlich an. Witzig ist nur, dass er Führerscheinneuling ist. Er hat angeblich seinen Führerschein in Tokyo gemacht und irgendwie noch keine Fahrpraxis erlangt. Jetzt kämpft er gelegentlich gegen die Tücken dieser kleinen, weißen LKW und dagegen, dass hier eigentlich alle fahren, wie angesengt (s.o.). Vor allem, wenn es rückwärts einen Abhang hoch geht und direkt dahinter der Fluss oder ein breiter Graben ansteht, sieht man seine Beifahrer regelmäßig ins Schwitzen kommen... Aber es muss gesagt werden, dass die Kollegen zwar ab und zu grinsen, ihm aber schon helfen und ihn nicht ins offene Messer rennen lassen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, hat er bislang mit Landwirtschaft nicht viel am Hut gehabt, will aber über kurz oder lang nach Indonesien und dort Landwirtschaft betreiben. Dies hat aber wohl nichts mit den Plänen von meinem Chef zu tun. Warum ausgerechnet Indonesien, kann ich nicht sagen, denn dafür war die Teepause zu kurz.
Ein kleiner Exkurs in die Welt der Japanischen Namen Mittlerweile habe ich eine Reihe von Leuten kennen gelernt und eine Vielzahl an Namen gehört. Zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich viele Namen, wie ich sie höre, auch schon wieder vergesse, denn die sind mir einfach so fremd und jedes Mal nachfragen ist peinlich. Aber wer wichtig ist, bekommt man auch so mit. Japanische Namen, egal ob Vor- oder Familienname, haben meistens einen Bezug zu Dingen in der Natur. Vornamen kenne ich bislang aber eher wenige, denn üblicherweise redet man sich mit dem Nachnamen an und hängt ein –san dran. Vornamen werden m. W. nach nur in familiärer oder sehr freundschaftlicher Umgebung verwendet. Das –san am Namen wird sowohl für Frauen als auch für Männer verwendet und hat, soweit ich weiß, keine Bedeutung für sich, ist aber sehr wichtig. Es gilt in der direkten Anrede, aber auch, wenn man über jemanden spricht. Dieses Namensanhängsel wird aber je nach Situation auch ausgetauscht. In einem sehr förmlichen Fall und von unten nach oben (Hierarchie), wird –sama angehängt. Redet man mit einem Professor oder Doktor (egal ob Arzt oder Wissenschaftler im weitesten Sinne), wird daraus –sensei. Sensei wird oft auch ohne Namen direkt in der Anrede verwendet. Übersetzt bedeutet es „Lehrer“. So wird ein Lehrer im Klassenzimmer, aber auch z.B. beim Kyudo als „sensei“ angeredet, ohne Namen. Unter Männern, die sich gut kennen oder von oben nach unten, kann statt –san auch –kun verwendet werden. Aber niemals von unten nach oben. Redet man mit Kindern oder Kinder mit ihnen vertrauten Personen, wird das –san zu –chan. Es wird berichtet, dass auch Verliebte dies für sich beanspruchen. So nun aber zu den Namen an sich. Sehr häufig setzen sich die Namen aus zwei Kanji zusammen, die sich, s.o. auf Dinge in der Natur beziehen. Z.B. ist „–yama“ (Berg) oder „–kawa“ (Fluss) oft Bestandteil japanischer Namen. Aber auch Himmelsrichtungen, wie –„kita“ (Norden) finden sich recht häufig. Oder Namen von Bäumen („-matsu“ (Kiefer)), das Reisfeld („-da“ oder –„ta“), die Mitte („-naka“) oder „-mura“, das Dorf. Ich habe eine Liste der 100 häufigsten Familiennamen und diese Kanji finden sich darin sehr häufig. Meine Kollegen heißen z.B. folgendermaßen: Ushimaru-san, Ujike-san, Murata-san, Yamashita-san, Nakayama-san, Ito-san und der Chef Kondo-san. Ich kenne aber Menschen mit den Namen Nambara, Imada, Okada, Ukawa, Kagawa, Matsumoto oder Nakagawa. Es würde mir das Erklären wesentlich leichter machen, wenn ich wüsste, dass Ihr alle auf Eurem Rechner Kanji anzeigen lassen könnt. Da dies aber eher selten der Fall sein wird, verzichte ich wegen der Lesbarkeit darauf. Falls es jemanden näher interessiert, bin ich mit meinem wenigen Wissen aber gerne behilflich.
Es gibt auch mal wieder neue Bilder. Ein Teil der alten Bilder habe ich wegen Platzmangel rausgenommen. Außerdem habe ich mal einen japanischen Popsong zum runterladen reingestellt. Könnt Ihr Euch ja mal anhören. Und keine Angst, ich verstehe auch (fast) nichts. Titel und Interpret sind leider unbekannt. So und das war's für diese Woche. Mit dem Tagebuch geht es erst nach der kommenden Woche weiter. |
| 4. Juni 2006 |
Ein Land voller Extreme Die vergangene Woche hatte es in sich. Dabei habe ich die Extreme dieses Landes kennen gelernt. Absolute Einsamkeit am südlichsten Punkt Shikokus und im Gegensatz dazu Tokyo, eine der größten und lebendigsten Städte der Welt. Aber immer schön der Reihe nach.
Die Deutsch-Japanische Gesellschaft Kagawa Am 4. Juni war ich abends bei der dt-jp Gesellschaft Kagawa in Takamatsu eingeladen. Man soll mit seinen Erwartungen vorsichtig sein, aber wenn man zu so einer Veranstaltung geht, hat man schon so seine Vorstellungen, was da auf einen zukommen könnte. Ich lag natürlich voll daneben, denn statt den erwarteten 10-15 Leuten irgendwo in einer Kneipe saßen ca. 40 Leute in einem Saal vor fein gedeckten Tischen, Kristallleuchter an der Decke, Fotographen wohin das Auge blickte und alle im feinen Zwirn. Bis auf mich waren aus Deutschland noch ein etwa gleich alter Mann, der allein wegen seinen roten Haaren auffiel wie ein bunter Hund und eine junge Frau aus Wiesbaden anwesend. Der Mann ist von Haus aus eigentlich Historiker, aber um Geld zu verdienen lehrt er Deutsch an der Uni in Takamatsu. Die Frau ist 25, ist ebenfalls seit April hier in Kagawa und studiert Wirtschaftswissenschaften. Das interessante an dem Typen war, dass der total frustriert und sarkastisch war. Ich hatte das Gefühl, der würde am liebsten die ganze Gesellschaft in die Luft jagen und grinsend daneben stehen. Zumindest zog er ziemlich über die Leute her („die sind doch korrupt bis sonst wohin und ist doch eh alles Mafia, besonders der da (der Präfekt von Kagawa-ken)“. Mal schauen, seine Telefonnummer habe ich und ich werde ihn die Tage mal anrufen. Ansonsten besteht diese Gesellschaft nur aus Japanern, zur Hälfte etwa Frauen, mit einem geschätzten Altersdurchschnitt von um die 50 – 55 Jahren. Manche können gut bis sehr gut Deutsch, andere eher weniger. Im offiziellen Teil war mal wieder totaler Bahnhof angesagt, denn sämtliche Reden waren auf Japanisch, aber es wurde immerhin soviel klar, dass die dt.-jap. Gesellschaft aus Bonn der öffentlichen Bibliothek in Kagawa eine Anzahl deutscher Kinderbücher geschenkt hat, die in japanischen Kindern das Interesse an Deutschland wecken sollen. Zudem wurde eine Spendenaktion besprochen. Der inoffizielle Teil begann mit der gefürchteten Vorstellung. In Japan ist es allgemein üblich, dass man sich selbst vorstellt. Da stand ich dann also vor der versammelten Gemeinde und sollte mich was zu mir sagen. Um die Nerven zu beruhigen lief der erste Durchgang in Deutsch und der zweite in Japanisch. Und dann ging es ans Essen. Was es gab, kann ich nicht mehr genau sagen, denn ich wurde sofort von zwei Herren in Beschlag genommen, die mich dermaßen zutexten und mich weiß der Herrgott was alles fragten, dass ich vor lauter Reden kaum zum Essen kam (und höflich wie ich bin, habe ich immer allem zugestimmt, auch wenn ich nicht wusste, was der Typ mir gerade erzählte...) Irgendwann war aber mal Haifisch dazwischen, daran kann ich mich noch erinnern. Angenehmerweise saß die junge Frau ebenfalls an meinem Tisch und so konnten wir uns gelegentlich auf Deutsch unterhalten. Ihre Gastfamilie wohnt auf einer schönen Halbinsel vor Takamatsu und ich glaube, ich sollte der Einladung, die Familie zu besuchen, Folge leisten.... So ich denn gewollt hätte, hätte der Abend in einem herrlichen Besäufnis enden können, denn wir wurden von Asahi, einer der größten Brauereien Japans gesponsert und somit gab es Bier in Mengen. Glücklicherweise trank Ukawa-san ebenfalls sehr wenig und ich wusste, dass am anderen Morgen der Zug nach Okinoshima gehen sollte. Das nächste Treffen („Bierfest“) ist für den August geplant und dazu ist dann auch Stefan eingeladen. Bierfest hört sich fies an und ich werde mir vorsorglich den darauf folgenden Tag frei nehmen....... Witzig war eine der Damen, die mich ansprach und wissen wollte, ob ich nähere Informationen zum „Psalter“ hätte. Kann mir mal jemand sagen, was ein Psalter überhaupt ist??? Irgendwann wurde mir klar, dass das ein Musikinstrument sein soll, das überwiegend in Süddeutschland und Österreich gespielt werden soll. Die Dame spielt im „Psalterverein Kagawa“ (die spinnen, die Japaner) und will wissen, wie das in Deutschland so abgehen. Ich werde da mal eine Internetrecherche starten und gucken, was ich finde. Psalter in Japan, das ist ja noch exotischer als Kyudo in Deutschland..... Was bleibt nach diesem Treffen? Ich habe neue Leute kennen gelernt und ich werde diese Leute in den nächsten Tagen und Wochen mal kontaktieren und schauen, was daraus wird. Zudem steht das Angebot von Ukawa-san und Nakamura-san, der Präsidentin der dt.jp.Gesellschaft Kagawa, mir/uns bei der Erkundung Kagawas behilflich zu sein. Jetzt sollte man nur noch wissen, inwiefern man diese Hilfe in Anspruch nehmen darf, denn so einfach läuft das hier alles nicht ab..... |
| 5. - 6. Juni 2006 |
Wider Erwarten wachte ich am darauf folgenden Tag bereits um halb sechs in der Früh auf und entschloss mich, den frühen Zug nach Sukumo, dem Abfahrtshafen der Fähre nach Okinoshima, zu nehmen. Okinoshima – die Insel am Rande der Welt Lissa hatte mir geraten, etwas Gemüse nach Okinoshima mitzunehmen, denn auf der Insel wächst Gemüse nicht sonderlich gut. Ich hatte da ja an einen Kohlkopf, etwas Spinat und ein bisschen Lauch gedacht, aber als ich den Chinesen sagte, wofür ich Gemüse haben wollte, wurde ich regelrecht vollgepackt. So stand ich also morgens ums sechs am Bahnhof in Zentsuji, in der Hand eine Tüte mit drei großen Kohlköpfen und aus dem Rucksack schaute der Lauch wie eine Fahne oben raus. Ich steh dann also mit meinem Kohl vor dem Fahrkartenautomaten und will gerade eine Karte ziehen, da beginnt der auf einmal zu rattern und Geld auszuspucken. Leider nicht auf meiner Seite, sondern im Hintergrund. Damit war der Automat aber auch blockiert und Ticket kaufen war unmöglich. Eine der anwesenden Damen riet mir letztendlich, die Karte beim Schaffner zu kaufen.
Die Fahrt nach Sukumo Alter Schwede, habe ich eigentlich jemals geschrieben, wie schön diese Insel ist? Ihr könnt wirklich froh sein, dass ich diese Zeilen eine Woche nach dieser Fahrt schreibe, denn ansonsten dürftet Ihr Euch drei Seiten Jubelarien über diese Insel anhören. Die Zugfahrt einmal quer über Shikoku dauert knapp vier Stunden und in der Zeit stand mir vor Staunen und Entzücken über die unbeschreibliche Schönheit nahezu ständig der Mund offen. Kagawa-ken ist relativ dicht besiedelt und zudem flach. Aber sobald man in Richtung Süden fährt, kommt man in der Berge, die total irre sind. Alles ist dicht bewaldet und überall gibt es steile Bergflanken. In den Tälern fließen Flüsse, die glasklares Wasser führen und mit dem glasklaren, bläulich-grünen Wasser und dem weißen Gestein einen wahnsinnig schönen Kontrast zu den vielen Grünschattierungen des Waldes liefern. Ab und zu öffnen sich die engen Täler und es finden sich Reis- und Gemüsefelder und man hat einen überwältigenden Ausblick. Wenn ich jetzt nicht mit der Beschreibung aufhöre, dann geht das doch noch seitenweise so weiter. Aber diese Insel ist so was von unbeschreiblich schön, so abwechslungsreich und voller Leben, dass man am liebsten nur noch von einem Ort zum anderen reisen möchte und dabei die Landschaft genießen. Jetzt weiß ich, warum so viele Leute von Shikoku schwärmen. Kommt man in Richtung Pazifik, ändert sich langsam das Land. Das Gelände wird ebener, der Wald nimmt ab und nahezu alle Felder sind derzeit mit Reis bepflanzt. In Sukumo selbst ist der Hund verfroren. Der Bahnhof ist Endstation der Linie und wer in Sukumo landet, sollte einen guten Grund haben zu bleiben oder sofort wieder zurückfahren. Und trotzdem habe ich in dem Einkaufszentrum die Sachen gefunden, nach denen ich in Zentsuji schon lange gesucht habe – passende Sandalen und eine Mütze für die besseren Tage.
Okinishima Mit der Fähre ging es dann nach Okinoshima. Okinoshima ist eine kleine Insel mit zwei Dörfern und rund 150-200 Einwohnern, wovon die meisten älter als 40 Jahre sein sollen. Okinoshima ist der südlichste Punkt Shikokus. Bereits die Fahrt nach Okinoshima vermittelte den Eindruck, dass man auf eine schöne, aber einsame Insel kommt. Nach dem Trubel der letzten Wochen freute ich mich sehr auf ein Wiedersehen mit Nambara-sensei und die Zeit auf der Insel. Nambara-sensei kommt mittlerweile seit gut 15 Jahren nach Okinoshima und wohnt in der Zeit in einem kleinen Häuschen. Das ist nun kein Haus, wie man es vielleicht als Ferienhäuschen in Deutschland kennt, sondern eigentlich eine Bretterbude mit einem Zimmer und einem Raum, in dem eine alte Dusche und die Waschmaschine stehen. Alles ist nach deutschen Maßstäben niedrigster Standard und trotz der sehr spartanischen Einrichtung strahlt das Häuschen eine Ruhe und Zufriedenheit aus, die seinesgleichen sucht. Ich selbst habe im Haus einer befreundeten Familie in der Nachbarschaft gewohnt. Das Leben auf Okinoshima geht seinen ganz eigenen Gang. Nicht die Uhr gibt den Rhythmus vor, sondern in erster Linie der Bauch. Gemacht wird, was gefällt und das was nötig ist, wird in Ruhe und ohne Eile gemacht. Der absolute Gegensatz zu der schnellen und bisweilen hektischen Arbeitsweise auf meinem Betrieb. Leider war das Wetter ziemlich trüb. Bei gutem Wetter sieht man Shikoku und Kyushu, aber dieses Mal reichte es gerade bis zur Nachbarinsel. Dafür lag der Pazifik spiegelglatt da und schwimmen war eine Freude. Das erste Mal am / im Pazifik..... Abends ging es mit dem Meeresrauschen ins Bett und Morgens erwachte ich mit dem Geräusch der Wellen. Für mich als süddeutsche Landratte nichts Alltägliches und vielleicht gerade deswegen eine besonders schöne Erfahrung. Trotz der unglaublichen Fülle an Leben, das Okinoshima birgt, ist das Leben dort sicher nicht immer das angenehmste. Die Insel liegt in der Haupteinflugschneise der Taifune und wenn man genau hinschaut, findet man überall Schäden, die die Taifune hinterlassen haben. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass Strassen und Berghänge verschwinden, mühsam errichtete Gebäude dem Erdboden gleichgemacht werden und das unter Mühen angepflanzte Gemüse zu Fischfutter wurde. Die Böden sind sehr karg, durch die salzhaltige Luft wachsen längst nicht alle Gemüsesorten und das was wächst, wächst nicht besonders üppig. Es gibt nahezu keinen ebenen Flecken auf der Insel, sondern alles ragt steil in die Luft. Die Häuser und Felder stehen daher eher über- denn nebeneinander. Alles ist klein, eng und verwinkelt und bietet dem langsam dahinschlendernden Auge ständig neue Blickwinkel. Im Winter, wenn die See rau ist, kann es durchaus vorkommen, dass zehn Tage lang keine Fähre ankommt und damit auch keine Lebensmittel und keine Post. Neben dem Unbill der Witterung und der kargen Böden kommen manchmal auch völlig unerwartete Ereignisse, die einem das Leben erschweren können. Auf Okinoshima gibt es außer ein paar Hunden und einer großen Anzahl an Seeadlern kein größeres Getier. Aber vor etwa fünf Jahren wurden zwei Wildschweine an Land gespült. Dummerweise waren das ein Eber mit dazugehörender Sau und so vermehrten sich die beiden in Windeseile. Ein Wildschwein kann recht ansehnliche Flurschäden verursachen und wenn sich eine Rotte Wildschweine auf einer kleinen Insel rumtollt, haben die Gemüsegärten nichts mehr zu lachen. Nahezu sämtliche Gemüsegärten wurden von den Schweinen geplündert und zerstört und das mühsam gehegte und gepflegte Gemüse wurde zum Fraß der Schweine. Ich hatte mich schon gewundert, warum die Gärten so stark eingezäunt waren, aber mit dieser Erklärung wurde der Aufwand nachvollziehbar. Aber ein zuviel tut selten gut und die Natur regelte die Sache schließlich von alleine. Im letzten Jahr verschwanden die Schweine so schnell, wie sie gekommen waren. Ein Teil wurde abgeschossen, ein kleiner Teil gefangen, aber längst nicht alle wurden von Menschen beseitigt. Und doch hat man seit vergangenem Jahr nichts mehr von den Schweinen gemerkt. Warum das so ist, darüber darf spekuliert werden, aber ich vermute, dass Inzucht neben dem sehr begrenzten Platzangebot und der eher dürftigen Nahrungsgrundlage eine Rolle gespielt haben dürfte. Ein Ereignis wie diese Wildschweine sind auf einer Insel, die sich zu einem guten Teil mit dem versorgt, was Meer und Garten hergeben, nicht sonderlich erfreulich. Mir wurde auf dieser Insel wieder einmal bewusst, wie weit entfernt wir heutzutage zum Teil von unseren Ursprüngen entfernt leben. Nahrungsmittel gibt es im Supermarkt, Auto und Flugzeug bringen einen an jeden Punkt dieser Erde, die Häuser sind stabil, wettergeschützt und hungern muss wirklich keiner, egal was für Wetter ist. Dass das Leben auf Okinoshima noch einen relativ traditionellen Gang geht, vermittelte mir Nambara-sensei, als wir am Friedhof vorbeiliefen. Dabei zeigte er mir einen alten, zerzausten Baum, der den Menschen des Ortes heilig ist. Wenn z. Bsp. jemand aus dem Ort auf dem Festland operiert werden muss, so kommen die Menschen an dem Baum zusammen um für die Gesundheit des Kranken zu beten.
Dienstag Mittag ging dann leider schon wieder die Fähre und die Zugfahrt zurück nach Zentsuji war größtenteils im Dunkeln und somit sterbenslangweilig. Erwähnenswert ist noch mein Spaziergang von der Fähre zum Bahnhof. Zwischen Ankunft der Fähre und Abfahrt des Zuges lagen rund 2 Stunden. Als erfahrener Waldläufer lag der Gedanke natürlich nahe, vom Hafen zum Bahnhof zu laufen. Also Rucksack gepackt und losgetigert. Aber nach gut einer Viertelstunde kamen erste Zweifel an meinen Fähigkeiten als Pfadfinder auf, denn die Strasse war mir so was von unbekannt, dass ich schließlich mitten auf der Strasse stehen blieb und das nächstbeste Auto anhielt. Die Fahrerin, eine Dame um die 50, schaute etwas skeptisch, denn in Sukumo wird man sicher nicht alle Nase lang von einem großen, langhaarigen gaijin mitten auf der Strasse angehalten. Aber als sie meine Frage nach der Richtung zum Bahnhof endlich verstanden hatte, folgte noch einmal ein prüfender Blick und schon saß ich im Auto und ab ging’s zum Bahnhof. Die Fahrt war dann ganz angenehm, denn wir kamen schnell ins Gespräch und die zehn Minuten bis zum Bahnhof waren ruckzuck vorbei. Ein kurzes Winken und sie war wieder weg.
Mittwoch morgen hieß es wieder raus aufs Feld, negi und Kohl ernten. Vorbei die Stunden des Müßiggangs auf der Insel, vorbei, als man stundenlang aufs Meer hinausstarrte und den Herrgott einen guten Mann sein ließ. |
| 8. - 10. Juni 2006 |
Aber die Woche sollte noch lange nicht vorbei sein, denn Donnerstag stand das andere Extrem vor der Tür: Tokyo Auf dem Weg nach Tokyo befanden sich: mein Chef, drei weitere Japaner, die in der Agrargenossenschaft tätig sind, sowie drei Chinesen, die allesamt seit drei Jahren ununterbrochen in Japan arbeiten und demnächst wieder nach China zurückkehren (Dazu an anderer Stelle mehr). Für die Chinesen und für mich sollte die Fahrt nach Tokyo eine reine Vergnügungsreise sein, aber für die Japaner, allen voran mein Chef, war es eine Arbeitsreise, denn es galt Geschäftstermine wahrzunehmen. So waren die Chinesen und ich meist mit einem Japaner unterwegs, während die anderen Japaner ihren Geschäften nachgingen. Könnt Ihr Euch den krassen Gegensatz vorstellen, wenn man zwei Tage zuvor auf einer der einsamsten Inseln ganz Japans außerhalb der Zeit gelebt hat und plötzlich in der lebhaftesten, hektischsten und übervollsten Stadt des Landes steht? Mir zog es beinah den Boden unter den Füßen weg, so krass habe ich den Unterschied gefunden. Das Programm sah dann auch eine ganze Reihe an Punkten vor, die angesehen werden wollten. Donnerstag ging es in die Stadtteile Ueno, Akihabara, Shinjuku und in ein Viertel, das fast nur aus Restaurants und Vergnügungsstätten besteht. Das hieß, raus aus der U-bahn, rein ins Getümmel. Hier befinden sich auf einem Zebrastreifen bei Grün mehr Menschen, als auf ganz Okinoshima wohnen. Überall blinkt und tutet es, Menschen und Maschinen wohin das Auge blickt und Häuser, die irgendwo in den Wolken aufzuhören scheinen. Es ist einfach unbeschreiblich, was für eine Vielzahl von verschiedenen Menschen und Charakteren, Orten und Plätzen es in Tokyo gibt. Und als noch ein wenig Zeit zwischen Besichtigung und Abendessen lag, ging es noch eine Stunde ins Bowlingcenter. Zum Abendessen ging es in eine „izakaya“. Eine „izakaya“ kann man schwer beschreiben. In erster Linie ist es ein Ort, an dem man sich trifft, sich gemütlich einen oder auch mehrere hinter die Binde kippt und dabei genüsslich eine Vielzahl der verschiedensten Speisen nach und nach genießt. Dabei wird nicht ein Menü bestellt, sondern immer nur gerade das, wonach einem im Moment der Sinn steht. Das Essen kommt in die Mitte des Tisches und jeder greift (natürlich mit Stäbchen) nach dem, was ihn gerade anmacht. Somit ist der Tisch meist übervoll mit Schalen, Tellern und Gläsern. Dabei geht es mit zunehmendem Alkoholpegel immer lauter zu. Und der Alkoholpegel steigt ständig. Irgendwie scheint für den japanischen Mann der Alkohol zum Abendessen zu gehören, wie in Deutschland der Ketchup zur Currywurst. Und besonders in einer izakaya geht es einmal quer durch die Getränkekarte. Dabei gibt es eigentlich keinen Grund, etwas abzulehnen und so heißt es auch für den ungeübten Trinker, dass man sehr schnell sehr lustig wird. Erstaunlicherweise scheinen allerdings auch die Sprachfähigkeiten im Verlaufe eines solchen Abends besser zu werden. Ob das nur daran liegt, dass man enthemmt wird, ist hierbei die Frage. Das Abendessen des ersten Abends bestand zum überwiegenden Teil aus Speisen aus Okinawa. Okinawa ist die südlichste Inselgruppe Japans und fast schon ein anderes Land. Ich weiß nicht genau, was das alles war, was ich gegessen habe, aber u.a. waren Schweineohren dabei. Aber da die Auswahl sehr groß ist, muss man ja nicht alles essen.... Ausklingen ließen wir den Abend im 51. Stockwerk des hoteleigenen Restaurants mit einem Blick auf das hell erleuchtete Tokyo, dass einem vor Staunen beinah die Luft weg blieb.
Disneyland Am darauf folgenden Freitag wurde dann alles noch ein wenig extremer. Disneyland Tokyo stand auf dem Programm. Disneyland Tokyo ist ein riesen Areal südöstlich der Stadt, in der es vor allerhand Attraktionen nur so wimmelt. Das Wetter war leider ziemlich mies, denn Vormittags regnete es ununterbrochen und erst gegen Nachmittag kam auch mal die Sonne raus. Zu Beginn fand ich die ganze Sache ziemlich lächerlich und von alleine wäre ich niemals hierher gekommen. Aber wenn man schon mal da ist, dann macht man eben gute Miene zum bösen Spiel und alles mit. Irgendwann war mir dann auch alles egal und Übermut mit einem guten Schuss Sarkasmus und einer Prise Zynismus machen auch Disneyland Tokyo ganz nett. Allerdings ist ein Tag Disneyland von morgens 9 Uhr bis abends 18 Uhr ganz schön lang und nach stundenlangem Frieren im Dauerregen und kilometerlangen Fußmärschen verging auch dem Letzten die Lust auf Mickey Maus und Kommerz. Ich war noch niemals in den USA, aber Disneyland steht für mich für einen Teil der USA und ich bin mir zunehmend sicher, dass ich da vorläufig nicht hin will. Auch im Disneyland Tokyo war ich jetzt zweimal – zum ersten und zum letzten Mal.
Für den Samstag war eine Stadtbesichtigung von Tokyo vorgesehen. Dafür wurde eine Rundreise durch Tokyo gechartert und sämtlich Attraktionen der Stadt angesehen, angefangen vom kaiserlichen Palast (von dem man nur die Außenmauer von außen gesehen hat), über Asakusa (die große rote Laterne, die auf den Bildern auch besser aussieht, als in echt), Sumitomo sonst was Building (wo wir im 51. Stock zu Mittag gegessen haben) über den Tokyo Tower (einer Nachbildung des Eiffelturms) und die Rainbowbridge (eine berühmte Brücke) zu den Studios des Fernsehsenders FNN. Das alles war eigentlich sehr interessant und die Reiseleitung war auch ganz nett, nur leider hat sie nur Japanisch gesprochen und wir waren alle noch vom Vortag und der Izakaya des Vorabends sehr müde. Ein Erlebnis der besonderen Art hatte ich auf dem Tokyo Tower. Der Nachmittag neigte sich schon langsam dem Ende entgegen und irgendwie hatte ich die Nase voll vom Rummel, vom rumgucken, den vielen Menschen und davon, dass man eigentlich mit keinem zwei vernünftige Sätze am Stück sprechen konnte. So stand ich also in 150 m Höhe, schaute auf diesen riesigen Moloch von Stadt hinunter und es überkam mich ein Gefühl der Einsamkeit, wie ich es hier in Japan bislang nicht kennen gelernt hatte. Einsam inmitten von 33 Millionen Menschen. Ob es nun daran lag, dass ich müde war oder einfach wieder in mein vertrautes, ruhiges, ländliches Zentsuji zurückwollte, sei dahingestellt. Aber es war doch so bewegend, dass der kleine shintoistische Schrein in 150 m Höhe einem die Möglichkeit der inneren Einkehr eröffnete. Wieder unten überkamen mich die Gelüste nach Eis. Wo Kommerz ist, ist auch eine Eisdiele nicht weit und so stand ich also vor der Theke und die Dame dahinter versuchte mir klarzumachen, dass wenn ich zwei Kugeln kaufe, ich die dritte geschenkt bekomme. Verstanden hatte ich das recht schnell, aber die Dame hatte nicht verstanden, dass ich es verstanden hatte und so erzählte sie mir bald fünf Minuten immer wieder das gleiche, bis plötzlich von der Seite eine junge Frau mit Englisch sich hilfreich zur Verfügung stellte. Man stelle sich meine große Freude vor, wenn man nach drei Tagen endlich mal wieder vernünftig reden kann und das zudem mit einer sympathischen Person. Die junge Frau kam aus Taiwan, arbeitet bei einer Import/Exportfirma in Tokyo und vor lauter Quatschen vergaß ich die Abfahrtszeit des Busses. Sogawa-san stand jedenfalls auf einmal hinter mir, stellte mir Erstaunen fest, dass ich mich angeregt mit einer mir unbekannten jungen Dame unterhalte und forderte mich schließlich auf, endlich zu kommen. Es ist in Japan nicht üblich, so mir nichts, Dir nichts einer Dame die Emailadresse zu geben und sie auf einen Besuch einzuladen. Aber erstens bin ich kein Japaner, zweitens hatte ich an dem Tag genug Japaner gesehen, drittens sehe ich das als völlig unverfänglich an, viertens ist sie auch keine Japanerin und fünftens ist man eh kein Japaner und kann die Jungs ruhig ab und an mal schockieren. Mal sehen, ob sie sich meldet – wenn ja, ist es schön, wenn nicht, war es eine witzige Situation. Aber ein Nachspiel hatte es doch noch. Sonntag morgen, 8 Uhr, saß ich bereit zur Arbeit auf dem Hof, da kam Ushimaru-san, fragte wie Tokyo war und (mit einem süffisanten Grinsen auf dem Gesicht) wer denn das Mädel gewesen sei. Das muss ihm einer noch am gleichen Abend (wir kamen gegen 21 Uhr zurück!) gesteckt haben. Aber sollen sie sich ruhig amüsieren, wer zuletzt lacht.....
Was bleibt nach dieser Woche? Als Erholung war diese Woche mehr als nötig. Mal raus aus der Arbeit und was anderes und andere Menschen gesehen. Es war eine Freude, Nambara-sensei wieder zu treffen und Okinoshima ist schlicht unglaublich schön. Tokyo ist auf seine Weise ebenfalls unglaublich und man muss es auf jeden Fall erlebt haben, aber für immer wohnen wollte ich dort nicht. Ich habe diese Woche genossen, aber ich war auch froh, wieder zuhause zu sein. |
| 12. Juni 2006 |
Erdbeben Am 12. Juni um 5 Uhr begann hier auf einmal die Erde zu beben. Meinereiner lag um diese Zeit natürlich im Bett und verdaute gerade noch den Rest der vorabendlichen Einladung zum Essen. So kam es, dass ich mit einem halben Auge aufwachte „aha, ein Erdbeben“ und sofort wieder einschlief. Es muss allerdings aus hinzugefügt werden, dass hier in Zentsuji keinerlei Schäden entstanden sind. Es fiel nichts vom Tisch oder von den Wänden, es ging nichts kaputt, sondern es hat halt ein wenig gewackelt. Stärker war es wohl im Westen Shikokus, auf Kyushu und um Hiroshima rum. Zumindest vermittelten die Bilder im Fernsehen diesen Eindruck und es war immerhin eine Nachricht in der Tagesschau wert.
Nach all dem Schlamassel mit meinem Daumen und der Reisewoche kann ich endlich und hoffentlich vernünftig mit Kyudo beginnen. So habe ich diesen Abend meinen neuen Bogen eingeschossen und wenn man ihn liebevoll behandelt, trifft er auch. Jetzt muss nur noch das Problem gelöst werden, wie ich ihn die 30 Minuten auf dem Rad ins Dojo nach Marugame transportiere....
Bilder vom Essen An dieser Stelle möchte ich mich auch mal bei all denjenigen bedanken, die mir Bilder von ihrem Essen geschickt haben. Dabei sind u.a. so verschiedene Dinge, wie Hendl vom Oktoberfest, ein Latte Macchiato (schreibt man das so?), frischer Spargel mit Kartoffeln und eine fies lecker aussehende Käseplatte dabei. Noch habe ich die Bilder keinem Japaner gezeigt. Wenn also noch jemand die kreative Ader packt, ist mein Essenbilderbriefkasten immer für Empfänge bereit.... |
| 17. Juni 2006 |
Gewinnspiel Wenn man den ganzen Tag draußen steht und arbeitet, hat man natürlich auch eine Menge Zeit, sich Gedanken zu machen. Dabei kam mir diese Idee: Wer kann mir sagen, was „kyabetsu“ ist? Und weil es so schön ist, hätte ich dazu gerne auch gleich den englischen Begriff.. Kleiner Tipp am Rande: „kyabetsu“ ist etwas, was ich hier häufiger in Händen halte und der englische Begriff ist dem japanischen gar nicht so unähnlich. Als Preis winkt dem oder der ersten, der/die mir die richtige Lösung schickt, eine handgeschriebene Karte aus dem schönen Zentsuji. Bin mal gespannt, ob a) überhaupt jemand mitmacht und b) die richtige Lösung rauskommt. Vorschläge gehen bitte mit Angabe der Adresse nach hierhin.
Pachtverhältnisse Die Flächenstruktur hier in Kagawa-ken ist im Vergleich zu Deutschland total anders. Die Felder sind z. T. sehr klein und wenn mal eine Fläche mit einem Hektar dazwischen ist, kann das getrost als sehr großer Schlag angesehen werden. Nahezu jedes Feld ist so angelegt, dass es geflutet werden kann. Das bedeutet, dass als Umgrenzung mindestens ein kleiner Naturwall, häufiger aber eine kleine Mauer steht. Die geringe Größe hängt natürlich damit zusammen, dass die Fläche absolut eben sein muss, damit das Wasser bei der Flutung an jeder Stelle gleich hoch steht. Somit sind großen Flächen rein technisch schon Grenzen gesetzt. Außerdem wurde hier in der Vergangenheit häufig Realteilung gemacht. Somit entstanden im Laufe vieler Jahre ein sehr große Anzahl sehr kleiner Betriebe. Nicht umsonst liegt die durchschnittliche Größe eines japanischen Betriebes bei rund 1,5 ha. Hinzu kommt, dass immer weniger junge Leute in der Landwirtschaft arbeiten wollen, was bedeutet, dass der weitaus größte Teil der Betriebsleiter über 60 Jahre alt ist. Diese Flächen- und Betriebssituation hat logischerweise eine häufige Betriebsaufgabe zur Folge. Die Flächen werden dann eben, ähnlich wie z.B. in Deutschland, von den großen Betrieben übernommen. Mein Betrieb bewirtschaftet alles in allem so um die 40 ha Land, was bedeutet, dass wir der größte Betrieb in der Präfektur sind. Was aber auch bedeutet, dass es eine unglaubliche Vielzahl an Verpächtern gibt. Die genaue Anzahl kenne ich nicht, aber so als Beispiel nehme ich mal die 6 ha Fläche, die wir an der Grenze zwischen Ikano-cho und Ooki-cho (zwei Verwaltungsbezirke) bewirtschaften. Diese 6 ha Land bedeuten 24 Verpächter und 69 Einzelflächen!! Dabei haben die kleinsten Flächen um die 3 oder 4 Ar, ein großer Teil zwischen 8 und 15 Ar und nur die ganz großen Flächen haben 20 bis 25 Ar. Allerdings wurden viele dieser Flächen in den letzten Jahrzehnten bereits zusammengelegt, so dass wir nicht 69 Einzelflächen bewirtschaften. Aber so zwischen 10 und 15 Flächen dürften es schon sein.
Oder nehmen wir das Beispiel meines Kollegen Ujike-san. Er bewirtschaftet neben seiner Arbeit auf dem Betrieb von Herrn Kondo 6 ha Land. In erster Linie Gemüse und etwas Reis. 6 ha Land, das er von 30 Eigentümern gepachtet hat! |
| 18. Juni 2006 |
Okonomiyaki Neulich überkam mich ein leichtes Hungergefühl und weil ich mal wieder zu faul zum kochen war, suchte ich eben ein Okonomiyakirestaurant auf. Das sollte man sich nun nicht so vorstellen, wie ein Restaurant in good old Germany. Sondern das war eine kleine Bude mit drei Tischen und einer Theke. Jeder Tisch hatte in der Mitte eine Eisenplatte, die sich aufheizen lässt und auf der man sein Okonomiyaki brät. Meinereiner hatte bislang sein Okonomiyaki bereits fertig gebraten bekommen und so stand ich also wie der Ochs vor’m Berg, als die gute Dame des Hauses (so um die 60 Jahre alt) mir die rohen Zutaten und zwei Spachtel auf den Tisch stellte..... Sie schaute sich mein Bemühen kurz an und grinste sich sicherlich gewaltig einen. Aber geschmeckt hat es trotzdem irgendwie, auch wenn das Ergebnis nicht wie das mir bekannte Okonomiyaki aussah. Das schlimme daran ist nur, dass ich heute wieder in einem Okonomiyakirestaurant mit Ushimaru-san war und dabei gesehen habe, was ich alles falsch gemacht habe. Jetzt erklären sich mir auch die etwas schrägen Blicke der Wirtsfrau aus dem ersten Versuch. Immerhin habe ich dann heute gelernt, was „hazukashii“ bedeutet – „sich schämen“ oder „schamhaft“. Aber wenn man, so wie ich, in diesem Land eh mit allem, was man tut, auffällt, dann lernt man mit solchen Kleinigkeiten zu leben. Gucken tun sie eh alle und versteckt grinsen, wenn man sich mal wieder dumm anstellt, natürlich auch. Von daher habe ich diesbezüglich schon ein dickes Fell bekommen, auch wenn ich mich manchmal doch ganz schön „hazukashi“ere.
Okonomiyaki heißt, wenn man die Kanji sehr frei übersetzt, eigentlich nichts anderes, als „das was ich mag, wird gebraten“. Es erinnert sehr entfernt an ein Omelett, denn es ist ein Fladen, der von einer Mischung Wasser, Mehl, Gewürzen, viel Kohl und Eiern zusammengehalten wird. Dazu/dadrin/darauf isst man dann die verschiedensten Dinge, wie Garnelen, Speck, Muscheln, Soba, Fisch oder sonst irgendwas. Das ganze wird zusammen angebraten und schlussendlich mit einer speziellen Soße, Bonitoflocken (das ist getrockneter, sehr fein gehobelter Fisch) und viel Mayonnaise gegessen wird. Hiroshima ist berühmt für sein Okonomiyaki und wenn es im Juli mit dem Chef dorthin geht, gibt es sicherlich auch mal Okonomiyaki.
Was mich zu dem Stichwort Chinesen überleitet. Was die mit Hiroshima zu tun haben, erläutere ich allerdings etwas weiter unten. Wenn ich hier ab sofort von den „Chinesen“ rede, dann sind damit meistesn auch die beiden Thailänderinnen gemeint, die ebenfalls auf dem Betrieb arbeiten. Hier in Kagawa-ken arbeiten 125 Chinesen, die über die Agrargenossenschaft als Erntehelfer angeworben und nach Japan geholt wurden. Die längste Zeit, die ein ausländische Erntehelfer in Japan arbeiten darf, ist drei Jahre. In dieser Zeit darf er das Land aber nicht verlassen. Andernfalls hat er keine Möglichkeit mehr, nach Japan zurückzukehren. Arbeitet er nun drei Jahre in Japan, heisst das, dass er drei Jahre am Stück ohne Unterbrechung gearbeitet hat. Wenn ich ohne Unterbrechung schreibe, dann meine ich auch ohne Unterbrechung. Denn während der japanische Mitarbeiter seinen freien Tag pro Woche hat, hat der chinesische Mitarbeiter keinen, bzw. will keinen haben. Wenn man sie fragt, ob sie denn nicht auch mal das eine oder andere sehen wollen, so kommt da zwar ein klares „Ja“. Wenn aber nach dem Grund fragt, warum sie es denn nicht machen, so kommt ebenfall ganz klar die Antwort, dass sie dann kein Geld verdienen. Es geht den Leuten ziemlich weit am Hintern vorbei, was es hier so alles zu sehen und zu erleben gibt. Es zählen nur die Stunden, die gearbeitet werden, denn die sind bares Geld. Soweit ich es bislang mitbekommen habe, wird ein großer Teil des Lohnes direkt ins Heimatland überwiesen und nur ein kleiner Teil als Lebensunterhalt hier belassen. Dieser Drang nach Geld führt dann auch dazu, dass die Chinesen unheimlich viel arbeiten. Sie beginnen morgens gemeinsam mit allen anderen um 8 Uhr. Nach Feierabend um 17 Uhr arbeiten sie allerdings weiter. Meistens putzen und verpacken sie das Gemüse, das tagsüber geerntet wurde. Da bedeutet, dass sie fast jeden Tag bis 22 oder 23 Uhr!! arbeiten. JEDEN TAG! Kein Urlaub, kein freier Tag, kein Wochenende, nichts. Man führe sich das mal vor Augen, was das bedeutet. Ich könnte und wollte das nicht, aber vielleicht bin ich auch schon in der verwöhnten Situation, dass ich es nicht mehr muss. Natürlich gibt es auch mal Tage, an denen früher Feierabend ist, aber die sind selten. Wie oben geschrieben, kann ein Landarbeiter maximal drei Jahre hier bleiben. Danach muss er das Land verlassen. Viele gehen auch schon nach zwei Jahren. Die der Männer, die hier auf dem Betrieb arbeiten, sind seit zwei (2 Männer) bzw. drei Jahren hier. Alle werden im August nach China zurückkehren. Teilweise haben sie in China Frau und Kinder. Wenn sie nun nach China zurückkehren, sind für dortige Verhältnisse reiche Menschen. Einen habe ich mal gefragt, was er denn vorher gemacht habe. Die Worte „gefährlich“, „Dünger“ und das Geräusch einer großen Explosion machten mir ziemlich schnell klar, warum ihm die Arbeit in China zu gefährlich war ;-) Die Vorurteile, die man hierzulande also gegen die Sicherheitsvorschriften in China hat, scheinen zumindest teilweise zu stimmen. Mein Chef meinte mal, dass die Chinesen früher keinen Gott hatten. Heute heißt ihr Gott „Geld“.
Interessant ist es auch, wenn man sie nach dem Essen fragt. Das japanische Essen ist ihnen überwiegend ein Gräuel. Das hätte ich so nicht erwartet, aber mit Udon oder sashimi kann man sie nicht locken. Das einzige, worauf sie sich nach meinen Erfahrungen bislang einigen konnten, ist tempura, das ist frittiertes Gemüse, Fleisch oder Fisch und ramen (chinesische Nudeln, die es in Japan auch zuhauf gibt). Fragt man dann nach, was sie gerne mögen, so kommt sehr oft „inu“ – Hund. Hundefleisch kann man sich sowohl in Deutschland als auch in Japan nicht als Essen vorstellen. In China scheint das dagegen eine ganz normale Fleischquelle zu sein und so geschmacklich eher Richtung Schwein, denn Richtung Rind tendieren. Ich glaub’s einfach mal...
Der Chinese und die liebe Tierwelt Eines vorab und das meine ich wirklich ernst: wer zart besaitet ist, solltet den folgenden Abschnitt vielleicht besser überspringen. Denn wie mir scheint, scheint der chinesische Mann Tiere am liebsten tot und / oder auf dem Teller zu sehen. Ziemlich zu Beginn meines Praktikums saßen alle bei der Kaffeepause zusammen, als ein kleiner, grüner Frosch den Fehler beging, an uns vorbeihüpfen zu wollen. Da bot sich doch glatt die Gelegenheit an, herauszufinden, wie er reagiert, wenn man ihm eine brennende Zigarette an den Kopf hält. Oder neulich, da waren wir mal wieder mit der negi-Ernte beschäftigt, als auf einmal einer der Chinesen wie vom Wahnsinn getrieben mit einem Prügel auf den Boden einschlug. So wie er dabei rumtanzte, hatte ich schon den Verdacht, dass es eine Schlange sein könnte, was sich dann auch bewahrheitete. Das gute Tier war mindestens 1,30 m lang und mittlerweile tot. Auf die Frage, wie Schlange denn schmecken würde, hieß es nur „scharf“. Und dass das Fleisch nicht sonderlich lecker sei, aber in der Suppe könne man Schlange durchaus essen. Beliebt ist auch, einer Maus mit einem stumpfen Messer den Kopf abzuschneiden. Ich könnte hier noch das eine oder andere hinzufügen, aber das will ich mal bleiben lassen. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass der Um- und Zugang zu Tieren im Vergleich zu einem Land wie Deutschland ein völlig anderer ist. Ob das nun eine grundsätzliche Mentalitätsfrage ist, weiß ich nicht und wage ich auch nicht zu beurteilen. Aber ich frage mich schon manchmal, was das soll.
Aber was hat nun ein Chinese mit Hiroshima zu tun? Wenn ich es richtig verstanden habe, so macht die Agrargenossenschaft („JA“) einmal jährlich mit einem Großteil der chinesischen Arbeiter eine Reise. Ähnlich der Reise nach Tokyo, als drei Chinesen dabei waren, geht es im Juli nach Hiroshima. Da werden Arbeiter dabei sein, die seit etwa einem Jahr hier arbeiten. Die zwei Männer, die seit zwei Jahren auf dem Betrieb sind, werden im Juli oder August nach Kyoto oder Osaka fahren. Sicherlich werden auch da weitere chinesische Arbeiter dabei sein. Ich denke, dass diese Reisen eine „Belohnung“ von Seiten der JA sind. So wird die Reise nach Tokyo zum Beispiel jedes Jahr gemacht. Außer diesen Reisen sehen die wenigstens von ihnen mehr, als die Wege vom Haus zum Hof und zu den Feldern. |
| wegen der Übersichtlichkeit geht es ab jetzt im 4. Teil des Tagebuchs weiter. |