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Liebe Freunde und Besucher, herzlich Willkommen im Tagebuch einer Japanreise - Teil 11 Auf diesen Seiten möchte ich Euch einen Eindruck von meinem Japanaufenthalt in Zentsuji vom 10. April 2006 bis 16. März 2007 vermitteln.
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| 13. Februar 2007 |
Fliegende Frösche Und da sage noch mal einer, wenn man auf dem Salatacker steht, würde man nichts erleben.
Warm war es an dem Nachmittag. Die Sonne brannte vom Himmel, alles arbeitete im T-Shirt und selbst dem Salat schien es im Folientunnel zu warm. Er ließ mächtig die Blätter hängen. Im Magen noch das Mittagessen, die Gedanken weit weg – so ging es mit Sichel und Feingefühl von Kopf zu Kopf. Links gepackt, rechts geschnitten und rauf auf den Tunnel zu den zigtausend anderen. Hat schon was von Schlachtfeld, so eine Salaternte. Wie ich so von Kopf zu Kopf gehe und einen nach dem anderen packe, greife ich plötzlich in was großes, weiches, zugleich festes, das garantiert kein Salatkopf, aber dafür lebendig war. Zu Tode erschrocken entglitt meinen Lippen ein Schreckensschrei, etwas, das mit höchst selten passiert. Aus der Richtung eines Chinesen kam auch prompt eine fragende Reaktion: „Hebi?“ (Schlange?). Noch völlig runter mit den Nerven nahm ich meine Sichel, schob die Salatblätter zur Seite und da saß ein Frosch, aber was für einer. So groß wie ein durchschnittlicher Salatkopf und glotzte mich von unten herauf an. Ich habe hier schon manches Mal ein totes Exemplar dieser Größe gesehen, aber diesem Ungeheuer beim Salaternten zu begegnen ... Auf mein erstauntes Zurufen kam der eine Chinese (Ko-san) herbeigelaufen, um zu sehen, was denn hier so Interessantes rumliegen könnte. Ein zweiter Chinese (Sun-san) schaute gespannt herüber. Wie Ko-san das Vieh sah, sagt er nur ein Wort zu Sun-san, was diesem ebenfalls einen Schrei entgleiten ließ – aber einen Freudenschrei. Mit einem Riesensatz sprang er über nahezu zwei Folientunnel gleichzeitig, rannte zu uns rüber und ehe ich auch nur einmal blinzeln konnte, packte er den Frosch, grinste mich breit an, sagte was von „hhhmmmm, oishii!!“ (lecker) und rannte samt Frosch davon. Links die Sichel, rechts der Frosch, der alle viere von sich streckte ging es durch die Reihen auf der Suche nach einer Möglichkeit, das Abendessen sicher zu verstauen. Also ich bin sicher, noch nie stand ein deutscher Praktikant mit einem dämlicheren Gesicht auf einem japanischen Salatacker. Ich wusste gar nicht, was hier abgeht (der Frosch sicherlich auch nicht) schaute Ko-san nur völlig entgeistert an und fing dann ob der Absurdität dieser Situation einfach lauthals zu lachen an. Dieses Bild, wie Sun-san mit dem Frosch in der Hand über den Salatacker rennt, werde ich nie vergessen. Noch im Wegrennen bedankte er sich überschwänglich bei mir und er sah aus wie ein Kind, dem man eine ganze Tüte Bonbons geschenkt hat. Der Frosch bekam eine Schnur ums Bein gewickelt und wurde sicher unter einem Folientunnel angebunden. Selbst Ko-san konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen, wenn er über seinen Kollegen nachdachte. Auf der Rückfahrt hing der Frosch kopfüber an seiner Schnur in der Fahrerkabine und ging einem ihm un-, uns aber sehr wohl bekannten Schicksal entgegen.
Ich habe vor einigen Jahren mal eine Fernsehsendung über China gesehen, in der gesagt wurde, Chinesen essen alles, was Beine hat, aber kein Tisch ist. Das kann ich mittlerweile zur Genüge bestätigen ...
Tags darauf erfuhr ich noch, dass mein japanischer Kollege Ito-san beim Froschessen dabei war. Sein Kommentar: Das Fleisch war geschmacklos, aber die Suppe lecker. In China sollen diese Frösche wohl relativ teuer sein. |
| 14. Februar 2007 |
Valentinstag Japan hat bekanntlich einiges von den westlichen Gebräuchen übernommen, aber das dann für sich etwas angepasst. Angefangen von der Sprache (japanisches Englisch versteht man fast gar nicht), über Weihnachten bis eben hin zum Valentinstag. Der wird hier eher „balentain“ ausgesprochen, aber sei´s drum. Hier ist es dann aber so, dass die Damen die Herrenwelt am 14. Februar mit Schokolade beschenken müssen. Keine Blumen, sondern Schokolade und nur die Damen an die Herren. Die Männer sind dafür am 14. März mit Blumen oder Schokolade dran, aber das wird eine andere Geschichte. Jedenfalls stand also der Valentinstag vor der Tür und mich erreichte Anfang der Woche eine Email, am Mittwochabend auf jeden Fall zu Hause zu sein, es würde mich etwas erreichen wollen. Keine Widerrede! Brav und folgsam, wie ich nun mal bin, harrte ich und wartete ich. Was bitte könnte das sein??? Kurz nach sieben kam okaasan reingestürmt, in der Hand ein Päckchen und meinte nur, das muss in den Kühlschrank. Aaah ja, dachte ich mir, jetzt bin ich aber mal gespannt. Dass das nicht in den Kühlschrank, sondern stante pede unters Messer kam, versteht sich wohl von selbst. Stück für Stück fiel die Verpackung, und entgegen der Größe des Pakets kam eine kleine, schön gekühlte Schachtel zum Vorschein. Schon beim Öffnen kam mir der Duft von Schokolade entgegen (wenn man Hunger hat, sind die Sinne noch mehr geschärft!) und dann lag ein Genuss der Sonderklasse vor mir – gekühlte Schokolade oder eher zu vergleichen mit Tiramisu, fein in kleine Stücke geschnitten und direkt per Kühltransport aus Hokkaido. Das erste Stück auf leeren Magen war ein Hochgenuss für die Sinne.
Mein umgehender Anruf war willkommen, mein Vorwurf der Verrücktheit dagegen weniger. Aber nebenbei erfuhr ich, dass diese Spezerei aus der unter japanischen Frauen beliebtesten Schokoladenfabrik des Landes (Royce’) kommt, die nun mal am japanischen Ende der Welt, in Sapporo beheimatet ist.
Dass spät gegen Abend Stefan zu seinem letzten, aber dieses Mal wirklich überraschendem Mittwochabendüberraschungsbesuch vorbei kam, war das i-Tüpfelchen, denn die ganze Schokolade war selbst mir zuviel. |
| 18. Februar 2007 |
Chinesisches Neujahr Jetzt sind auch die Chinesen im Neuen Jahr angekommen. Entgegen dem Brauch, das neue Jahr am 1. Januar anzufangen, richten sich die Chinesen nach dem Mond und so ist das chinesische Neujahr immer an einem anderen Tag irgendwann im Januar oder Februar. Seit heute aber sind auch sie im Jahr des Wildschweins. Neujahr in Japan ist das wichtigste Fest. In China sieht es angeblich ähnlich aus und wenn man den Chinesen glauben darf, geht dort rund eine Woche gar nichts, außer Party, Feuerwerk, Essen, Essen bei Freunden, Trinken und einfach eine gute Zeit erleben. Neujahr in China muss schon was besonderes sein. Und weil es was besonderes ist, bekamen sogar die Chinesen am Vorabend frei. Die Arbeit ging nur bis um 17 Uhr und danach war frei. Der eine oder andere sah am darauf folgenden Tag etwas blass um die Nase aus und war nicht ganz so schnell, wie üblich, aber alles in allem hat sich das Fest wohl im Rahmen gehalten. Für mich war es nur ein wenig komisch, mitten im Februar ein Frohes Neues Jahr zu wünschen, wenn auch auf Chinesisch „shin nen hau“ (oder so ähnlich). Vor langer Zeit richtete sich Japan übrigens auch nach dem chinesischen Kalender. Nur wurde irgendwann eben auf den gregorianischen Kalender umgestellt, warum auch immer ... |
| 19. Februar 2007 |
Pflaster statt Priester – eine japanische Groteske Das kommt davon, wenn man zu jemandem sagt, dass man kaum Gelegenheit zu reden hat. Ähnliches habe ich im November zu Nambara-sensei gesagt, was zu dem Zeitpunkt ja auch stimmte. Er fragte daraufhin, ob ich denn Interesse hätte, eine katholische Priesterschule in Kagawa zu besuchen. Er habe Beziehungen dorthin und wenn ich wirklich wolle, würde er Kontakt aufnehmen. Klar, dachte ich mir. Der Mensch muss ja offenen Geistes sein und warum nicht eine Priesterschule in Japan besuchen. Kaum ein paar Tage zurück in Kagawa, flatterte ein Brief zu mir her, der mich das erste Mal nervös machte. Komplett nur auf Japanisch und ich hatte nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, von wem der kommen könnte. Erst als mein Chef mir den Brief vorlas und ich immerhin den Namen „Nambara-sensei“ verstand, dämmerte es so langsam. Ich machte mich also dran, den Brief Wort für Wort zu übersetzen und ja, ich solle doch Kontakt aufnehmen, sei jederzeit herzlich willkommen usw. Aber erst obaasan musste mir die Adresse vorlesen, bis ich die begriffen hatte. Teikoku Seiyaku. Seltsamer Name, aber was soll’s. Zugegebenermaßen lag der Antwortbrief sehr lange bei mir rum, denn einen Brief auf Japanisch an jemanden zu schreiben, den du gar nicht kennst, ist kein Vergnügen. Jedenfalls ging er raus, ein paar Tage kam wiederum eine Antwort mit einem Prospekt über diese Priesterschule. Lesen konnte ich nichts, aber ein paar Bilder waren immerhin zu sehen, eines sogar mit Priestern drauf. Und ich möge mich doch noch mal melden. Als ich dann wenige Tage vier verpasste Anrufe von ein und derselben Nummer hatte, schwante mir, dass sie versucht hatten, mich anzurufen. Ich weiß nicht, ob man sich das vorstellen kann, aber telefonieren ist der Horror in Tüten, zumal, wenn jemand Unbekannter und Offizieller dahinter steckt. Die haben erstens ein sehr förmliches und damit kompliziertes Japanisch und man selbst hat weder Gestik noch Mimik. Ich drückte mich noch einen Tag vor dem Rückruf, wagte dann aber den Sprung. Alle Befürchtungen wurden wahr, aber letztendlich verabredete ich mich mit Hajika-san, offensichtlich einer Sekretärin, für den 19. Februar um 15.30 Uhr in Sanbonmatsu, etwa eineinhalb Zugstunden von Zentsuji entfernt. Hajika-san schickte mir noch eine passende Zugverbindung von und nach Sanbonmatsu und einen Lageplan. Natürlich berichtete ich auch Yuko von Teikoku Seiyaku und sie meinte nur, die sind unter der örtlichen Bevölkerung sehr bekannt. Was mich wunderte, aber na ja, wahrscheinlich sind katholische Priester in Kagawa so selten, wie buddhistische in Oberschwaben. Sonntagabend fuhr ich nach Tokushima und Yuko wollte mich am Montag nach Sanbonmatsu bringen, das gar nicht so weit von Tokushima weg liegt. Außerdem ist sie ursprünglich aus der Nachbarschaft von Sanbonmatsu, kennt die Gegend also recht gut.
Nun denn, wird schon werden, dachte ich mir und los ging die Reise. Das erste Mal stutzig wurde ich, als ich die Gebäude sah. Riesige Fabrikgebäude, zwei kleine Bürohochhäuser und überall Schilder „Hier geht’s nach Teikoku Seiyaku“. Was sollte das werden??? Bereits an der Eingangspforte wartete eine Sekretärin auf mich, die sich auch als Hajika-san vorstellte. Falsch war ich also nicht, auch wenn es ein bisschen anders als in dem Prospekt aussah. Aber man weiß ja nie. Im Empfangsraum wurde ich erst mal gebeten, zu warten, Akzawa-san, der Freund von Nambara-sensei sei noch einer Besprechung. Derweil ich wartete, schaute ich mich um und weil ich ja in einer Priesterschule war, suchte ich nach dem Kreuz an der Wand, das jedoch fehlte. Komische Priesterschule. Dafür schaute ich das Luftbild an und irgendwie sah das mehr nach Firmengelände mit Produktionshallen, denn nach Glaubensschule aus. Mir wurde immer komischer. Zwischenzeitlich brachte mir eine weitere Sekretärin (muss ein ziemlich großer Laden sein, wenn die so viele Sekretärinnen haben ... ) eine Tasse Tee und dann ging’s erst richtig los. Akazawa-san erschien. Kurze Vorstellung, Überreichen der Visitenkärtchen und reden. Akazawa-san ist ein Mann knapp an die achtzig Jahre alt und energiegeladen wie mindestens 40 Jahre jünger. Nach ein paar Minuten erschienen dann wieder die Sekretärinnen und noch ein Anzugträger. Die überreichten mir u.a. ein Firmenprospekt und ganz langsam dämmerte mir, wo ich hier gelandet war. Von Priestern weit und breit keine Spur, dafür ein weltweit tätiges Unternehmen in der Herstellung von Pflastern und Bandagen aller Art ... eben Pflaster statt Priester. Das brachte mich dann doch etwas aus der Fassung, wusste ich doch gar nicht, was ich hier sollte.
Der Rahmen, der dies aber alles zusammenhielt, war die Bekanntschaft zu Nambara-sensei. Hinzukommt, dass dessen Vater an der örtlichen Schule vor vielen Jahren Schüler war und dass er eine kleine Berühmtheit ist. Nambara Shigeru-san stammt ursprünglich aus der Gegend und hat es im Laufe seines Lebens bis zum Präsidenten der Tokyo Universität gebracht. Das ist das höchste, was man in einer universitären Laufbahn in Japan erreichen kann und gilt m.E. als außergewöhnliche Leistung. Und so wurde mir denn auch klar, warum wir unbedingt die Schule anschauen mussten, in der er war, denn dort wurde ein kleines Museum eingerichtet, in dem vier ehemalige Schüler, die es zu Amt und Würden gebracht haben (ein Sumoringer, ein Soldat, jemand, von dem ich glaube, dass er Wissenschaftler war und eben Nambara Shigeru), beschrieben wurden. In dem Museum tanzten ebenfalls drei Leute ständig um uns rum. Vor dem Besuch der Schule besichtigten wir eine Halle mit Produktionsanlagen für spezielle Pflaster, alles selbstverständlich im japanisch typischen Laufschritt.
Das für mich so eigenartige und manchmal fast verstörende war neben der Situation, dass ich eine Fabrik statt einer Priesterschule besichtigte, aber vor allem die Art und Weise wie mit Akazawa-san und damit auch mit mir als seinem Gast umgegangen wurde. Es sollte noch gesagt werden, dass Teikoku Seiyaku ein Unternehmen ist, das 1848 von der Familie Akazawa gegründet wurde, heute weltweit rund 700 Mitarbeiter beschäftigt und ich es schlicht nicht mit dem Abteilungsleiter für die Sauberkeit in den Büros, sondern mit dem obersten Chef persönlich zu tun hatte. Dem wurde natürlich hofiert (wie es sich in Japan für erstens für einen Chef und zweitens vor allem für einen älteren Menschen geziemt) und seine Art hatte ebenfalls was befehlsgewohntes an sich. Ein kurzes „ano nee“ (dt. Entsprechung „he!“) und alles rannte los, lief her und machte was. Auf dem Weg zur Pflasterfabrik und zur Schule wurden wir natürlich chauffiert. Doch als wir wieder aus der Schule raus kamen, stand ein Auto vor der Tür, gegen das eine 600er Mercedes S-Klasse nun nicht gerade ein Leiterwagen, aber auch nichts besonderes ist. Ich dachte so bei mir, zu wem der Wagen denn wohl gehören könnte, war unser Auto doch ein anderes. Tja, Pustekuchen, das war unser neues Gefährt. Alles edel ausgekleidet, mit technischem Schnickschnack überall und mach bloß die Tür nicht selber auf, dafür hat man ja andere. Diese Art des hofiert werdens, wenn alles um einen herumspringt und nur auf jede kleine Geste und Bemerkung wartet, wenn alles schon erledigt ist, bevor man daran denken kann – also mir als Ei vom Lande, der überwiegend mit Salatköpfen zu tun hat, liegt das ja nicht so. In Deutschland könnte ich mit solch einer Situation vielleicht noch einigermaßen umgehen. Hier in Japan herrschen gewissermaßen noch zusätzliche Regeln und wenn man dann nur Bruchteile der Gespräche versteht, sich aber unterhalten sollte und wollte, werden fünf Minuten zu einem sehr langen Zeitraum. Wir besuchten anschließend noch ein sich im Aufbau befindendes Museum über Teikoku Seiyaku und draußen wartete schon wieder der Edelschlitten. Ich möge doch bitte einsteigen und erwartete, Akazawa-san würde ebenfalls einsteigen. Stattdessen nahm die Sekretärin Platz und auf meine erstaunte Frage, was den Akazawa-san machen würde, hieß es nur, jetzt ist Abschied. Wie bitte? OK, noch schnell die Hand durchs Fenster geschüttelt, bedankt und weg zum Bahnhof. Dort kaufte mir Hajika-san noch ein Ticket nach Zentsuji und weg war sie. Ich stand in dem Bahnhof, der etwa den Charme des Eichenberger Bahnhofs hat, nur nicht ganz so groß ist und fragte mich allen Ernstes, was das nun gewesen sein könnte. Pflaster statt Priester, eine Schule und ein Museum im Schnelldurchlauf, ein Befehlston der Sonderklasse, beinah schon unterwürfige Angestellte und zum Schluss fast ein Rausschmiss. Ich hatte kaum die Zeit, die einzelnen Dinge zu verarbeiten, geschweige denn das Ganze. Die vorherige Nacht und dieser Besuch forderten dann auch prompt Tribut und ich schlief beinah sofort im Zug ein.
Doch, die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Auf dem Weg zum Bahnhof zückte ich mein Prospekt über die Priesterschule und fragte, was das denn nun sei. Hajika-san kam damit irgendwie in Verlegenheit und ich meine verstanden zu haben, dass diese Priester kein Teil der Firma sind und doch irgendwie dazu gehören. Wie, das ging unter. Sie fragte noch drei Mal nach, ob ich die denn jetzt noch besuchen möchte, aber erstens konnte ein Blinder ohne Gehör und Sprache und einem Gefühl für Menschen wie eine Dachlatte merken, dass sie das eigentlich nicht wollte und zweitens war ich eh schon am Ende und sagte dankend ab. Zwei Tage später sah ich, dass das Teikoku Seiyaku angerufen hatte und mir schwante ganz Übles. Abends in der Udonbude klingelte dann auch logischerweise das Telefon und Hajika-san war dran. Ja, vielen Dank für den Besuch, es war sehr nett und blabla. Und wenn ich das Priesterseminar noch sehen wolle, sei ich jederzeit herzlich willkommen und es täte ihr leid, dass wir das nicht gemacht haben und ich solle mich auf jeden Fall melden. Bis Mitte März konnte ich mich noch mit keiner Zeit rausreden. Aber ob ich mich dann melde, ist mehr als fraglich. Interessieren würde mich das schon noch, aber was ich dort dann will, weiß ich trotzdem nicht. |
| Februar 2007 |
Das Wetter Es ist warm, viel zu warm für diese Jahreszeit und diese Gegend. Morgens haben wir zwar schon mal noch nur 2 Grad und leichten Raureif, aber bis zehn Uhr klettert das Thermometer schnell auf über 13 oder mehr Grad. Selbst 18 Grad hatten wir schon. Dazu Sonnenschein pur und so kommt es schon mal vor, dass ich nur im T-Shirt arbeite. Seit vielen Tagen kein nennenswerter Regen und so müssen selbst jetzt, im Winter die Setzlinge angegossen werden. Voriges Jahr muss der Winter dagegen sehr kalt und streng gewesen sein. Dieses Wetter hat den großen Nachteil, dass das Gemüse wächst, wie nichts Gutes und besonders der Salat viel zu schnell viel zu groß wird. Wir müssen den Salat ernten, obwohl die Preise total im Keller sind und das in riesigen Mengen. In der Agrargenossenschaft dreht sich fast alles nur noch um Salat. Selbst meine fünf Chinesen und Thailänderinnen, die normalerweise ab 17 Uhr Negi putzen, wurden zum Salat putzen verlegt. Zwar nur für fünf Tage, aber es zeigt, dass hier Not am Mann herrscht. Üblicherweise wird im Winter der Salat in drei Schritten mit jeweils einer Zeitspanne dazwischen, dass der restliche Salat nachwachsen kann, geerntet. Dieses Jahr braucht es nur zwei Ernteschritte und der zweite kommt nicht selten zu spät. Der Salat ist geschossen oder viel zu groß und kann nur noch weggeschmissen werden. Selbst wenn es nicht der eigene Salat ist, ist es schon frustrierend, wenn man hunderte Salatköpfe schneidet und maximal 5 % davon verwenden kann. Zugegeben, das ist eine große Ausnahme, aber es kommt vor. |
| Das Ende |
Die Reise am Ende Auf diese Reise hatte ich lange gewartet, viele Vorbereitungen wurden dafür gemacht, viel geplant und viel Geld gezahlt und schon lange redete man fast nur noch von diesem Trip. Für mich sollte er ja nur eine Zwischenreise vor meiner endgültigen Heimkehr sein, für die anderen Praktikanten war sie die letzte große Tat vor der Heimreise. Wenn ich nun hier sitze und alles noch mal Revue passieren lasse, kommt mir das gar nicht vor, als wären es über zwei Wochen ohne Salat und Negi gewesen. Aber es muss wohl so gewesen sein. Doch fangen wir am Anfang an. |
| 28. Februar 2007 |
Abschiedsparty bei Stefan Stefans Gastfamilie, die Imadas, wollten die Abschiedsparty für ihren Praktikanten auf den allerletzten Tag legen und das war eben der 28. Februar. Den Tag über hatten wir frei und so kam Stefan zu einem letzten gemeinsamen Tag in Kagawa morgens bei mir vorbei, wir frühstückten ausgiebig und danach galt es ein paar Dinge zu erledigen. Geld eintauschen und vor allem Geschenke für die Mädels kaufen. Warum? Das wird an späterer Stelle erwähnt. Aus lauter Nostalgie und weil das Wetter so schön war, setzten wir uns noch einmal an unseren Treffplatz am Dokigawa und bewunderten den Sanuki-Fuji-San aus nächster Nähe. Die Kälte trieb uns letztendlich aber doch Richtung Onsen, sollte es doch da eines in der Nähe geben. Das Schlimme an diesem Onsen war nur, dass wir es am allerletzten Tag unseres Praktikums fanden. Denn erstens ist es ein schönes Onsen und zweitens liegt es nur jeweils zehn Fahrradminuten von uns beiden weg. Ein idealer Treffpunkt für abends nach der Arbeit ... Aber wir erfahren davon erst am allerletzten Tag. Gar nicht auszudenken, wie oft wir da hätten hinfahren können ... Besser nicht darüber aufregen. Nur wenn man dann hört „also hier in der Nähe gibt es kein Onsen“ kann man sich darüber fast doch noch aufregen.
Die Abschiedsparty war eine für japanische Verhältnisse eher ungewöhnliche Party, denn über 20 Leute fanden sich zusammen. Für eine Party in einem Privathaus sehr ungewöhnlich habe ich mir sagen lassen. Es kamen denn auch so ungewöhnliche Gäste, wie Stefans Englischnachhilfeschüler mit seiner Oma, sein Friseur, die Eltern eines seiner Praktikantenkollegen, ein Gärtner, den er flüchtig kannte und meine Wenigkeit war ebenfalls eingeladen. Zu allem Überfluss holte uns unsere Vergangenheit auch noch ein. Vor langer Zeit hieß es mal so beiläufig, dass wir beiden doch mal „deutsch“ kochen sollten. Lange konnten wir uns davor drücken und hatten schon fast berechtigte Hoffnung, man hätte das vergessen. Aber Stefans Gastmutter scheint ein gutes Gedächtnis zu haben und so blieb uns keine andere Wahl mehr. Nur statt nur für die Familie halt dieses Mal für 20 Personen – dumm gelaufen. Klar waren die Hauptgänge nicht unser Metier. Die kamen von den Imadas und waren mit Nabe und Okonomiyaki auch sehr lecker. Unsere Entscheidung fiel der Einfachheit halber auf Spiegelei mit Salzkartoffeln und Spinat. Ich denke, wir schlugen uns ganz gut und wenn man bedenkt, dass wir alles direkt auf dem Tisch kochten (auf den praktischen Gaskochern für Nabe mitten auf dem Tisch) und so gleich noch eine Show abliefern konnten, schlugen wir uns ganz passabel. Und wenn man ein bisschen rationiert, reicht 1 kg roher Spinat auch für 20 Personen ;-) Der Abend wurde lang, lustig und die Heimfahrt kalt. Zwischendurch gab meine Kamera wieder ihren Geist auf (Sch...ding), aber dafür war der Abend ansonsten ein voller Erfolg und ein guter Abschluss eines guten Jahres. |
| 2. – 5. März 2007 |
Chiba-ken oder das Budokulturseminar Früh morgens am 1. März hieß es raus aus den Federn, wollte ich doch meine Fähre nach Tokyo um 11 Uhr nicht verpassen. Für mich als Landratte sollte das mal eine neue Erfahrung sein, wenn man 16 Stunden auf einem Dampfer sitzt und nichts als Wasser um sich rum hat. Da die Fähre von Tokushima aus starten sollte, verabredete ich mich morgens mit Yuko zum Frühstück und danach zu einem Strandspaziergang. Die Fähre selbst erschrak mich ein wenig, war der Pott doch ganz schön groß! Aber das gute daran war, dass nur sehr wenig Fährgäste an Bord waren und somit viel Platz war. So war denn auch der Schlafsaal nur spärlich belegt und überhaupt ging es ruhig zu. Die See benahm sich außerordentlich gut, kaum Seegang und so für mich gut auszuhalten. Die Strecke führte nahezu immer in Sichtweite der Küste entlang gen Westen. Die meiste Zeit verbrachte ich mit Lesen. Nur gegen Abend, als die Sonne glutrot über dem Horizont unterging, musste ich einfach raus und dieses Schauspiel genießen. Auf dem Hinterdeck war sonst kaum was los, aber fünf Minuten, bevor die Sonne endgültig weg war, kamen fast alle Fahrgäste und selbst Leute vom Personal aus den Ecken gekrochen, erhaschten einen schnellen Blick und ein schnelles Foto und waren wieder weg. Zwischendurch bemerkte ich einen Herrn, der von hinten Fotos schoss. Um ihm nicht im Weg zu sein, bewegte ich mich aus der Schusslinie, aber er forderte mich regelrecht auf, sitzen zu bleiben. Hinterher zeigte er mir die Fotos mit meiner Silhouette vor der Sonne und nach Austausch der Visitenkarten lagen die Bilder dann auch wenige Tage später in meinem Emailpostfach. So einfach geht das. Gegen Abend kam wohl ein wenig Wetter auf und die Außendecks wurden gesperrt. Dafür setzte ich mich in die Badewanne (eine Badewanne auf einem Schiff – das muss ein japanisches Schiff gewesen sein ...) und erlebte den Seegang in der Wanne. Wirklich unterhaltsam, wenn man in der einen Minute nahezu wasserlos dasitzt und einem im nächsten Augenblick das Wasser bis zum Halse steht. Und das in einem geschlossenen Raum. Geschlafen habe ich solala, aber das mag an der Umgebung gelegen haben. Außerdem gab es außer zwei dünnen Decken auf einem Teppichboden keine weitere Matratze und so war die Angelegenheit doch recht hart. Dafür lag die Innentemperatur konstant bei 27 Grad. Bescheuert heiß ...
Die Ankunft morgens um 5 Uhr in Tokyo war dann wieder recht seltsam. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, aber nicht, dass an dem Fähranleger gar nichts los ist. Wir landeten mitten in einem riesen Industriegebiet und weit und breit kein Taxi oder dergleichen. Da hieß es dann, mit großem Rucksack und dem langen Bogen durch eine Schlucht aus Überseecontainern und abgestellten LKW zu laufen. Welche Richtung? Keine Ahnung, aber dahinten sind Hochhäuser und da wird es schon eine S-Bahn geben. Gab es auch und früher hätte ich gar nicht kommen brauchen, ich erwischte die erste Bahn.
So wunderschön der Sonnenuntergang auf dem einsamen Meer war, so gänzlich anders war der Sonnenaufgang in Tokyo. Totale Einsamkeit vs. eine der größten Städte der Welt.
In Chiba angekommen ging es der Wegbeschreibung nach auf kürzestem Weg zur Internationalen Budo Universität durch Tunnel, Krankenhaushinterhöfe und Abhänge hinauf. Natürlich war ich viel zu früh dort und machte mich daher gleich wieder auf, eine neue Kamera zu besorgen. Das Seminar selbst war klasse. Menschen aus allen Ecken dieser Welt. Viele Amerikaner und Engländer, aber ansonsten quer durch den internationalen Gemüsegarten. Die Schüler waren nur Ausländer (ca. 100 Leute), die Lehrer nur Japaner. Vertreten waren alle Disziplinen des Japanischen Budoverbandes, als das wären Judo, Kyudo, Kendo, Karatedo, Sumo, Aikido, Kempo, Naginata, Jukendo. Die Lehrer scheinen hochrangige Vertreter ihrer Zunft zu sein und so war es neben der Freude, hier lernen zu dürfen auch ein Genuss. Zur Verständigung wurde entweder Japanisch oder Englisch benutzt. Die theoretischen Lehrstunden und Diskussionen wurden von dem Organisationsteam ins Englische übersetzt. Wobei mir aufging, wie schlecht mein Englisch dann doch ist. Bei Themen, wie „Budo and Zen“ oder „respiratory method as seen through brain wave acitvity“, die schon im Deutschen kaum verständlich sind, ging es ganz schnell bergab. Zumal in einer Hörsaalatmosphäre ... Viel spannender waren denn auch die praktischen Lehrstunden. Am zweiten Tag gab es eine Demonstration der einzelnen Budodisziplinen. Allein dafür hätte sich gelohnt, zu kommen, denn die senseis selbst zeigten ihr Können. Da kann man also durch konsequentes Üben hinkommen ...
Danach galt es „Erfahre eine neue Budodisziplin“, was hieß, mach mal was anderes, als immer nur dein bekanntes. Mein erster Schritt ging zu den Naginatamädels. Naginata ist eine Waffe, die ursprünglich von den jap. Bushi (Samurai) zu Pferde verwendet wurde und in etwa mit einer europäischen Hellebarde verglichen werden kann. Irgendwann kam sie bei den Bushi etwas außer Mode und wurde vom Bogen und evtl. dem Speer abgelöst. Dafür wurde sie immer mehr von den Frauen verwendet, die bei Kriegszügen ihrer Gatten zuhause blieben und mit der Naginata eine wirkungsvolle Verteidigungswaffe zur Hand hatten. So erklärt es sich auch, dass Naginatado heute hauptsächlich von Frauen betrieben wird. Jeder bekam dann auch gleich ein Stöckchen in die Hand (rund 2 m lang) und eine Schülerin als Lehrerin an die Hand (es heißt immer, wer als Mann Naginata wählt, macht das nur wegen den vielen Mädels ... ) und los ging’s. Lustige Sache, das. Nur muss man sich überwinden, auf ein Mädel, das nur halb so groß ist, einzuschlagen, selbst wenn a) sie einen ständig dazu auffordert und b) sie eh blockt. Das heißt nun nicht, dass das eine wilde Knüppelei gewesen ist. Es gab nur wenige, festgelegte Schlagrichtungen, aber trotzdem. Erst als der Kampfschrei hinzukam, fiel es leichter. Dann sieht man da also eine Truppe mit Stöcken fuchtelnder, schreiender und überwiegend schwarz-weiß gekleideter Menschen sich auf und ab bewegend, begleitet von dem Klacken, wenn die Stöcke aufeinander treffen. Im Hintergrund brüllen und prügeln sich die Kendoka die Seele aus dem Leib, die Judoka, Aikidoka und die Shorinji Kempos gehen sich ebenfalls an die Gurgel und alle finden das lustig.
Abends war erstes Training der eigenen Disziplin angesagt und unsere beiden Kyudosenseis, Iijima-sensei und Sakuma-sensei waren in der kurzen Zeit auch recht konsequent und jeder bekam sein Fett weg. Mal wieder frustrierend, aber letztendlich lehrreich. Denn wenn der Lehrer Dir eine vermeintlich leichte Aufgabe gibt, du sie erfüllst und hinterher nur ein „maamaa“ mit einem schrägen Blick und einem Grinsen kommt, versinkt man am liebsten im Erdboden. Aber so sind sie halt, die Alten.
Am dritten Tag gab es zuerst theoretischen Unterricht, der z. T. interessant, aber manchmal auch unverständlich war. Spannender wurde es erst wieder am Nachmittag, als es zu den nächsten Budodisziplinen ging. Lange schon stand Kendo auf meine Liste und so ließ ich mir die Gelegenheit natürlich nicht entgehen. Als erstes gab es Trockenübungen mit dem shinai, einem speziellen Bündel Bambusstreifen, das für Trainingszwecke und Kämpfe verwendet werden. Dann wurde die Rüstung angezogen, Helm aufgesetzt, der so zugeschnürt wurde, dass einem fast die Luft wegblieb und die Brille gerade nicht verbogen wurde und aus den Trockenübungen wurde Ernst. Zuerst noch mal das Ganze langsam, aber immer mit Kampfschrei und dann randori – Übungskampf. Trefferfläche war Kopf, rechtes Handgelenk und Hüfte. Und immer druff! Schon nach wenigen Minuten bereute ich jedes der letzten Jahre, in denen ich keinen Ausdauersport getrieben habe. Herrgott, geht das an die Kondition. Dazu mit einem Sichtfeld von nur geradeaus und total vergittert, ständig mit der Gefahr, verdroschen zu werden und brüllen muss man auch. Als ob dafür die Luft noch reichen würde. Mein erster Übungspartner war noch recht harmlos und so landete jeder mal den einen oder anderen Treffer. Der zweite war aber ein .... Haudrauf. Ich kann damit leben, wenn ich verdroschen werde, wenn der andere schneller und besser ist, aber wenn einer ohne Hirn und Verstand einfach nur draufhauen will, egal wo, egal wie, ohne Können und Technik und egal, wie es den anderen trifft, dann muss ich sagen, fehlt mir dafür der Verstand. Diese Type war so einer. Hauptsache drauf, egal wo. So kam es denn auch, dass diese Schwachmate meinen rechten Ellbogen und die Rippen voll traf. Voller Schwung natürlich. Der dritte und letzte Trainingspartner war dann zum Glück ähnlich aus der Puste, wie ich selbst und so war es mehr ein Tätscheln, denn ein Schlagen. Was dem sensei gar nicht gefiel und er uns aufforderte, richtig ranzugehen. Können vor Lachen, keine Sicht (Brille beschlagen), keine Luft, keine Kraft ... Völlig außer Puste gab es noch ein Gruppenfoto und runter mit der Rüstung. Mein vollster Respekt für alle Kendoka. Die müssen eine unglaubliche Kondition haben, schmerzunempfindlich sein und eine Lunge wie ein Blasebalg haben. Ich war nach diesen zehn Minuten nass bis auf die Knochen und musste mich erst mal der Klamotten entledigen. Wenn man sich dann noch den japanischen Sommer als Trainingszeit hinzudenkt ... Sehr interessant waren die sensei. Ganz alte Budoschule war das Prinzip, schauen statt hören. Wenige Worte und schnelle Bewegungen. Und jetzt lern durch zusehen und nachdenken.
Kendo hatte für mich aber zwei Folgen – die erste war ein nicht mehr weißer Kyudogi (das Hemdchen), weil die Rüstung blau ist und abfärbte. Dabei brauche ich den Gi zur nächsten Prüfung und ich habe nur einen in Japan ... und zum anderen verfärbte und vergrößerte sich mein Ellbogen so schön, dass ich Abends Kyudo nur unter Schmerzen durchziehen konnte. Denn der rechte Ellbogen ist beim Kyudo doch recht wichtig.
Die dritte Budodisziplin musste dann was zur Erholung sein. Karate bot sich da geradezu an und so war es denn auch. Dass es keinen Übungskampf geben würde, war abzusehen. So waren die Bewegungen zwar etwas träge, aber ausreichend „schnell“. Das war noch mal fordernd, aber längst nicht so anstrengend, wie Kendo.
Der letzte Abend stand im Zeichen der Abschiedsparty. Zuerst gab es den offiziellen Teil mit super leckerem Essen, wo weder Kosten noch Mühen gescheut wurden. Allein dieses Essen war mehr wert, als die 5.250 Yen, die man pro Nase für das ganze Seminar inkl. Unterkunft und Verpflegung bezahlt hat. Danach stand „Randys Spezialparty“ an. Randy ist ein Amerikaner, der in Kyoto lebt und den ich per Zufall irgendwann mal im Fernsehen gesehen habe. Er lernt dort u.a. die Teezeremonie. Nach Aussagen derjenigen, die schon des öfteren auf dem Seminar waren, ist Randy ein Urgestein und von Anfang an dabei. Er kennt jeden und alles, obwohl er selbst keine Budodisziplin aktiv ausführt. Seine Party ist denn auch ganz einfach – er macht vorne den Kasper, ist sich für nichts zu schade und begeht jede Peinlichkeit, die ihm einfällt, aber gleichzeitig fordert er jeden im Publikum auf, etwas zum Besten zu geben. Egal was, egal wie, Hauptsache jeder kommt dran. So gab es denn einiges zu lachen und mich rettete der zweite Deutsche, der als Wiederholungstäter schon vorbereitet auf das Seminar kam und wir daher Teebeutelraketen starten ließen.
Der letzte Tag war noch mal was besonderes. Da wird jedes Jahr eine besondere Budodisziplin eingeladen, die sich vorstellen darf. Dieses Jahr war es Shuriken, den meisten wohl besser unter „Wurfstern“ bekannt, wobei unter der Vielzahl der werffähigen Gegenstände der klassische Wurfstern eher selten ist. Der sensei war ein 85-jähriger, verschmitzt grinsender alter Mann, der mit seinem Assistenten, kaum weniger alt als er selbst, zuerst eine theoretische Lehrstunde und dann praktischen Unterricht gab. So durfte jeder mal ran und bemerken, dass gezieltes Werfen gar nicht so einfach ist. Auch die restlichen sensei beteiligten sich kräftig. |
| 5. - 7. März 2007 |
Bei Familie Ito in Tokyo Mit dem ganzen Gerödel ging es in den Zug gen Tokyo. Schließlich war erst der 5. März und mit Stefan war ich erst am 7. in Kagoshima verabredet. Mein Kollege Ito-san hatte mir angeboten, die Zeit bis zum Abflug bei seiner Familie in Tokyo zu verbringen. Zuerst war mir das gar nicht recht, mit Sack und Pack für zwei Tage bei einer fremden Familie aufzulaufen. Weniger weil sie unbekannt sind, sondern vielmehr, weil das natürlich eine Riesenmühe für die Familie bedeutet. Aber er ließ da nicht mit sich reden und so ging es von Südwest noch Nordost einmal quer durch Tokyo mit Bogen und dickem Rucksack. Ein Erlebnis, die Reaktionen der Menschen zu beobachten ;-) Das Willkommen der Familie war sehr herzlich und die anfängliche Scheu war doch recht schnell überwunden. Ito-sans kleiner Bruder Hiroshi und die Mutter gaben sich alle Mühe und wir überbrückten die Wartezeit, bis der Vater (um halb neun) von der Arbeit kam, mit Abendessen, Reden, einer Kimonoshow und Kinderspielen. Vater Ito kam rein und wollte uns gleich ins nächste Onsen mitnehmen. Das war dann wieder was für die Sinne. Nach den doch recht anstrengenden Tagen in Chiba war ein Onsen genau das richtige. Und was für eines. Groß, mit vielen verschiedenen Becken und vielen Außenbecken. Da liegt man dann im heißen Wasser und zwischen den Baumsilhouetten leuchtet der Vollmond hervor und man weiß, jetzt geht der Urlaub erst richtig los. Am folgenden Tag hatten die Itos für mich ein Programm zusammengestellt. Den Vormittag verbrachte ich im Showa-kinen-koen, einem großen Park ganz in der Nähe. Eigentlich war meine Vorstellung, dass ich ganz alleine ein paar Stunden durch den Park laufe, ein bisschen fotografiere und es einfach ruhig angehen lasse. Aber denkste, dafür bist Du nicht in Japan. Kaum durch das Eingangsportal gegangen, kam von hinten die Frage „sprichst Du Englisch?“ Auf mein „Ja“ hatte ich einen Herrn um die 60 an der Hand, der als Freiwilliger im Park arbeitet und die Leute herumführt. Also nix mit schlendern und Müßiggang. Er ließ sich meinen Zeitplan geben und berechnete daraufhin, was man in den zweieinhalb Stunden alles ansehen kann. Klar war das interessant und ohne ihn hätte ich viele Ecken nicht gesehen. Aber andererseits rannte er nach guter japanischer Sitte von einem Punkt zum nächsten und die Zeit fürs Innehalten war kaum. Naja, schön war`s trotzdem.
Anschließend traf ich mit Ito-san und Hiroshi zum Mittagessen und den restlichen Tag verbrachten wir im Edo-Tokyo Hakubutsukan, einem Museum über die Geschichte Tokyos (sehr interessant), dem Aufstieg auf den Tokyo Tower, den ich dieses Mal wesentlich besser in Erinnerung behalten werde, als beim letzten Mal. Tolle Aussicht, vor allem, wenn gerade die Sonne untergeht und dann Tokyo bei Nacht. Irre Stadt. Eine Idee war es auch, noch Roppongi Hills zu sehen, ein Geschäfts- und Einkaufsgebäudekomplex mitten in Tokyo. Dummerweise steckten wir gut 40 min. in der S-Bahn fest, weil es irgendwo Probleme gab. So kam unser Tagesplan etwas durcheinander. Ich an unserer Stelle hätte Roppingi Hills daher einfach sein lassen und wäre direkt zum nächsten Programmpunkt übergangen. Aber da es meine Idee war, dort hinzugehen, sahen sich die Itos verpflichtet, mich dorthinzubringen, egal wie und wie lange. So ging es fast im Laufschritt vor das Gebäude, ein kurzer Blick die Fassade hoch und zurück ... Japan live. Dafür war das Abendessen wieder geruhsam und lecker. Irgendwo in der Nähe von Shinjuku Bahnhof in einem riesen Gebäude mit Aussicht auf Tokyo bei Nacht. Gerade als wir mit dem Essen anfingen, setzte sich eine Dame an das Klavier im Restaurant und spielte als erstes Stück die Titelmelodie des Filmes „Kikujiro no natsu“. Mit diesem Lied verbinden Stefan und ich sehr viel und wenn man nach einem langen Tag mit vielen Marschkilometern am gedeckten Tisch sitzt, ein Glas Bier getrunken hat und völlig entspannt ist und dann dieses Lied kommt ... Die Stunde Rückweg in der S-Bahn übersteht man dann ebenfalls noch recht gut und zuhause angekommen waren doch alle recht müde und es ging beizeiten ins Bett.
Beim Frühstück saßen alle noch mal beisammen, bevor man sich trennte. So kurz der Aufenthalt war, so angenehm war er doch und hat nicht im Entferntesten meinen Befürchtungen entsprochen. Nur eines wollte ich noch loswerden – meinen Bogen. Denn mit der langen Latte von Tokyo nach Kagoshima, nach Tokyo und wieder nach Kagawa – das wollte ich mir ersparen. Der nette ältere Herr im Schalter der Schwarzen Katze (Paketdienst) war sehr zuvorkommend und meinte, das sei gar kein Problem. Also aufgegeben, bezahlt und kaum wieder in der Wohnung angekommen klingelte auch schon das Telefon, dass das doch nicht gehen würde. Er hängte sich aber hilfsbereit ans Telefon und rief Gott und die Welt an, bis er doch noch ein Unternehmen fand, das den Bogen mitnehmen würde, wenn er ordentlich in ein Paket verpackt wird. War er bis dato natürlich nicht und ich hatte keine Zeit mehr, ein Paket zu schnüren, denn der Flieger würde nicht warten. Doch Mutter Ito machte da kurzen Prozess mit mir, schickte mich zum Flughafen und sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, der Bogen würde schon in Kagawa landen. Mir war das gar nicht recht, aber was soll man da machen. |
| 7. - 13. März 2007 |
Kagoshima So spannend und aufregend und interessant die letzten Tage in Chiba und Tokyo waren, der eigentliche Urlaub sollte jetzt erst beginnen. Eine Woche nur Berge und Onsen und das Beste daran, alles zusammen mit Stefan. Das würde unsere letzte gemeinsame Zeit hier in Japan sein und die wollten wir noch mal in Ruhe und auf unsere Art genießen. Stefan kam mit dem Flieger aus Okinawa, ich aus Tokyo. Quasi in der Mitte trafen wir uns und der Besitzer unserer Unterkunft holte uns freundlicherweise vom Flughafen ab. Die Fahrt war schön und je länger sie dauerte, desto mehr wurde uns bewusst, in welche Einöde es uns verschlagen würde. Fernab von allem in den Kirishima Nationalpark. Genau das, was wir wollten. Der Kirishima Nationalpark wurde als erster Nationalpark in Japan gegründet. Er besteht aus einigen alten Vulkanen, die manchmal noch ein wenig vor sich hinqualmen, aber ansonsten friedlich sind. Darum herum eine wunderbare Landschaft mit einer tollen Aussicht und wunderbarer Natur. Wie geschaffen zum wandern. Direkt neben unserer Unterkunft lag der Kirishima Jingu, eine große, wunderschöne Schreinanlage, die man nur frühmorgens in Ruhe genießen kann. Spätestens um 9 Uhr bringen ganze Buskolonnen haufenweise Besucher in den Schrein und mit der Ruhe ist es vorbei. Doch auch hier ließ sich die Erfahrung machen – alles was weiter als 100 m vom Parkplatz weg ist, ist absolut ruhig und es gibt keine Leute mehr. Auch Japan. Am ersten Tag nach der Ankunft ging es gleich morgens los und einmal quer durch den Wald auf einem kleinen Trampelpfad, immer bergan. Durch schöne, z. T. sehr alte Wälder, mit aufgeschreckten Fasanen, kaum schreckhaftem Rotwild und bei gutem Wetter.
Auf einem der Hügel angekommen, überkam uns die Müdigkeit. Die letzten Tage waren doch recht anstrengend und so legten wir uns ins hohe, trockene Gras mit Ausblick auf einen Vulkan, der die kommenden Tage beklettert werden sollte. Kaum gelegen, mit Sonnenschein und recht kühlem Wind um die Nase, schliefen wir prompt ein und keiner weiß, wie lange wir da lagen. Aber in den ganzen Tagen zuvor habe ich nicht so entspannt geschlafen, wie auf diesem Hügel. Abendessen gab es bei okaasan, der Wirtin und eigentlichen Seele dieses Ryokan. Wir bestellten zwar nur ein Currygericht, aber sie meinte es offensichtlich gut mit uns und stellte daneben noch Suppe, Gemüse, Tsukemono und dergleichen auf den Tisch und bezahlen mussten wir auch noch weniger, als auf der Speisekarte angeben. Bis auf eine Nacht waren wir die einzigen Gäste im Haus und hatten somit auch hier unsere Ruhe.
Am dritten Tag wussten wir nicht so recht, welcher Vulkan dran kommen sollte und stiegen einfach in den Bus gen Berge. Kirishima ist wirklich kurz vor dem Ende der Welt umso verblüffender war es, dass der einzige Fahrgast außer uns eine junge Frau aus den USA war, deren Eltern aber beide Japaner sind und wir sie so nicht als Ausländerin ausmachen konnten. Sie wusste genauso wenig, wohin des Weges und stieg einfach da aus, wo wir ebenfalls ausstiegen. Die Wege trennten sich aber, wie wollten in den Berg und stapften los. Doch irgendwie verpassten wir den Einstieg und marschierten eine Stunde lang auf der Strasse. Da war nun kein Verkehr, aber schön war es auch nicht. Wir wollten schon fast aufgeben und rasteten, als unsere Bekanntschaft, Wendy, daher kam. Auch sie hatte den Einstieg verpasst und so ging es zu dritt von dannen, immer der Straße nach. Nach einer weiteren guten halben Stunde hielt plötzlich ein Auto neben uns, darin ein Mann um die sechzig mit seiner Tochter, Mitte dreißig. Wo es denn hingehen solle und wir sollen doch einsteigen. Verblüfft, aber dankbar ließen wir uns dies natürlich nicht entgehen und auf den wenigen Kilometern bis zum Ziel kamen wir alle so gut ins Gespräch, dass spontan beschlossen wurde, gemeinsam in den Berg zu gehen. Da geht man also zu zweit los und ist plötzlich zu fünft. Kamimura-san und seine Tochter Tomoko stammen beide aus Kagoshima, wobei Tomoko-san in Tokyo lebt, witzigerweise ganz in der Nähe von Wendy, die seit einem halben Jahr in Tokyo lernt. Kamimura-san kannte die Gegend recht gut und ging voran. Da hier eine vielbegangener Weg ist, war er zum Teil schön angelegt und fast schon gut ausgebaut. Zumindest am Anfang. Gemütlich ging es nach oben und dort angekommen erhielten wir einen Blick auf einen See in dem Vulkankrater der Sonderklasse. Langsam ging es weiter, immer auf dem Grat entlang, links unten der See, rechts unten Kagoshima, so weit das Auge in dem leider etwas trüben Wetter reichte. Mittagessen aus dem Rucksack und weiter ging’s. Auf halben Weg kreuzten sich die Wege und Kamimura-san kam auf die Idee, wir sollten doch noch auf den höchsten der Vulkan klettern und auf der anderen Seite absteigen, während er alleine zum Auto zurücklaufen würde und uns anschließend abholen wollte. Gesagt, getan und hoch ging es. Ein Weg war es immer noch, aber zum allergrößten Teil bestand er aus Treppenstufen. Steil ging es bergan und die Schätzung von Kamimura-san, in einer Stunde sei man oben, erwies sich als sehr optimistisch. Wir brauchten zwei. Dafür wurden wir mit vielen tollen Ausblicken belohnt, waren alle in guter Stimmung und selbst der kalte Wind konnte uns nicht wirklich was anhaben. Der höchste Gipfel lag auf immerhin 1.700 m über dem Meeresspiegel. Man konnte schon fast ahnen, dass die Luft ab hier dünn werden würde. Oben saß bereits ein Wandersmann und nach guter japanischer Sitte saß er auf dem Gipfel und telefonierte. Wir schossen unsere Gipfelstürmerfotos und noch während wir uns austobten, kam ein weiterer Wanderer den Weg hinter uns rauf. Er hatte unterwegs Kamimura-san getroffen, erkundigte sich nach unserem Befinden und weil es so gut passte, machten wir uns zu sechst auf den Rückweg. Die Gruppe wuchs. Nur zeigte sich nach bereits wenigen Metern, dass die beiden Männer uns Flachlandtirolern doch schnell weit voraus waren. Wir ließen sie ziehen und gingen unser eigenes Tempo. Unten angekommen fanden wir die beiden mit Kamimura-san im Gespräch vertieft und wir gesellten uns munter dazu. Irgendwann löste sich die Gruppe auf und wir wurden kurzerhand ins nächste Onsen eingeladen. Genau das Richtige nach einer doch recht langen Bergtour. Und weil es grad so schön war, wollten die Kamimuras uns noch nicht ziehen lassen und die nächste Einladung brachte uns in eine yakiniku-Laden. Lecker, lecker, kann ich da nur sagen und der Abend wurde noch mal lustig. Die beiden brachten uns noch bis direkt vor unser Ryokan und Wendy stieg ebenfalls aus, lag ihre JuHe doch nur 30 m neben unserer Unterkunft. So endete ein Tag, wie er schöner nicht hätte sein können, obwohl er ohne Plan und Ziel begonnen hatte.
Am folgenden Tag wollten wir nach Kagoshima-Stadt um erstens den Rückflug zu kaufen und mal keine Berge sehen. Was aber fast ein Reinfall war. Denn erstens kostete der Rückflug nach Tokyo ein Vermögen, die Stadt selbst ist (zumindest nach dem, was wir gesehen haben) eher uninteressant und geregnet hatte es auch noch. So wirklich begeistern konnte uns dieser Tag nicht und so waren wir am Abend zwar müde, aber irgendwie nicht wirklich zufrieden.
Zwischendurch galt es noch, die Pakete an die Mädels abzuschicken. Warum? Ganz einfach. Am Valentinstag bekommt die Herrenwelt Schokolade von den Damen, am 14. März geht die Geschichte andersrum. Aber da wir beide am 14. in Tokyo sein würden, galt es vorausschauend zu handeln. So wurden die lecker Kekse noch in Kagawa gekauft (viele Kilometer legten sie zurück), der Karton drum rum war ein Pappkarton aus dem nächsten Kombini und die wohlduftenden Blüten und die selbstgebastelte Blattheuschrecke wurden frisch gezupft, bzw. gefaltet und sogleich verpackt. Ein Briefchen auf Japanisch rein und abgeschickt. Würden sie rechtzeitig ankommen?
Am letzten vollen Tag in Kirishima ging es früh aus dem Bett, denn der letzte große Vulkan wollte beklettert werden. Bei strahlendem Sonnenschein und kaltem Wind ging es los. Zuerst noch im Wald, später nur noch auf Vulkangeröll. Grandiose Ausblicke, wenige Menschen und nach einem langen Aufstieg das Gefühl, es geschafft zu haben, gab uns das Gefühl, dies sei ein guter Tag. Zwar wussten wir nicht, wo wir rauskommen würden, aber da die andere Seite des Vulkanes ebenfalls interessant aussah, ging es eben dort runter. Albernd, Haken schlagend einfach gut gelaunt ging es bergab und wir genossen regelrecht in vollen Zügen das Beisammensein. Ein langer Marsch brachte uns irgendwann auf eine Strasse und weil wir bisher immer beim Trampen mitgenommen wurden, versuchten wir es wieder. Klar ließ uns Fortuna nicht im Stich und der junge Mann war hinterher so begeistert, dass er unbedingt ein Foto von uns haben wollte. Das kann einem nur in Japan passieren, dass man beim Trampen auch noch fotografiert wird. Der Abend zog uns ins Sakura-Onsen, einer heißen Quelle, in der eine Menge, der Schönheit gut tuender Schlamm mitgeführt wird. Klar legten auch wir die Gesichtsmaske auf und waren hinterher noch schöner, als wir es eh schon immer waren. |
| 14.-16. März 2007 |
Tokyo Tags darauf ging es per Bus zum Flughafen, von dort nach Tokyo-Haneda und dann in die JuHe in Yoyogi, in der wir vor knapp einem Jahr schon untergebracht waren. Komisches Gefühl, wenn man unweigerlich weiß, jetzt ist bald Schluss. Müde waren wir und so brachte der Tag nicht mehr viel. Auch der folgende Tag war eher für die Katz, aber Nachmittags mussten wir alle auflaufen, denn das offizielle Praktikum sollte sein Ende finden. Doch hätten wir vorher gewusst, was diese Einführung in das Abschlußseminar bringen würde, hätten wir noch einen Tag Urlaub in Kirishima drangehängt. Letztendlich war es nur eine halbe Stunde Gelaber und die Schlüsselübergabe für die Zimmer. Dafür durften wir schon mit Laberbacke – Verzeihung, Ishiyama-san vom JAEC, Bekanntschaft, dessen vorherrschende Themen die Frauenwelt und seine überragende Kenntnis der Charakterbeurteilung durch Analyse der Gesichtszüge ist. Alle noch in Japan verbliebenen Praktikanten kamen also wieder zusammen. Ole (der Däne) aus Saitama-ken, Markus aus Shizuoka-ken, Andre aus Gifu-ken und wir beiden aus Kagawa-ken. Nett war es, die anderen wieder zu sehen. Abends wurde es noch mal recht lustig, zog uns doch das Tokyoter Nachtleben an. Zuerst eine schummrige Kneipe in einem Kellergeschoss und danach (und nach zwei Bier) in die nächste Karaokebar. Man stelle sich das mal vor – fünf gaijin auf dem Weg in eine Karaokebar, wovon drei noch nie, bzw. erst einmal da drinnen waren. Stefan und ich waren denn auch die treibenden Kräfte in diesem Vergnügen, aber als die Jungs mal ein bisschen Scheu überwunden hatten, wurde die Stunde doch noch recht kurzweilig. Und spät Abends trafen endlich die Nachrichten ein, dass unsere Pakete rechtzeitig ankamen ...
Der folgende Donnerstag war dann der offizielle Abschluss. Zuerst stand ein Besuch bei der Deutschen Botschaft an und nach dem Mittagessen ging es ins JAEC-Hauptquartier, wo es noch mal eine Abschlussbesprechung gab. Aber so unorganisiert Japaner manchmal sein können, so kam es denn auch, dass Andre (der gerne redet, aber nicht immer versteht, was gefragt ist) und Ole (der sich gerne in sehr unwichtige Details verliert) weit über die halbe Zeit redeten, für Stefan so kaum noch Zeit überblieb, ich noch die Hälfte von Stefan zugestanden bekam und Markus sage und schreibe zwei Sätze sagen konnte. Zwischendurch laberte Laberbacke und wusste eigentlich meistens eh schon, was wir sagen wollten. Der Abend brachte noch mal ein offizielles Abendessen mit ein paar Gästen und der Übergabe der Urkunde mit sich, bevor sich alle wieder gen Bett machten. Wir saßen noch eine lange Weile zusammen und es war klar, morgen geht der Flieger. Und Stefan und ich waren froh, wenn der ganze Zirkus rum war. Es war nett, die anderen wieder getroffen zu haben, aber nach einem Abend hätte es auch gereicht. Uns beiden wurde mal wieder vor Augen geführt, welch Riesenglück wir hatten, dass wir beide nebeneinander platziert wurden und nicht einer der anderen.
Der Abschied war kurz und knapp und während die vier sich gen Narita aufmachten, räumten Laberbacke und ich die Zimmer wieder auf und ab ging es zur Einwanderungsbehörde. So über mir Ishiyama-san ehrlich gesagt schon war, so hilfreich war er. Denn nur durch seine Beziehungen konnten wir die erste sehr lange Schlange sofort überwinden und bei der zweiten verkürzte er die Wartezeit durch eine pfiffige Ausrede von drei auf zwei Stunden. Ohne ihn hätte die Verlängerung meines Visums mindestens einen ganzen Tag gedauert, eher noch länger.
Der Shinkansen brachte mich dann aber auf schnellem Wege nach Kagawa und endlich war ich wieder daheim. So schön Reisen sein kann, so anstrengend ist es auch. Als mich Yuko vom Bahnhof in Zentsuji abholte, wir einen kurzen Zwischenstopp in meiner Butze machten und uns anschließend für den nächsten Tag noch mal frei machten, wurde es endlich ruhiger. Sonntag ging die Arbeit wie gehabt wieder los und mit stundenlangem Salat- und Kohlpflanzen war der Einstieg gleich ein richtiger. Aber es gab auch die frohe Kunde, dass in den vergangenen knapp drei Wochen der Salat doch merklich weniger geworden und das häufige Ernten deutlich weniger geworden sei. Feine Sache, das.
Was bleibt: Ich bin zu Lande, zu Wasser und in der Luft durch Japan gezogen, habe dabei große und kleine Strecken zurückgelegt, habe viel gesehen, kam von der größten Stadt des Landes in die absolute Einöde und bin wieder zurück. Bin nach Kagawa zurück, während die anderen nach Deutschland zurück kehrten und damit das Praktikum endete. Jetzt kommen die wirklich allerletzten Tage in Zentsuji. Drei Wochen, wobei die allermeisten Abende schon zugepackt sind, in denen es Abschied nehmen gilt, bevor am 8. April der Flieger wieder nach Tokyo geht. Eine anstrengende und emotionale Zeit, aber das ist wohl Teil eines Auslandsjahres, vor allem, wenn man sich wohl gefühlt hat. Ich freue mich auf Deutschland, vor allem auf die Freunde, aber ich fürchte mich auch in einem gewissen Maße davor. Na, mal sehen. |
| wegen der Übersichtlichkeit geht es ab jetzt im 12. Teil des Tagebuchs weiter. |