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Liebe Freunde und Besucher, herzlich Willkommen im Tagebuch einer Japanreise - Teil 10 Auf diesen Seiten möchte ich Euch einen Eindruck von meinem Japanaufenthalt in Zentsuji vom 10. April 2006 bis 16. März 2007 vermitteln.
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2. Januar 2007 |
Im Nebel Stefan übernachtete also bei mir und so konnten wir uns endlich mal wieder über all das unterhalten, was in den wenigen Treffen von einer Stunde oder so immer ungesagt blieb. Der Morgen brachte ein ausgiebiges Frühstück und dann die Frage, was tun mit dem angebrochenen Tag. Wie immer stand das Rahmenprogramm fast schon fest – Berg rauf, rein ins Onsen. Nur welches dieses Mal? Das Wetter war gelinde gesagt unerfreulich, aber wenn wir immer nur auf Sonnenschein gewartet hätten, wäre manches Erlebnis an uns vorbei gegangen. Wir entschieden uns für eine vermeintlich unspektakuläre Tour, denn nach großer Reise war uns heute nicht. So kamen wir entgegen unserer üblichen Zeiten erst gegen 11 Uhr los und landeten mit dem Zug an einem Bahnhof, an dem pro Tag 4 Züge anhalten. Im fast absoluten Nichts des Hinterlands Kagawas, dort, wo mein Betrieb einige Flächen hat. Auf dem Weg zum Berg zeigte ich ihm diese auch und im leichten Nieselregen ging es flotten Schrittes voran. Unseren Berg konnten wir allenfalls vermuten, denn alles war in einer dicken, undurchdringlichen Nebelsuppe gefangen und der Blick reichte allenfalls gut hundert Meter weit. Es stand sogar schon die Diskussion im Raum, auf den Berg zu verzichten und statt dessen gleich ins Onsen zu gehen. Aber dies wurde schnell wieder verworfen. Ein Onsen will bekanntlich verdient sein. So ging es in den Berg. Oft sind unsere Wanderwege schmale Trampelpfade. Diese Strasse heute glich eher einer Autobahn (wenn uns in den vielen Stunden auch nur 2 Autos begegneten). Aber in Anbetracht der Tatsache, dass alles nass war, war das Laufen auf Asphalt gar nicht so schlecht. Von unten meinten wir noch im dichten Nebel ein Schreintor auf dem Berg gesehen zu haben und dieser Schrein auf der Bergspitze sollte auch unser Ziel sein. Aber wer weiß schon immer so genau, wohin einen die japanischen Strassen führen. Diese jedenfalls war nicht bemüht, auf direktem Weg nach oben zu kommen. Kehren, Schleifen, Kurven, noch mehr Kurven, noch mal rum um einen Bergrücken ... es wurde immer länger. Der Nieselregen, mal mehr, mal weniger stark durchnässte ganz langsam aber sicher die Schuhe und Klamotten. Und doch hatten wir eine schöne Reise. Der Wald um uns rum war durchzogen von Nebelschwaden, im Tal rauschte irgendwo Wasser, manches Baumgerippe erschien im Zwielicht beinah wie ein Geist und wir fröhlich grinsend und uns trefflich unterhaltend oder schweigend im Einklang marschierend mittendrin. Zwischendurch überkam Stefan der Übermut und der am Straßenrande stehende Strommast musste unbedingt auf seine Klettertauglichkeit überprüft werden. Ich schaute mir das Spektakel durch die Linse an und hinterher gab es einiges zu lachen. Endlich weit oben angekommen, erreichten wir ein Camp. So wie es aussah, war das früher mal ein Freizeitcamp. Aber auch in Japan stehen mittlerweile andere Ferienziele als alte Hütten mit Lagerfeuer im Wald an und so erschien die ganze Anlage ziemlich trostlos. Zumal der Nebel alles umhüllte. Der Weg führte jetzt doch noch ein wenig durchs Gestrüpp, bevor er wieder auf einen befestigten Weg traf. Wir wussten, dass wir fast oben auf den knapp 580 Höhenmetern angelangt waren, aber sehen war wegen den vielen Bäumen nicht. Doch plötzlich, wie aus heiterem Himmel öffnete sich links von uns die Baumreihe und schenkte uns einen Blick, der uns augenblicklich verstummen und voller innerer Bewegung stehen lies. Vor uns tat sich sein Nebelmeer auf. Wir standen über den Wolken, blickten auf eine dichte Masse aus Wolken und Nebel unter uns und im Nebel schwebten, scheinbar schwerelos, ein paar Bergspitzen wie Inseln im Meer. Dieser Anblick kam so völlig überraschend und unerwartet, war so voll unbeschreiblicher Schönheit und zudem in völliger Stille und Abgeschiedenheit aufgetaucht, dass wir uns nur kurz anschauen mussten, um beiderseitig zu erkennen, was uns dieser Anblick jeweils bedeutete. Dieser Ausblick lies uns nicht mehr los und wir rannten fast die letzten Meter bis zu einer Aussichtsplattform. Dort wurde uns ein Rundumblick geschenkt, der fantastischer nicht sein kann. Das Nebelmeer erschien immer noch fest und unbeweglich und der Blick von ganz links bis ganz rechts war nur endlose weiße Weite mit ein paar Berginseln darin. Ich kann die Eindrücke und Gefühle, die mich bei diesem Anblick überkamen, nicht in Worte fassen. Es war einfach tief bewegend und wir freuten uns aber auch, wie die kleinen Kinder, dies erleben zu dürfen. Denn uns wurde auch schnell klar, dass wir zum absolut richtigen Zeitpunkt ankamen. 10 Minuten früher oder vor allem 10 Minuten später und der Anblick wäre uns in dieser Schönheit nicht vergönnt gewesen. Denn er veränderte sein Aussehen doch recht schnell, die vorher klar zu erkennenden Bergspitzen wurden wieder hinter Nebelschwaden umhüllt und die klare Aussicht zog sich etwas zu. So glücklich von der Schönheit Kagawas und überhaupt des Lebens berührt, erklommen wir noch den Rest des Berges und betraten einen Shintoschrein knapp unterhalb der Bergspitze. Der Nebel stieg wieder auf und drückte so langsam, aber unerbittlich in die Wälder. Der Schrein veränderte in dem Dunstlicht so nach und nach sein Aussehen, wurde immer unwirklicher, die Bäume glichen immer mehr vielarmigen Geistergestalten und selbst das Schreintor, sonst eine feste, klar zu erkennende Form, schien zu verschwimmen.
So ging der Fußmarsch wieder zurück in die Welt Richtung Onsen. Denn nach dem nasskalten Wetter und dem langen Marsch ließ allein der Klang des Wortes die Schritte leichter werden. Nichtsdestotrotz waren noch ein paar Kilometer zu laufen, es begann schon langsam zu dämmern und dann schlug das Schicksal noch mal in Form eines japanischen Wegweisers zu. Wie bereits auf Shodoshima die leidige Erfahrung gemacht, zeigen japanische Wegweiser zwar schon in die richtige Richtung, aber die Entfernungsangabe, die drauf steht, stimmt unter Garantie nicht. 300 m sollten es bis zum Onsen noch sein. Das konnte nicht stimmen und schlag genau auf 1.000 Schritt (die bei Stefan und mir nicht viel kürzer als einen Meter sind), kamen wir dann auch an. Aber der Weg soll ja das Ziel sein ... Dieses Onsen selbst ist an sich nichts umwerfendes, aber nach dem Tag war es einfach ein Genuss. Als wir nach einer guten Stunde wieder draußen waren, stellte sich aber doch die Frage nach dem Nachhausekommen. Bis zum Bahnhof waren es noch mal rund 4 km laufen und da an dem Bahnhof nur 4 Züge pro Tag fahren, war der letzte bestimmt schon weg. Als dekadente Praktikanten, die wir nun mal sind, orderten wir ganz weltmännisch ein Taxi und ließen uns kackfrech bis Zentsuji an den Bahnhof bringen. Das kostete zwar ein kleines Vermögen, aber uns war partout nicht mehr nach Laufen oder auf einen Zug warten.
In Zentsuji angekommen, plagte uns der Hunger und das Gefühl, mal keinen Reis essen zu wollen. Was lag also näher, als selbst den Kochlöffel zu schwingen? Welchen Genuss man haben kann, wenn man nach langer Zeit mal wieder Rahmgeschnetzeltes mit Spätzle isst, mag sich jeder selber vorstellen. Von der riesen Menge, die eigentlich noch für den nächsten Tag gedacht war, blieb nichts über.
Das einzige, was mir an diesem Tag auf den Keks ging, war, dass meine Kamera anfing, ganz komische Geräusche zu machen und ich sie tags darauf zur Reparatur bringen musste – vier Wochen ohne Kamera ist für mich hier sehr schwer auszuhalten ... |
| 4.Januar 2007 |
Was für eine Nacht Zu wenig Schlaf, die Gedanken eh schon irgendwo im Nichts, den Vollmond im Gesicht und als ob das alles nicht ausreichen würde, einem den Schlaf zu rauben, veranstalteten die Mäuse oder Ratten über mir einen solchen Rabatz, dass ich im Glauben, es sei sechs Uhr aufstand, Wäsche machte, den Rechner einschaltete und dann erst auf die Uhr sah. Drei Uhr Morgens .... mal sehen, was der Tag sonst noch so bringt. |
| 7. Januar 2007 |
Neujahrsturnier in Takamatsu oder Reservierungen haben auch Nachteile Wie es sich gehört, wird das neue Kyudojahr mit einem Turnier eingeleitet. Nach einer viel zu kurzen Nacht holte mich mein Mentor Iwane-san in Zentsuji ab und brachte uns nach Takamatsu. Dorthin, wo meine erste Prüfung in einem Leben lang vor dieser Zeit stattfand. Kalt war es, der Wind pfiff kräftig um die Häuser und zu allem Glück nieselte es fein vom Himmel runter. Wer nun ein Kyudojo kennt, der weiß, dass man zwar unter Dach steht, aber eine Seite offen ist. Da steht man dann also an der shai, in Röckchen und Hemdchen und versucht, nicht an Kälte, Wind und Wetter zu denken. Jeder hatte sich mit verschiedensten Lagen Klamotten unter dem Hakama ausgerüstet, aber kalt bleibt kalt, egal was man anhat. Beim Blick auf die Starterliste blieb mir aber nicht nur wegen dem Wetter die Luft weg. Dass ich die o-mei-Position, d.h. erster in der Gruppe, reserviert habe, wundert mich ja schon fast nicht mehr. Vergangene Prüfungen und Turniere machen einen auf vieles gefasst. Aber wer auf die Idee kam, mir die Startnummer 1 aufs Auge zu drücken, ist mir schleierhaft. Sonst hatte ich ja immer noch die Chance, vorangegangene Starter zu beobachten, doch was sollte heute werden? Zuvor waren aber die Eröffnungszeremonien angesagt. Warum drei Zeremonien und nicht wie üblich nur eine geschossen wurde, weiß ich nicht, aber nach der zweiten musste ich mich glücklicherweise für die erste Runde Turnier fertig machen. Glücklicherweise, denn mir waren mittlerweile fast die Beine abgestorben. Denn als Zuschauer saßen wir dicht gedrängt in der kamiza, natürlich im seiza, d.h. im Kniesitz und schauten zu. Ich gehe davon aus, dass die ersten beiden Zeremonien zusammengenommen locker 20 Minuten dauerten. Wer schon mal solange unbeweglich im Kniesitz gesessen hat, weiß, was ich meine. Wie die anderen auch die dritte Zeremonie überlebten, ist mir schleierhaft. Aber immerhin stehen selbst Japaner nach einer so langen Zeit im seiza nicht elegant und leichtfüßig auf ...
Das Turnier selbst lassen wir mal brav dem Vergessen anheim fallen. Zwischendurch, auf dem Weg in die Mittagspause, boxte mich auf einmal jemand von hinten in die Seite und Sakai-sensei fragte vorwurfsvoll, warum ich mich denn nicht mehr anstrengen würde. Aber bei der Kälte war an einen sauberen Schießstil nicht zu denken und mit zu wenig Schlaf im Kopf geht auch nicht mehr. Es war nur beruhigend, dass es anderen auch nicht besser ging. |
| 11. Januar 2007 |
Stinkwut auf British Airways Warum, das kann sich wohl jeder denken. Ich muss mich grad richtig beherrschen, um nicht mein ganzes Repertoire (das ziemlich groß sein kann) an Schimpfwörtern und Verfluchungen für diese unkooperativen, arroganten Dachlatten auszupacken. „Ihr Anliegen wurde nochmals von der Direktion Frankfurt geprüft. Leider muss ich Ihnen aber eine Absage erteilen. Ihr Flugticket beendet seine Gültigkeit zum 9. April 2007.“ Als ob ich am 9. April nach Hause fliegen wollte, wenn da erst das Seminar in Tokyo beginnt. Es will einfach nicht in meinen Kopf, warum man das Ticket nicht um eine Woche bis zum 16. April verlängern kann. Mir kann keiner erzählen, dass das nicht geht, wenn man nur will. Zudem ist das Ticket bereits bezahlt!! So stehe ich jetzt also hier, ohne Rückflug und wenn ich es mir richtig überlege, auch noch ohne Visa, aber dafür mit der Anmeldung und der lauten Vorankündigung, an dem Seminar in Tokyo teilzunehmen. Wenn sich die japanische Einwanderungsbehörde quer stellt, wenn ich bei meiner Visaverlängerung kein gültiges Rückflugticket in der Hand habe, dann Gute Nacht. Ich will gar nicht weiterdenken, was da noch auf mich zukommen kann. Es ist ja alles schon organisiert... Und das alles wegen dieser bescheuerten Fluggesellschaft. Hiermit fordere ich daher alle Leser, deren Familien, Freunde und Bekannte auf, ab sofort bei Flugreisen auf British Airways zu verzichten. Der Service liegt irgendwo auf Untertischniveau und der Hickhack bei der Abfertigung in London kann man sich ebenfalls ersparen.
Ich bin schwer am überlegen, ob ich noch einen dritten Brief hinterher schreiben soll: „Wenn demnächst hoffentlich Ihre Hütte abgebrannt ist, habe ich eine Hilfe zwar nochmals geprüft, musste Ihnen aber leider eine Absage erteilen.“
Nebenbei habe ich neulich mal nach one-way-Flügen von Japan nach Deutschland im April gesucht – der günstigste lag irgendwo bei 2.000 € !!!!!! |
| 14. Januar 2007 |
Neue Bekanntschaften – Neue Wege Wenn man eines im Ausland lernt, so ist es meiner Meinung nach, offen zu sein für neue Einflüsse, neue Bekanntschaften und den vielfältigen Dingen, die sich aus diesen Begegnungen ergeben. Das bringt einen manches Mal in Zugzwang, in Zeitnöte und nötigt einem dann eine Reaktion auf, die man vielleicht so nicht machen wollte. Andererseits öffnen sich dadurch ganze Welten mit völlig neuen Horizonten, vielfältige neue Wege tun sich auf und das Leben wird noch eine Spur spannender und bunter.
Diesen Sonntag war ich in Tokushima verabredet. Tokushima-ken ist die Nachbarpräfektur zu Kagawa in Richtung Osten und von den Besuchen in Naruto („Lager Bando“), dem traumhaften Onsen in Iya und dem Neujahrswechsel abgesehen, ist diese Präfektur fast ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Doch Tokushima hat neben einer atemberaubenden Landschaft auch eine Tradition zu bieten, die von der japanischen Regierung als erhaltens- und schützenswert eingestuft wurde – aizome 藍染 oder das Färben mit Indigo. Diese Tradition galt es also zu entdecken. Dafür war ich mir nicht zu schade, den Wahnsinn zu begehen, an meinem freien Tag morgens um sechs Uhr aufzustehen und mit einer Bimmelbahn nach Tokushima zu fahren. Allerdings war dieser Wahnsinn selbst gewählt, denn ich wollte den Sonnenaufgang in den Bergen erleben und die Fahrt entlang des Yoshinogawa, einem großen Fluß, der Shikoku beinah von West nach Ost durchfließt, schlicht genießen. Kalt ist es hier morgens. Alles ist von einem feinen Raureif bedeckt, der Himmel ist sternenklar und wolkenlos und obwohl der Sonntag hier nicht gerade heilig ist, war doch morgens um sieben noch eine Stille und Ruhe, die zusammen mit der Morgendämmerung über den Bergspitzen eine grandiose Landschaft schuf. So ganz klar, wo ich umsteigen muss, war mir mal wieder nicht, denn ich hatte vergessen, mir die Station aufzuschreiben, nur das Kanji war mir noch grob in Erinnerung. Doch so was schreckt mich mittlerweile kaum noch. Per Wörterbuch und Handy kam ich auf den Namen der Station und als die kam, überkam mich das Gefühl, hier ist gar nichts. So was von fernab irgendwo in der Pampa shikokuianischer Berge mit ein paar Häusern und das war’s. Meine einzige Hoffnung bestand darin, dass der Zugfahrplan nicht so alt sei, wie er aussah. War er nicht und so ging die Fahrt weiter nach Tokushima. Was soll man dazu schreiben, wenn man früh morgens im Zug sitzt, auf einen mächtigen, in einem breiten Tal langsam dahin fließenden Fluss schaut, links und rechts die Berge ansteigen, die gegenüberliegenden Bergspitzen nach und nach im Sonnenlicht erglühen und das schräg einfallende Licht traumhafte, beinah unwirkliche Momente zaubert, die so wie sie sind, einzigartig sind und ein Gefühl von Friede und Stimmigkeit hinterlassen? Mir stellte sich nur die Frage, womit ich es verdient habe, solch eine Schönheit erleben zu dürfen. Das ganze wäre vielleicht noch traumhafter gewesen, wenn die Fensterscheiben vom Zug nicht ganz so dreckig gewesen wären. Als langjährig allein lebender Mann weiß ich wohl, wie dreckige Fensterscheiben aussehen. Aber diese Zugscheiben toppten meinen schlimmsten Zustand bei weitem. Aber was soll’s – da schaut man einfach drüber weg, bzw. hindurch, was, am Rande erwähnt, ein ganz typisch japanischer Wesenszug ist.
Yuko holte mich also am Bahnhof ab, zeigte mir den Teil ihrer Uni, bevor wir gegen halb zwölf mit einer Freundin von ihr verabredet waren. Mittagessenszeit. Aber wie. Die beiden brachten uns zu einem Lokal, das früher eine Sakebrauerei war. Etwas im Hinterhof gelegen, verwinkelt, ganz viel altes Holz außen und innen, die Aufteilung im Inneren so, dass man nie das Gefühl hatte, in einem großen Raum zu sitzen. Einfach eine schöne Atmosphäre. Und lecker Essen. Dabei lockere Gespräche, wobei das Thema „Sprache“ vorherrschend war. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie viele Sprachen hier mit am Tisch saßen. Japanisch, Deutsch, Englisch, Koreanisch, Chinesisch. Dazu noch ein paar Brocken Thai und Französisch und fertig war Babylon. Neben dem Restaurant gibt es einen kleinen Laden, der allerhand Sachen rund um dieses süffige Getränk verkauft. Als ich den Laden betrat, rannte ich geradezu in eine Duftwolke, wie sie bekannter nicht sein könnte – der Duft nach Maische. Dieser unverkennbare Duft nach Vergorenem, nach einem leichten Alkoholgehalt und damit die Erinnerungen an zuhause. In dem Laden stand dann auch folgerichtig ein Edelstahltank, aus dem es fröhlich tröpfelte und daneben alte Gerätschaften, mit denen früher wohl gebraut wurde. Wie gerne hätte ich da Flasche für Flasche probieren wollen, in ein angeregtes Gespräch vertieft, dazu den einen oder anderen kleinen Happen essen, um so nach und nach die verschiedenen Geschmäcker des Sake zu erkunden. Aber erstens war immer noch Mittagszeit und zweitens war ich in Damenbegleitung und so blieb es bei leuchtenden Augen und einer schönen Erinnerung.
Auf der Fahrt nach Aizumi-cho, einer Gegend außerhalb Tokushimas, in deren Namen man unschwer schon aizome erkennen kann, kamen wir an unendlich vielen und langen Folientunneln vorbei. Etwa mannshoch und überall schien das gleiche angebaut zu werden. Ich konnte mir gar keinen Reim darauf machen, aber die Folientunnel standen hektarweise in der Gegend rum und glänzten im Sonnenlicht. In Aizumi-cho gibt es ein Museum, das sich mit der Geschichte der Indigotradition Tokushimas beschäftigt. Ai 藍 heißt übrigens Indigo und zome 染めFärben. Die Indigofärber Tokushimas dürften auf die Deutschen kaum gut zu sprechen sein, denn gleich dem Färberwaid, mit dem früher in Deutschland blau gemacht wurde, kam auch die Indigofärbertradition in Tokushima (und dem Rest der Welt) nahezu zum erliegen, als die Badische Anilin- und Sodafabrik eine Methode erfand, blau zu färben, so dass man den ganzen Aufwand mit Aussaat, Ernte, Aufbereitung der Pflanzen und so weiter und so fort nicht mehr brauchte. Aber etwas hat sich erhalten und so ging es mit einem weißen Tuch zum Färben. Wenige Leute waren anwesend und daher hatte der Fremdenführer viel Zeit, sich um uns zu kümmern. Wir nahmen uns dann auch alle Zeit der Welt, schauten uns in Ruhe um, banden uns nette Schürzen um und erhielten eine Einführung. Wer schon mal gebatikt hat, weiß im Grunde, was passiert. Man nimmt ein weißes Tuch, zerknüllt es so, wie man meint, dass hinterher ein schönes Muster auf dem Tuch sein könnte und tunkt es anschließend in die Färbebrühe. Man sagt, das Muster, das hinterher zu erkennen ist, zeigt den Charakter des Färbers. Das führte zu einigen Überlegungen, welches Muster man oder frau denn hätte können haben wollen. Wirklich wissen, was rauskommt, tut man nämlich nicht.
So standen wir also in einer Kammer im Halbdunkel vor einem Holztrog und hielten das Tuch in die grüne Brühe. 40 Sekunden pro Färbevorgang sollten es sein und zählen war angesagt. Keine Ahnung, wer auf die Idee kam, aber beim ersten Mal wurde auf Japanisch, beim zweiten Mal auf Deutsch, beim dritten Mal auf Koreanisch, beim vierten Mal auf Chinesisch und beim fünften Mal wieder auf Deutsch gezählt. Babylon eben. Von den anderen Sprachen habe ich keine Ahnung, aber wer mal ein bisschen schmunzeln will, der bitte einen Japaner „dreiunddreißig“ zu sagen. Der Fremdenführer, ein Mann so um die sechzig, schaute uns fröhlich grinsend zu und gab sich alle Mühe mit uns. Faszinierend wurde es, als es daran ging, aus dem grünen Tuch ein blaues zu machen. Von der Chemie, die hinter diesem Färbevorgang steckt, habe ich keine Ahnung, aber ich weiß, dass es irgendwas mit Oxidation zu tun hat. Jedenfalls nahmen wir das grüne Tuch und hielten es unter laufendes kaltes Wasser. Dort, wo das Wasser über das Tuch floss, wurde Grün zu Blau, was allgemeines Erstaunen hervorrief. Die nunmehr blauen Tücher wurden anschließend ordentlich trocken gebügelt und wir ergingen uns im wilden Raten, was für einen Charakter uns unsere Tücher denn nun zeigen würden. Egal wie, so ganz schlecht kann mein Charakter nicht sein, denn ich bin mit meinem Ergebnis im großen und ganzen zufrieden.
Das Museum befindet sich in einem alten Anwesen, das vor langer Zeit einer Familie gehörte, die mit Indigo handelte. Das Haus ist riesig und es lässt erahnen, wie einträglich das Geschäft mit Indigo einst gewesen sein muss. Heute ist es dort sehr ruhig und wir wandelten fröhlich von Raum zu Raum, um zuletzt im ehemaligen Gästezimmer eine Pause einzulegen.
Mittlerweile war die Sonne beinah untergegangen und Yukos Freundin musste wieder zurück. Die Rückfahrt entlang des Yoshinogawa, der hier, kurz vor der Mündung ins Meer mal locker 200 m breit ist, war schlicht schön und ich genoss es, dass die beiden Damen vorne saßen und ich hinten in Ruhe die Aussicht genießen konnte.
Irgendwie kam mit dem Abschied der Freundin ein Wechsel. Und zwar ein Wechsel der Sprache. Wir hatten uns den ganzen Tag nur auf Japanisch unterhalten, natürlich mit dem einen oder anderen Wort und einer Erklärung auf Englisch, aber Japanisch war die vorherrschende Sprache. Kaum waren Yuko und ich alleine, verfielen wir automatisch ins Englische. Warum, ist mir schleierhaft, aber es war so. Wobei mir Englisch schon noch wesentlich leichter fällt, als Japanisch ... Den restlichen Abend verbrachten wir mit einem Spaziergang im Yachthafen und leckerem Abendessen. Das erste Mal, dass ich hier in Japan in einem italienischen Restaurant war, in dem es geschmeckt hat. Denn bei aller Begeisterung für japanisches Essen, Pizza machen können sie einfach nicht. Punkt. Dass der Abend dann noch fast damit geendet hätte, dass ich in Tokushima unter einer Brücke übernachten musste und wie ich letztendlich doch noch in Zentsuji gelandet bin, kann an anderer Stelle mal berichtet werden. Ein an erinnerungswürdigen Ereignissen nicht armer Tag, soviel steht mal wieder fest. |
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Es gibt wieder neue Bilder. |
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Sternzeichen vs. Blutgruppe Der Charakter eines Menschen wird von vielfältigern Einflüssen geprägt. Nicht unerheblich, so glaubt zumindest ein Teil der Menschheit vor allem in Deutschland, hat das Sternzeichen, in dem man geboren wurde, charakterbildende Eigenschaften. Ähnlich verhält es sich mit den chinesischen Tierkreiszeichen. Zwölfe gibt es davon, dieses Jahr sind wir im Jahr des Wildschweins. Die Japaner haben noch eine andere Eigenschaft entdeckt, die den Charakter eines Menschen treffend beschreibt – seine Blutgruppe.
Angeblich soll es gerade unter pubertierenden Jugendlichen und überhaupt unter jungen Menschen, die für die Liebe empfänglich sind, sehr beliebt sein, sich über die Blutgruppe zu unterhalten. Kann man so doch recht schnell herausfinden, ob der/die Gegenüber zu einem passt oder nicht. Oder Ratespiele, wer welcher Gruppe zugehörig sein könnte. Zudem ist damit der Einstieg in ein Gespräch schnell gemacht. Und wenn sich hinterher herausstellen sollte, dass mir zwar nicht die Blutgruppe meiner Gegenüber, aber dafür deren Charakter gefällt, ist das vielleicht auch nicht mehr so schlimm. Dass man sich darüber in Japan unterhält, wusste ich schon, nur ist mir meine Blutgruppe nicht geläufig. Manches Mal erntete ich dafür erstaunte, beinah ungläubige Blicke, aber mal ehrlich, wenn sie nicht gleich alles wissen, hat das auch seine Vorteile. So geht man vorurteilsfreier an jemanden ran.
Alldieweil, es existieren die Gruppen A, B, 0 und AB. Oder aber die Bezeichnungen „Kichomen“ für A, „Wagamama“ für B, „Ozappa“ oder „Yujiyuhudan“ für 0 und „Happobijin“ für AB.
Der Kichomen-Typ soll methodisch, ordentlich, pünktlich, penibel, reinlich usw. usf. sein. Also ein sehr aufgeräumter Mensch, aber manchmal vielleicht etwas zu steif und farblos. Der Wagamama-Typ ist eine eigenwillige Type. Er wird auch „henjin“ gerufen, was man als Kauz oder Sonderling übersetzen kann. Er soll egoistisch und selbstsüchtig sein, kümmert sich wenig um andere Leute, will sein Ding alleine durchziehen und gilt nicht gerade als das Sozialmodell schlechthin. Japanische Mädels mögen keine B-Männer. Gruppe 0 wird aufgeteilt. Ozaapa-Typen gelten als rau, unordentlich, wenig zielstrebig und kümmern sich eher wenig um das drumrum. Sind mit den Gedanken oft woanders. Yujiyuhudan-Menschen dagegen sollen schwankend im Gemüt und absolut nicht entscheidungsfreudig sein. Allerdings gelten 0-Menschen als sehr kontaktfreudig, die gut in der Lage sind, Menschen zueinander zu bringen und Harmonie in einer Gruppe zu erhalten. AB-Menschen oder der Happobijin kann als „Allerweltsfreund“ bezeichnet werden, was allerdings keine besonders gute Bedeutung hat. Jemand, der zwar zu allen Seiten hin ein gutes Gesicht macht, bei dem man aber nie weiß, was er denkt und wie die wahren Gefühle sind. Wenig vertrauenswürdig. Die meisten Japaner sollen A-Typen sein und in welche Blutgruppe mich die Dame stecken wollte, die mir das alles erzählte, darf sich jeder selbst überlegen.
Unter japanischen Jungs soll es eine Abstufung geben, wonach sie die Schönheit eines Mädels in die Gruppen A, B, 0 und AB einteilen. Das hat nun gar nichts mit der Blutgruppe zu tun, aber es ist einfach wesentlich unverfänglicher, wenn man zu der Dame „Du scheinst mir ein AB-Typ zu sein“ sagt, als „ich finde Dich eigentlich gar nicht hübsch“. Diese Rangfolge geht dann von A = „sehr schön“ zu B = „hübsch“ über 0 = „geht grad noch so“ bis AB = „geht ja gar nicht“. |
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| 19. Januar 2007 |
Das Ende Das Ende kommt näher – das Ende meiner Zeit hier in Japan und es ist ein ganz komisches Gefühl. Gestern brachte mir okaasan die Einladung zur Abschiedsfeier der Präfektur am 7. Februar in Takamatsu. Allenortens wird darüber geredet, wann man denn jetzt fährt, dass man sich unbedingt noch mal zum Essen treffen sollte, dass wir dich auf jeden Fall in Deutschland besuchen kommen und so weiter und so fort. Dann stehen zusätzlich solche Dinge wie Urlaubsplanung für die ersten Märzwochen an, Überlegungen, was schickt man am besten wie und wann wohin, dann natürlich auch Gedanken, was die Zukunft wohl bringen mag. Und zwischen alledem die Arbeit, die manchmal einfach nur noch nervig ist, weil man meint, besseres mit seiner Zeit tun zu können. Vor allem, wenn man so wie gestern rund 6 Stunden Salat geerntet hat. Es gibt mittlerweile Freunde, die man gerne öfter als nur alle zwei Wochen kurz sehen möchte. Kagawa hat noch ein paar Ecken, die sicher sehr sehenswert wären oder man will einfach die bekannten Ecken noch mal ablaufen, ein paar Erinnerungsfotos schießen. Schließlich wollen auch noch Gastgeschenke gekauft werden. Doch weil das alles noch nicht reicht, fehlt ja immer noch das Rückflugticket. Also alles irgendwie gar nicht so schön.
Auf der anderen Seite zeigen diese vielen Aufgaben, dass man sich hier schon eingelebt hat und nicht ständig auf gepackten Koffern sitzt und man sofort weg will. Nicht selten drehen sich die Gedanken darum, wie es denn wäre, noch ein Jahr hier zu bleiben. Land und Leute richtig kennen zu lernen, die Sprache vernünftig sprechen zu können, sich mit den Dingen beschäftigen, die man schätzen gelernt hat und nicht nur die, die einem „aufs Auge gedrückt werden“. Ein Jahr ist lang, aber es reicht gerade mal, um einen kleinen Einblick in ein Land zu gewinnen. Es ist viel zu kurz, um sich mit den Feinheiten zu beschäftigen, mit den kleinen Dingen, die ein Land erst wirklich ausmachen.
Was hier gerade geschieht, ist ein Abschied auf Raten und das ist total Banane. Jeden Tag wird einem etwas lieb gewonnenes ein kleines Stückchen entrissen, obwohl man noch mitten im Geschehen steht. Bei aller Schönheit, die um einen herum ist, ist die Grundstimmung doch eher melancholisch.
Damals, als ich vor unendlich langer, fast vergessener Zeit aus Deutschland ging, was das alles halb so schlimm, denn es war klar, du gehst nur für ein Jahr weg und bist dann wieder hier. Also nur ein etwas längeres Nichtsehen. Hier ist es endgültig. Vielleicht komme ich noch mal hierher, aber wenn, dann nur als Besucher für kurze Zeit. Ich mag keine Abschiede und schon gar keine, die sich so lange hinziehen. Dass jedes Ende ein Neuanfang ist, muss mir jetzt keiner sagen, dass weiß ich selber, aber so ... ?
Sicher ist nur eines, die nächsten Wochen bis Ende Februar werden noch mal richtig stressig. Es gilt vieles zu tun, Verpflichtungen einzulösen, Menschen zu treffen, Orte zu besuchen und zwischen alledem sich selbst nicht zu vergessen.
Kreise beginnen sich zu schließen. Wo vorher eine Wellcomeparty war, gibt es jetzt eine Abschiedsparty, wo vorher das erste Turnier war, kommt bald das letzte und als ich ganz zu Anfang dieses Tagebuchs gefragt habe, warum man Menschen erst so richtig kennen lernt, wenn eh schon alles vorbei ist, kann ich heute dieselbe Frage wieder stellen.
Und doch, bevor hier jetzt alles wie das Wetter im Moment im gefühlsmäßigen Grau in Grau und der Melancholie versinkt, wollen wir versuchen, die letzten Tage noch mal in vollen Zügen zu genießen, die Erlebnisse für immer in Kopf und Herz zu bewahren und erkennen, für was dieses Jahr hier gut war. Was kommt, das kommt und wenn es anders kommt, als angedacht, dann kommt es eben anders. |
| 20. Januar 2007 |
Angemeldet Beim Neujahrsturnier kam Sakai-sensei und hielt mir die Beschreibung eines Seminars über die Kultur in den japanischen Budosportarten unter die Nase. Ob ich da denn nicht daran teilnehmen wolle. Das Seminar ist speziell für Ausländer aller Budosportarten, die mindestens den 1. Dan erreicht haben und in Japan leben. Das Seminar findet vom 2. bis 5. März in Chiba-ken statt, einer Nachbarpräfektur von Tokyo. März ist der Monat, in dem wir die ersten beiden Wochen auf eigene Faust durch die Lande reisen dürfen und sollen. Schon vor langem habe ich mit Stefan ausgemacht, dass wir uns Kyushu ansehen wollen. Aber da er die ersten Märztage nach Okinawa will (würde ich ebenfalls gerne, aber wenn ich im April nach Tokyo will, reicht dafür das Geld dann doch nicht), passt es mir gut rein, dass das Seminar Anfang März ist. So treffen wir uns am 6. oder 7. März irgendwo auf Kyushu. Das einzige Problem an der Geschichte ist die Entfernung zwischen Chiba-ken und Kyushu. Chiba liegt genau entgegengesetzt zu Kyushu, Luftlinie rund 400 km von Kagawa entfernt. Kyushu liegt entfernungsmäßig gleich weit weg. Mal sehen, wie ich das logistisch und finanziell geregelt bekomme, aber es gibt die günstige Möglichkeit, von Tokyo (Yokohama) nach Kyushu mit dem Schiff zu fahren. Fahrtzeit rund 22 Stunden ... aber dafür günstig. Außerdem muss ich dann noch Bogen und Pfeile nach Zentsuji schicken, die schleppe ich sicher nicht eine Woche durch Kyushu. Mal schauen. Jedenfalls habe ich mich gestern für Chiba angemeldet. |
| 21. Januar 2007 |
Eine verregnete Dreißig Irgendwann erleidet jeder, der nicht vorher die Kurve kratzt, das Schicksal, eine 3 vor seine Jahreszahlen schreiben zu müssen. Meinereiner ist mit diesem Tag ebenfalls in den Club der Dreißiger eingestiegen. Viel hatte ich davon gehört und nicht immer war es nur angenehmes, wie es denn sei, wenn man seinen 30. Geburtstag feiert. Von Melancholie war die Rede, von einer Abrechnung mit dem bisherigen Leben und was weiß ich. Dass es anders wird, wenn man 30 wird, habe ich in den letzten Wochen zur Genüge erfahren, denn man denkt doch so über einiges nach und versucht, das eine mit dem anderen auf die Reihe und in Einklang zu bringen. Wilde Gedankensprünge rasen durch Hirn, Herz und Magen und hinterlassen allerhand Chaos und Ungereimtheiten. Aber auch interessante Ideen und Einfälle kommen dazu.
Doch was macht man, wenn man fernab am Ende der Welt sitzt und diesen seinen Geburtstag auf sich zukommen sieht? Möglichst wenig, denn planen kann man hier eh vergessen. So war mein Wunsch schlicht, den Tag mit Freunden und in Ruhe zu verbringen. Was fast geklappt hätte. Als Freunde wollten Stefan, Yukiko und Yuko mitkommen. Reiseziel – irgendwo in die Berge Tokushimas (Iya), da, wo es neben der „großen“ kasurabashi noch eine kleine, weniger bekannte geben sollte. Yuko wusste darum. Wie man dann im Supermarkt am Vorabend ins Diskutieren kommt, weil man gerne Obento für den nächsten Tag zubereiten will, aber jeder meint, der andere wird sich schon darum gekümmert haben, was man essen will, ist eine Sache für sich und der richtige Einklang für einen erfolgreichen Tag ... vor allem, wenn man hinterher nicht mal die Zeit hat, die Sachen ordentlich zu verstauen, weil alle schon wieder weg müssen. Die Nacht war trotzdem viel zu kurz, meinte Stefan doch noch, vorbeikommen zu müssen, aber bis zwölf bleiben wollte doch nicht. Es wollte mich schon die Melancholie um 23.45 Uhr überkommen, aber zum Glück war der Schlaf schneller und so ging es dem Morgen entgegen. Der wiederum damit anfing, dass ich den Reis zu weich kochte, Eier schon vor dem Kochen zerbröselte und von wegen um 7 Uhr fangen wir mit Obentokochen an – Yuko kam zu spät. Was uns aber trotzdem nicht davon abhielt, bis kurz vor Schluss in Ruhe vorzubereiten, zu kochen und zu schnippeln um dann die letzten Minuten im Totalstress alles in die Schalen zu packen und abzuzischen. Yukiko und Stefan abgeholt und ab gen Iya. Das Wetter zog sich so langsam zu, regnen wollte es aber noch nicht. Die Fahrt von der Kasurabashi zur Nijuu-kasurabashi war abenteuerlich hoch drei. Strassen, die man in Deutschland nicht mal als Feldwege zulassen würde, Schlaglöcher, Baustellen, eng, dass gerade mal ein Auto im Idealfall durchpasst, Steinschlaggefahr von links, tiefes Flusstal rechts, total unüberschaubar und natürlich mit Gegenverkehr. Und das 26 km lang in einer Bergwelt, die so abgeschieden vom Rest der Welt scheint, dass man sich wundert, dass die schon Strom haben. Eines kann man der Nijuu-kasurabashi lassen – ruhig ist der Platz, an der sie steht. Ein kleines Flusstal, voll mit großen und kleinen Steinen, hier und da ein kleiner Wasserfall und darüber zwei Brücken im Stile der großen Kasurabashi. Ursprünglich wohl nur aus Naturmaterialien gebaut, ist sie heute mit Stahlseilen zusätzlich gesichert. Ansonsten würde sich da keiner rübertrauen. Selbst so ist das schon eine wacklige und nicht sehr sichere Angelegenheit, aber macht in jedem Fall einen Heidenspaß. Kalt war es mittlerweile geworden, auf den Bergspitzen lag der Schnee und selbst hier unten am Fluss konnte man ab und zu noch einen Schneeball bauen. Wir ließen es uns natürlich nicht entgehen, auf den Steinen im Fluss herumzutollen und wer irgendwann mal dahin kommen sollte, der wird nachvollziehen können, wenn ich sage, wie unvergleichlich schön es dort ist, zumal weil außer uns so gut wie keine Menschen dort und um uns rum nur Wasser, Berge, Wälder und Steine waren. Hier sollte selbstverständlich auch das Mittagessen verzehrt werden. Wir holten unser Obento aus dem Auto und zurück ging es zum Fluss. Dass Stefan was vor hatte, hatte ich schon bemerkt, denn die Kühlbox schleppt er für gewöhnlich nicht mit sich rum. Daher wurde ich erst mal wieder an den Fluss zurückgeschickt, während die anderen drei oben vorbereiten wollten. Mitten im Fluss ließ ich mich auf einem großen Stein nieder, um mich herum sprudelte das Wasser in seiner ganzen Lebendigkeit, vor mir hingen die beiden Brücken und alles wirkte so friedlich und ruhig, wartend auf den Winter und wie geschaffen, den Gedanken nachzuhängen. Stefans Pfiff holte mich zurück und oben angekommen, wurde mir mal wieder bewusst, was für ein feiner Mensch er ist – auf dem Tisch stand ein Sahnekuchen mit leckerem frischen Obst, rundherum 30 brennende Kerzen und das alles in dieser Abgeschiedenheit. Darum herum mir liebe Menschen – Herz, was willst Du mehr. Das Essen schmeckte wunderbar, obwohl es so kalt war, dass die Hände die Stäbchen kaum halten konnten und erst der Kuchen hinterher ... dabei fiel mir auf, wie sehr in doch schon in Japan angekommen sein muss, denn das letzte Stückchen Kuchen aß ich, ohne darüber nachzudenken und obwohl ein Löffel daneben lag, mit Stäbchen. Automatisch hatte ich nach den Dingern gegriffen ...
Die Kälte lies das Verlangen nach einem Onsen geradezu ins Unermessliche steigen und daher führte uns unser Weg geradewegs zum nächstgelegenen, das sich als sehr neues und weitläufiges Onsen herausstellte, etwas, was man hier so gar nicht erwarten wollte. Welch ein Genuss ist es, wenn man total ausgekühlt in ein Außenbecken mit heißem Wasser liegen darf, mit Ausblick auf nebelverhangene und regenschwangere Berge. Unbeschreiblich.
Hier holte uns endlich auch der Regen ein. Lange hatte er gezögert, aber nun wollte er sich doch noch fallen lassen. Was uns aber egal war, denn wir saßen bald wieder im Auto, völlig zufrieden und ausgeruht auf dem Heimweg. Dunkel war es eh geworden und so strebte alles gen Heimat.
Warum allerdings kalte Füße, ein kotatsu, Müdigkeit und Hunger in einem Zusammenhang stehen können und wie es kommen kann, dass man trotz alledem erst sehr spät zum Schlafen kommt, das sei an anderer Stelle erzählt. |
| 25. Januar 2006 |
Andere Verhältnisse Wenn man von der Gastfamilie seines Freundes zur eigenen Geburtstagsfeier eingeladen wird, die eigene Gastfamilie aber nicht mal weiß, dass man Geburtstag hat, lässt das für mich auf einiges schließen. Es ist nun nicht so, dass ich deswegen tödlich beleidigt oder enttäuscht wäre, denn dass sich bei mir auf dem Betrieb wenig um Privates, aber dafür alles ums Geschäft dreht, habe ich längst kapiert und akzeptiert. Morgens um viertel vor acht stehen alle auf dem Hof und gehen zur Arbeit und Abends um fünf geht jeder wieder seiner Wege. Zeit für Privates bleibt da nicht, zumal man bei der Arbeit eh kaum redet. Ich weiß bis heute sehr wenig über die Kollegen und die noch weniger über mich. Von meiner Gastfamilie ganz zu schweigen. Dabei will ich gar nicht sagen, dass die Menschen nicht völlig in Ordnung sind, denn ich für mich kann schon sagen, dass ich zu allen ein gutes Verhältnis habe und der Kontakt stimmt. Die ersten Wochen und Monate fand ich diese Situation sehr unbefriedigend und merkwürdig, denn wenn man sich schon einen Praktikanten aus Deutschland antut, der ja doch einen anderen Status als ein „normaler“ chinesischer Landarbeiter hat, dann würde zumindest ich mich für den Menschen, der hinter dem Arbeiter steht, interessieren. Doch dem ist auf meinem Betrieb absolut nicht so. Es klingt hier jetzt vielleicht ein wenig Bitterkeit aus meiner Schreibe und ja, die ist auch da, aber mittlerweile ist das Thema für mich fast gegessen. Es hat eben auch viele Vorteile, zu kommen und zu gehen, wie man will und keine Verpflichtungen der Familie gegenüber zu haben.
Doch dass es auch anders geht, zeigt mir immer wieder Stefans Gastfamilie, die Imadas. Höchstens einmal im Monat bin ich bei ihnen zum Essen oder sonst was eingeladen. Aber das sind dann doch besondere Momente, denn da wird nicht nur der Freund des Praktikanten eingeladen, sondern eben ich. Es besteht echtes Interesse und so macht es einfach Spaß mit den Imadas. Dass das Leben innerhalb einer Familie nicht nur Sonnenschein ist, kann ich mir wohl vorstellen und Stefan bestätigt das auch oft genug. Aber es geht eben persönlicher zu und mit mehr Interesse am Gegenüber.
Verlegen wurde ich aber doch, als Stefan mit der Nachricht ankam, die Imadas wollen für mich eine Geburtstagsparty veranstalten. Den Versuch, dies abzulehnen, weil ich das fast beschämend fand, habe ich erst gar nicht gestartet, denn gebracht hätte es eh nix. Und so saßen wir also am 25.1. im Aufenthaltsraum des neuen Hauses zusammen, aßen lecker Nabe und super leckeren Geburtstagskuchen und sogar Geschenke gab es. Ich war verlegen, wie ein kleiner Schulbub, aber was soll’s – ich hatte das Gefühl, es kommt von Herzen und freute mich darüber um so mehr. |
| 29. Januar 2007 |
Lausig kalt Ist es jetzt morgens. Jeden Morgen ein leichter Raureif, die Folientunnel sind gefroren und der Salat auch. Allenfalls der beinah unverwüstliche Negi kann gleich morgens geerntet werden, der Rest muss erst auftauen. Die Gradzahlen auf dem Thermometer im Hof sind zwar morgens noch bei über Null, aber erstens bei etwa einem Grad und zweitens habe ich dem Thermometer schon im Sommer nicht getraut. Hier hängen auf engstem Raum drei von den Messinstrumenten rum und jedes zeigt eine andere Temperatur. Die Sache mit der Kälte ist nur die, dass es dumm ist, sich zu warm anzuziehen, denn es geht doch schnell wieder auf acht Grad hoch und wenn dann die Sonne scheint, wird einem schnell zu warm mit zu vielen Schichten Klamotten. Es kann durchaus auch noch vorkommen, dass ich hier im T-Shirt arbeiten kann, aber das ist selten und nur wenn kein Wind weht. Der Wind ist ekelhaft. Der richtig kalte Monat soll der Februar sein. Mal sehen, was die hier unter richtig kalt verstehen.
Aber heute morgen dachte ich schon, ich bin (mal wieder) im falschen Film. Salat pflanzen war angesagt. Acht Mann hoch auf den Acker. Salat pflanzen im Januar ist an sich schon ungewöhnlich genug (hat man so was in Deutschland schon mal gesehen?) aber dass es dann auch noch anfing zu schneien, war die Krönung. Nicht umsonst heisst das Gemüse wohl Eisbergsalat. Mein Protest, dass man bei Schnee doch kein Salat pflanzen könne, verhallte ungehört und so blieb nix anderes über, als den Rest der 3.000 qm auch noch zu pflanzen. Und weil seit Wochen kein ordentlicher Regen mehr gefallen ist, wurden die Setzlinge hinterher gleich bewässert. Im Januar! Da lobe ich mir doch den doch noch nach Deutschland eingekehrten Winter – nix mit Salat setzen, Negi ernten, Gemüse bewässern und solch Zeug. Schneemann (yukidharma) bauen, Schneeballschlachten und vor dem warmen Kamin sitzen .... man wird ja wohl noch träumen dürfen. |
| 30. Januar 2007 |
Also manchmal könnte ich diese Enge, die hier herrscht, bis in alle Richtungen verfluchen. Da ist man bester Laune, sprüht geradezu vor Lebensfreude und will einfach nur die Musik aufdrehen, weil die grad so richtig rockt. Und was darf man?? Grad mal so leise drehen, dass man gerade noch was hört, weil ansonsten den thailändischen Nachbarinnen auf der linken und dem Wochenpraktikanten auf der rechten Seite die Ohren klingeln. Das ist doch doof ... Würden die wenigstens alle bis um 23 Uhr arbeiten, wäre das kein Problem, aber nein, die haben schon um halb zehn Feierabend ... |
| 31. Januar 2007 |
Es kommt Bewegung in die Sache Als ich gestern zur Kaffeepause auf den Hof kam, stand in großen Lettern auf der Tafel, dass ich umgehend einen Ishiyama-san vom JAEC zurückrufen soll. Gesagt, getan und so nimmt der Rückflug so langsam Formen an. Die letzten Tage hatte ich mich eh schon selbst drum gekümmert und Kontakte nach Deutschland aufgenommen, aber bislang nichts konkretes erreicht, obwohl es vielversprechend aussieht. Nach dem Telefonat wollte okaasan natürlich wissen, mit wem ich telefoniert hatte und ich erklärte ihr erst Mal die Situation, in der ich mich Momentan befinde – gestrandet in Japan, ohne Rückflug und eigentlich auch ohne das Geld, mir mal schnell einen Flug zu kaufen. Als ich ihr dann auch noch sagte, was Flüge derzeit ungefähr kosten, war ihr Tipp, ich solle mich doch vor dem nächsten Supermarkt aufstellen und singen. Ich sollte hinzufügen, dass ich bislang kaum jemandem vom meinem Betrieb von dem Rückflugproblem erzählt hatte. Denn erstens hat das mit dem eigentlichen Praktikum nichts mehr zu tun und ist demnach meine Sache und zweitens hatte ich einfach nicht das Gefühl, dass ich meine Gastfamilie damit angehen will. Aber Ishiyama-san „empfahl“ mir, Kondo-san anzusprechen und dann bleibt mir gar nichts anderes über, als das auch zu tun. Zumal Ishiyama-san derjenige sein wird, der mit mir am 16. März zur Einwanderungsbehörde in Tokyo läuft und das Visum verlängert. Sein Freund arbeitet dort ...
Heute morgen kam dann der Chef vorbei und fragte direkt, ob so ein Ticket denn sehr teuer wäre. Demnach muss er entweder von seiner Frau oder aber vom JAEC gesteckt bekommen haben, was Sache ist. Jedenfalls meinte er nur, dass er gerne einen genauen Zeitplan für die Zeit bis zu meiner endgültigen Rückkehr haben wolle und er über den Rest nachdenken müsse. Was das jetzt heißt, wenn er nachdenken muss, kann ich mir selbst überlegen, aber ich habe da so meine Gedanken / Befürchtungen. Mal sehen. |
| 1. Februar 2007 |
Tomaten, Negi, Bambus und Kühe – im Schnee Ein vielbeschäftigter Chef hat den Vorteil, dass man auch die angenehmen Sachen erst kurz vorher und im wahrsten Sinne des Wortes zwischen Tür und Angel erfährt. „Heute ab Mittag fahren wir zur Tomatenfarm“. Ein Teilbetrieb meines Chefs ist eine Tomatenfarm, rund 1 Autostunde von Zentsuji entfernt. Dort wurde vor einem Jahr ein Gewächshaus für 1 Hektar Tomaten hochgezogen. Technik und Wissen um den Tomatenanbau kommen in diesem Fall komplett aus den Niederlanden. Sogar die Steckdosen im Gewächshaus haben 200 V und die Form, die allenthalben aus Deutschland bekannt ist. Es werden 2 verschiedene Sorten angebaut, die eine links, die andere rechts vom Mittelweg. Wobei die eine sehr süß sein soll (egal, wie viel Tomaten da angebaut werden, in eine rohe Tomate beiße ich deswegen noch lange nicht) und die andere spitz zuläuft. Düngung erfolgt über eine Nährlösung und jede Pflanze ist mit einem Sensor ausgestattet, der laufend Wasserversorgung und dergleichen misst. Die eine Sorte wird komplett ohne, die andere nur mit wenigen chemischen Pflanzenschutzmitteln angebaut. Interessante Sache und als Chef in einer Besprechung war, hatte ich genügend Zeit, mit meiner wiedererlangten Kamera Fotos zu schießen. Das Gewächshaus steht irgendwo in der Pampa Ostkagawas, auf dem Gelände einer ehemaligen Geflügelfarm. Ganz den Bautraditionen Japans folgend, wurden die alten Hühnerställe aber nicht abgerissen, sondern das Gewächshaus einfach daneben gestellt. Und so stehen neben den neuen Gewächshäusern die alten Ställe und fallen gemütlich in sich zusammen. Ein häufig zu beobachtendes Phänomen. Es war alles sehr interessant, nur der Betriebsleiter ging mir sofort auf den Keks. Begrüßung auf Englisch und per Handschlag. An sich sehr nett, wenn er wenigstens wieder meine Hand losgelassen hätte. Aber die schien im gefallen zu haben und so schüttelte und drückte er meine Hand in einem fort, während wir zum Büro liefen. Wenn ich was auf den Tod nicht ausstehen kann, dann ist das das. Zumal, wenn es so ein luschig-feucht-warmer Händedruck ist. Also echt, nee .. Nach der Tomatenfarm besuchten wir spontan noch einen Milchviehbetrieb, mit dem mein Chef wohl vor allem im Bereich ausländische Arbeiter zu tun. Der Betrieb soll einer der größten seiner Art in Kagawa sein. 350 Stück Vieh, davon 200 Milchkühe, so mein Chef. Für Fragen meinerseits blieb leider kaum Zeit, aber die Tiere werden sowohl zur Milch- als auch zur Fleischproduktion verwendet. Daher auch die sehr massige Körperform, die so gar nicht den magersüchtigen HF-Kühen entspricht. Alles im Offenstall, was im Sommer sicherlich angenehm, bei dem Wetter aber total ekelhaft ist (zumindest für den Menschen). Schon lange wollte ich mal einen Milchviehbetrieb hier sehen, denn wenn man jahrelang mit den Viechern zu tun hat, kommt einem doch die eine oder anderen Erinnerung wieder. Nur war leider, so wenig Zeit.
Bereits am Morgen sagte ich, das Wetter sieht nach Schnee aus. Als wir auf dem Weg gen Zentsuji waren, fing es dann auch zu schneien an. Das erste Mal richtiger Schnee hier in Kagawa. Wenn auch nass und schwer, so waren es doch schnell fünf oder mehr Zentimeter, die auf den Feldern lagen und die Autos waren schneebedeckt. Es war ein wunderschöner Anblick, wenn man so lange keinen Schnee mehr gesehen hat. Lachen musste ich, als ich einen kleinen Hausgarten sah, in dem der grüne Negi aus dem Schnee herausleuchtete. Und die langen, zierlichen Bambuswedel bogen sich unter der Last des nassen Schnees. Leider hatte ich keine Gelegenheit, Fotos zu schießen, denn mein Chef wäre wahrscheinlich zusammengebrochen, wenn ich einfach nur Zeit mit Fotos verschwende, wo man doch immer so beschäftigt ist. In Zentsuji lag aber gar kein Schnee und es hatte nicht mal geregnet. Glück gehabt, zur rechten Zeit am rechten Fleck. |
| 3. Februar 2007 |
Der Howard Carpendale des Ostens Vor einigen Wochen kam obaasan mit einem Kalender zu mir und steckte die Marschroute für die kommenden Wochen ab – das nächste Karaokefestival stand auf dem Programm. Und dafür muss geübt werden! Zugleich drückte sie mir eine Kassette und ein Textblatt in die Hand, mit der Aufgabe, dieses Lied zu lernen. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass es wieder ein japanisches Lied war. Aber entweder sind meine Gesangeskünste mittlerweile so gut oder aber es lag wirklich daran, dass alle immer und ständig beschäftigt sind, denn ich war gerade zwei Mal üben. Kurz vor dem eigentlichen Auftritt wurde mir am Rande noch mitgeteilt, das ich nicht ein, sondern zwei Lieder vortragen darf!! Klar, als alter Hase im Geschäft mache ich das doch mit links, nur mein Unterkiefer wollte sich die kommenden Minuten nicht mehr meiner Kontrolle unterwerfen.
Jedenfalls sollte der 3. Februar der Tag sein. Er begann wunderbar mit ausschlafen, einer Fototour durch die Felder meines Betriebes, einer langen Badewannentour, einem ausgiebigen Frühstück, sowie super Wetter. Kalt, aber voller Sonnenschein. Mal ein anderer Start in einen freien Tag, als üblich. Dass meine Mädels dann doch noch auf mich warten mussten, als sie mich abholten, wollen wir dem Vergessen anheim fallen lassen. Eine verlegenes Lächeln und ein „izumo isogashii“ sind aber keine schlechte Entschuldigung. In der Festhalle war es fast, wie gewohnt. Gleiche Halle, gleiche Menschen- nur dass da drei Fernsehkameras rumstanden, fand ich etwas ungewöhnlich. Aber man ist ja Profi und lässt sich nichts anmerken. Obento verspeist, noch mal kurz raus in die Sonne, Text durch den Kopf gehen lassen und als Nummer sechs rauf auf die Bühne. Trotz Erkältung und einer Stimme, wie ein Reibeisen habe ich zumindest einen Achtungserfolg erzielt (hoffe ich zumindest). Doch der eigentliche Auftritt sollte erst noch kommen. Nummer 24 war ebenfalls für mich reserviert. Dieses Mal stand ein Lied auf dem Programm, was man am ehesten noch als Kinderpartylied bezeichnen könnte. Einfache Melodie und bei jeder Strophe müssen die Zuhörer eine kleine Aktion ausführen. Wär’ ja ganz nett, aber meine Mädels waren natürlich im vollen Organisationseifer und so tummelten sich kurz vor meinem Auftritt statt der üblichen zwei oder drei Wartenden rund 15 Leute im Backstagebereich – meine Backgroundtänzer. So, nun stellt Euch das mal vor – da steht eine Reihe von über zehn Leuten auf der Bühne, wovon die allermeisten wirklich nur Minuten vor dem Auftritt rekrutiert wurden und die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Es waren bald mehr Leute auf als vor der Bühne und als Letzter erscheine ich auf der Bühne. Eine ausführliche Ansage seitens der wohlklingenden Ansagerin und die Party steigt. Meine Mädels hatten sichtlich großen Spaß und die Zuhörer ebenfalls. Von mir ganz zu schweigen, denn da muss man einfach alles über Bord werfen und sich mit Haut und Haaren reinstürzen. Andernfalls wird’s eine Blamage. So aber gab es viel zu lachen, alle waren hinterher glücklich und ich konnte mir ein Dauergrinsen ob der skurrilen Situation einfach nicht verkneifen, das auch jetzt, zwei Tage später noch anhält.
Zu meiner Freude kehrten wir aber nach den eigenen Auftritten recht bald wieder zurück. So konnte ich in aller Ruhe nach Takamatsu aufbrechen, wo ich für den Abend verabredet sein sollte. Es war nicht der Anlass unseres Treffens, aber man soll ja Feste feiern, wie sie fallen und da am 3. Februar „setsubun“ gefeiert wird, gab es eben sushi. Setsubun ist ein Fest, bei dem der Teufel ausgetrieben wird. Der Teufel symbolisiert alles Schlechte und natürlich auch den harten Winter und so soll er schleunigst verschwinden. Dazu wird eine Teufelsmaske oder aber der als Teufel verkleidete Vater mit Bohnen beworfen, es wird eine Sardine aufgespießt und vor dem Altar aufgestellt, denn der Teufel mag den Geruch von Sardinen nicht und ähnliches mehr. Zu essen gibt es makisushi, das sind die sushirollen mit dem grünen Algenblatt außen rum. Die Sushibar, in der wir waren, war denn auch rammelvoll.
Den Rest des Abends verbrachten wir in gelöster Stimmung und der Einfachheit halber blieb ich über Nacht gleich in Takamatsu. |
| 4. Februar 2007 |
Denn um 11.30 Uhr war ich mit Ukawa-san zur Jp-dt. Gesellschaft Takamatsu eingeladen. Was an und für sich ganz nett gewesen wäre, wären da nicht diese beiden, vor allem einer davon, Deutschen aufgelaufen. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Deutsche, aber wenn sie auflaufen, als gehöre ihnen die Welt, wenn man den Eindruck bekommt, es ist ja ganz schön, aber wirklich können tut ihr hier nix, wenn man das Essen nur mit Argusaugen begutachtet und nur teilweise isst, wenn sie einen in all ihrer Herrlichkeit einfach duzen, wenn es nirgends so schön sein kann, wie da wo sie sind – dann werde ich kribbelig. Die beiden kamen von der dt-jp. Gesellschaft Trier und waren aus welchen Gründen auch immer auf der Durchreise. Beide so um die 60 und sie erfüllten das körperliche Image eines Deutschen voll – relativ groß und mit ausladender Körperfülle. Der eine war wirklich nett, sprach sehr gut Japanisch und ich denke, mit dem hätte ich warm werden können. Dummerweise saß ich aber dem Trierer Präsidenten gegenüber und der war schlicht anstrengend. Zu allem Überfluss bekam es das Restaurant, was für japanische Verhältnisse sehr ungewöhnlich ist, nicht auf die Reihe, alle gleichzeitig mit Essen zu versorgen. An sich kein Problem, wenn ich aus welchen Gründen auch immer, nicht einen Platz gehabt hätte, der bei jedem Gang vergessen wurde. Dabei war das Abendessen des Vorabends schon lange her, das Frühstück hatte nur aus einem Kaffee bestanden und ich hatte einfach Hunger!. Aber während meine Gegenüber schon beim Kuchen waren, bekam ich gerade mal das Fleisch. Und wirklich reichlich war es ebenfalls nicht. Zwar lecker, aber ...
Nach diesem Treffen, so war es mit Ukawa-san schon lange ausgemacht, sollte aber Leib und Seele was Gutes getan werden, was hieß, wir enterten ein Onsen. Was für eine Wohltat, bei strahlendem Sonnenwetter draußen im heißen Wasser zu liegen. Nach einem schönen Onsen überkommt einem gelegentlich der Durst. Aber Ukawa-san war der, wohl aus Erfahrung gewonnen Meinung, dass nach einem Onsen nur Bier wirklich schmeckt und auch nur dann, wenn man vorher nichts anderes trinkt. Also schleunigst auf gen Hashioka, seiner Wohnstatt und kaum angekommen, ran an den Tisch und Bier aufgemacht. Das hat beinah gezischt, so schnell lief es durch die Kehle. Der Tisch war bereits mit Abendessen gedeckt und seine Frau, zwei seiner Kinder, eine Freundin und seine Schwester waren da. So wurde der Abend ein lustiger, feucht-fröhlicher Abend mit viel Gelächter, Seitenhieben in alle Richtungen, Musik, Ukawa-sans Schlagzeugeinlage und wieder einem Fresspaket für zuhause. Was mich aber fast schaffte, war der Geburtstagskuchen. Ich weiß nicht, woher sie wussten, dass ich Geburtstag hatte, aber auf einmal überreichte mir die Tochter ein kleines Geschenk und auf dem Tisch stand ein super leckerer Erdbeersahnekuchen mit Kerzen. Da musste ich erst mal das japanische Wort für „Rührung“ aus dem Wörterbuch suchen. Witzigerweise war aber auch Hochzeitstag von Ukawa-san und seiner Frau. 34 (?) Jahre verheiratet. |
| 6. Februar 2007 |
Die Würde des Scheiterns Ein jeder kennt sie, diese Situationen, in denen man erkennen muss, dass man geradewegs ins Verderben rennt. Vielleicht hat man noch mit einem guten Gefühl begonnen, aber jetzt – jetzt erkennt man, dass man auf dem falschen Weg ist und es keine Umkehrmöglichkeit mehr gibt. Das gute Gefühl des Anfangs weicht nach und nach einem Gefühl der drohenden Niederlage. Alles wird langsamer, träger, die Sonne scheint nicht mehr so hell, die Tage werden düsterer und über allem hängt ein grauer Schleier. Und doch – es besteht keine Umkehrmöglichkeit und gäbe es eine, würde man sie nicht nutzen. Man hat sich dieser Sache mit Haut und Haaren verschrieben und wenn sie jetzt den Bach runter geht, geht man eben mit. Was bleibt einem da noch anderes über, als den Rest des Weges mit Würde, Anstand und offenen Auges bis zum endgültigen Ende zurückzulegen? Hoch erhobenen Hauptes bis zum Schluss. Denn jetzt klein beigeben hieße, der Sache von Anfang an untreu gewesen zu sein. Diese Würde des Scheiterns, die Würde im Scheitern – die gilt es zu bewahren. |
| 7. Februar 2007 |
Abschiedsparty die Erste Dann will ich mal anfangen, die Abschiedspartys durchzuzählen. Diese erste war der Abschluss eines Anfangs, der mit der Wellcomeparty am 13.Mai begonnen hat. Und wenn ich mir durchlese, was damals passiert ist und was heute wieder geschah, so sage ich einfach – oben lesen, dann wisst Ihr es. Es gab Nabe, wir saßen auf dem Boden, rund 15 Leute waren da (alle ehemalige Praktikanten) und wir dazwischen. Was wegfiel, war die Selbstvorstellung, aber was sein musste, war eine kurzer Bericht, was denn in dem vergangenen Jahr so abgelaufen ist. „Da können ein paar Sätze ganz schön lang werden.“ Aber es war allemal sehr lustig und wieder die Erfahrung gemacht, mit steigendem Bierpegel fallen die Hemmungen. Als Abschlußgeschenk gab es einen Bildband von der Setouchiregion, der Inlandsee. Dann war da eine junge Dame, die ab Juni für eineinhalb Jahre in die USA geht. Ich fürchte, für sie werden die ersten Wochen noch härter, als für uns hier. Denn sie spricht so gar kein Englisch, dass ich nur hoffe, dass sie gute Nerven und einen langen Atem hat. Aber im Gegensatz zu uns, wird sie erst mal 3 Monate Englisch lernen. Wenn ich da an unsere paar Wochen denke ...
Und wo wir gerade bei Partys sind, bietet sich ein Blick auf die Raucher an. Verglichen mit Deutschland würde ich sagen, dass hüben wie drüben etwa gleich viele Menschen rauchen. Nur – während sich in Deutschland der „Nichtraucherschutz“ durchgesetzt hat und gerade kürzliche neue Gesetze diesbezüglich beschlossen wurden, scheint das hier kaum jemanden zu interessieren. Nimm zehn Leute, davon nur einen Raucher und setze sie in einem Raum. Du kannst davon ausgehen, dass der Raucher völlig selbstverständlich die Kippe rauszieht und zu schmöken anfängt. Er käme nie auf die Idee, dass sein Rauchen stören könnte, aber es würde ihn wahrscheinlich auch niemand darauf ansprechen. So ist Rauchen völlig selbstverständlich und wer Nichtraucher ist, hat gelitten. |
| wegen der Übersichtlichkeit geht es ab jetzt im 11. Teil des Tagebuchs weiter. |